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Musterschüler in Sachen politischer Selbst-Darstellung: der talentierte Herr Lindner von der FDP

Christian Lindner bei "Anne Will"

Die FDP hat in Nordrhein-Westfalen ein historisch gutes Wahlergebnis geholt. Zu verdanken hat die Partei das zu allererst ihrem NRW- und Bundesvorsitzenden Christian Lindner. Der versucht – bislang erfolgreich – in einem beispiellosen Kraftakt die Liberalen (fast) im Alleingang zurück in den Bundestag zu hieven. Bei „Anne Will“ konnte man erneut die erstaunlichen Fähigkeiten des Christian Lindner – auch im Spiel mit den Medien – beobachten. Er muss aber aufpassen, dass er nicht überreizt.

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Man sieht Christian Lindner die Anstrengungen der Ochsentour an, die er sich da auferlegt hat. Praktisch im Alleingang eine Partei zu retten, ist keine kleine Aufgabe. Unterstützt wird er auf der medialen Bühne nur hin und wieder durch den schleswig-holsteinischen FDP-Chef Wolfgang Kubicki, ansonsten ist die FDP derzeit die schon viel beschriebene One-Man-Show.
Das hat natürlich Gründe. Ohne Repräsentanz im Bundestag hat sich Lindner entschlossen, das dominierende Gesicht der Partei zu sein. Er verkörpert die neue FDP. Le Partei, c’est Lindner. In Zeiten, in denen bei der politischen Wahrnehmung über die Medien ganz viel von Personen und Persönlichkeiten abhängt, ist das keine dumme Idee. Aber für Lindner eine sehr anstrengende.
Er schafft bislang einen erstaunlichen Spagat zwischen Zahlenhuberei und Nahbarkeit. Da ist einmal der Christian Lindner in dem viel besprochenen NRW-Wahlspot, der ihn in einem Trainingsshirt zeigt und auch mal müde in die Welt schauen lässt. Selbst die eigene Erschöpfung wird zum Stilmittel gemacht. Alles, wirklich alles muss verwertet werden.
Christian Lindner ist wie kein zweiter deutscher Politiker bei Facebook präsent. Er dreht kleine Videos vom heimischen Balkon oder vom Rücksitz der Limousine und erzählt, was ihn gerade so bewegt. Trotz seines Pensums findet er noch Zeit, auf viele Kommentare persönlich zu antworten. So greifbar wie Lindner ist kein anderer deutscher Politiker in den sozialen Netzen. Der Lohn der Mühe: Er hat mittlerweile mehr Likes, Reactions, Shares etc. als die Bundeskanzlerin und viel viel mehr als der gerupfte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.
Dazu ist Lindner rhetorisch beschlagen und mit scharfer Intelligenz ausgestattet. Man sieht das in Talkrunden wie am gestrigen Sonntagabend bei „Anne Will“ zum eher drögen Thema wohin mit den Steuer-Milliarden. Lindner war zu jedem Zeitpunkt hellwach. Wie oft hatte er einen kleinen Zettel mit Notizen dabei, denn er will ja „die Zahlen richtig haben“, wie er sagte. Wenn jemand etwas sagt, worauf er später eventuell eingehen will, sieht man Lindner sich eine schriftliche Notiz machen. Selbst hier transportiert er unterschwellig eine Botschaft: Er ist genau, will keine Fehler machen, ist sich eigener Schwäche bewusst.
Wenn er dann gefragt wird – von der Moderatorin oder einer Mit-Diskutantin – hat er die Fakten parat und ist auch in der Lage, spontan und humorvoll zu reagieren. Etwa wenn ein einsamer Klatscher im Publikum im Beifall spendet. Anne Will: „Haben Sie einen Freund mitgebracht?“ Lindner: „Nein, meine Freunde sitzen auf der anderen Seite. Aber vielleicht habe ich einen neuen Freund gewonnen.“
Er ist sich auch wohl bewusst, dass sein Auftreten nach der siegreichen NRW-Wahl nun noch schärfer unter Beobachtung steht – sowohl von den Medien als auch von der politischen Konkurrenz. In einem seiner Facebook-Videos sinnierte er jüngst darüber, dass er jetzt eigentlich nur alles falsch machen könne. Sei er zu forsch, werde ihm das als Arroganz ausgelegt. Trete er zu bescheiden auf, heiße es, die Fahnen würden eingerollt und die FDP schiele nur auf eine Regierungsbeteiligung. Das zeigt, dass er weiß wie er wirkt und vor allem wie er wirken möchte. Fallstricke werden von ihm früh erkannt und bislang weitgehend umgangen.
Wenn es eine echte Gefahr gibt für diesen höchst talentierten Musterschüler in Sachen politischer Selbst-Darstellung, dann ist das sein Habitus. Er ist manchmal dann doch ein bisschen zu schneidig und alert, einen Tick zu schnell auf Zinne. Da wirkt er so ein wenig wie ein übereifriger Streber aus der Oberprima. Einer, der vielleicht in der Sache recht haben mag aber zu sehr auftrumpft, um beliebt zu sein. Da fragt man sich, ob das echt ist, echt sein kann, was der Lindner da präsentiert.
Doch er ist schon weit gekommen. Auch die frühzeitige Kommunikation, dass er nach der Wahl in NRW eine Rolle auf Bundesebene anstrebt, war weitsichtig und schlau. Man darf davon ausgehen, dass er einen Plan hat, wie es ohne ihn mit der FDP in NRW weitergehen wird. Landes-Generalsekretär Johannes Vogel hat sich ja schon mit dem einen oder anderen Gast-Beitrag und Talkshow-Auftritt in Stellung gebracht.
Wenn es für Christian Lindner nach Plan läuft, zieht er im Herbst weiter von Düsseldorf nach Berlin. Dann wird sich zeigen, ob aus dem extrem talentierten Wahlkämpfer ein Bundespolitiker von Format werden kann. Weniger anstrengend für ihn wird es jedenfalls nicht werden.

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