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Sascha Lobos TV-Doku über die Manipulationsmaschine Facebook: Wenn die Zahl der Likes entscheidet, was wahr ist und was nicht

"Es geht nicht darum, dass eine große böse Firma im Inneren seine Fäden zieht": Sascha Lobo geht in der Doku dem Einflus von Social Media auf unser Denken und Empfinden auf den Grund

Die gute Nachricht zuerst: Bei Facebook & Co. gibt es „keine dunklen Mächte“, die uns steuern oder „eine große böse Firma“, die im Inneren ihre Fäden zieht. Davon ist Sascha Lobo überzeugt. Der bekannteste deutsche Web-Publizist hat für ZDFneo die Doku „Manipuliert“ gedreht, in der er der Frage nachgeht, wie soziale Medien uns beeinflussen. Im MEEDIA-Interview erklärt er, welchen Manipulationen wir und tagtäglich bei Facebook & Co. ausgesetzt sind, wie wir uns davor schützen und welchen Einfluss die digitalen Communities auf die Bundestagswahl haben könnten.

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Man kennt Sie als Buchautor, Kolumnist und ganz allgemein als Internet-Erklärer. Jetzt kommt noch die Jobbezeichnung des Dokumentarfilmers dazu. Ist es überhaupt Ihre erste TV-Doku?
Nein. 2008/09 drehte ich schon einmal eine einstündige Dokumentation für Arte.
Ich rate mal: Das Thema war Internet?
Unglaublich, aber ja, das stimmt. Spaß beiseite: Es war wirklich interessant. Das Projekt trug den Namen „der LOBOist“ und war eine Dokumentation über Lobbyismus. Das Ziel des Films war, das Recht auf W-Lan ins Grundgesetz zu bekommen. Das war natürlich ein Trick. Denn eigentlich ging es darum, zu zeigen, wie Lobbyisten arbeiten. Also ging ich zu ihnen und sagte: Ihr könnt das doch so gut. Sagt mir mal, wie ich W-Lan ins Grundgesetz bekommen kann.
Und?
Viele haben wirklich ihre Tricks verraten. Heute sieht der Film aber etwas nach Michael Moore für Arme aus.
Das ist jetzt aber auch bald zehn Jahre her. Damals also Michael Moore für Arme. Jetzt verspricht uns das Presseheft zu „Manipuliert“ ein „Social Factual“. Was muss man sich unter diesem Schlagwort vorstellen?
Wenn ich das selbst so genau wüsste. Ich sage lieber, was wir konkret getan haben: Wir haben einen Film gedreht, in dem wir bestimmte soziale Medien-Phänomene nachgestellt haben und diese gleichzeitig hintergründig und mit wissenschaftlicher Unterstützung zu erklären. Die Grundprämisse: Seit einigen Jahren, aber spätestens seit der Wahl von Trump, ließ sich beobachten, dass öffentliche Diskussionen getrieben durch soziale Medien eine immense politische Wirkung entfalten konnten. Offenbar kann die sozial-mediale Öffentlichkeit auch dazu beitragen, dass autoritäre Kräfte an die Macht kommen.
Nach dem ich gefühlte tausende Artikel dazu geschrieben hatte, dachte ich: Vielleicht ist es mal an der Zeit, das Publikum zu erweitern und über ein anderes Medium mehr Leute zu erreichen. Genau in dem Moment kam Michaela Hummel von der Produktionsfirma Doclights auf mich zu. Natürlich soll der Film keine prinzipielle Warnung vor den sozialen Medien sein, sondern die Fragen klären: Wie funktionieren die genau? Welche Mechanismen wirken da? Und was kann man selbst gegen Manipulation machen? Das Ziel ist, soziale Medien besser nutzen zu können.
https://www.youtube.com/watch?v=HeF9IPDDupM
Werden wir denn über die sozialen Netzwerke manipuliert?
Gleich am Anfang sage ich einen sehr entscheidenden Satz: Es geht nicht darum, dass uns dunkle Mächte manipulieren oder dass eine große böse Firma im Inneren seine Fäden zieht. Tatsächlich geht es um ganz alltägliche Beeinflussungsmechanismen, die auf unseren – meist unbewussten – Wahrnehmungsfehlern beruhen. Das heißt: Den ganzen Tag sorgen viele, kleine Beeinflussungen in den sozialen Medien dafür, die große Öffentlichkeit mit zu verändern. Nur wenn man diese Mechanismen erkennt, versteht man, wie soziale Medien auf die Gesellschaft wirken. Davon handelt der Film.
Was sind das für Beeinflussungsmechanismen?
Die Basis sind kognitive Verzerrungen. Also systematische Fehler in unserer Wahrnehmung und Erinnerung, im Denken oder in der Urteilsfindung. Ein schon recht gut erforschter ist der Mitläufer-Effekt: Man neigt dazu, sich im Zweifel der Mehrheit anzuschließen bzw. aufgrund des Gruppenzwangs etwas für richtig oder sogar wahr zu halten, was die Mehrheit im sozialen Umfeld richtig findet.
Diesen Effekt kann man auch bei Facebook beobachten?
Genau. Die Zahl der Likes gibt uns ein Empfinden, ob etwas wahr sein könnte oder nicht, ob etwas relevant ist oder nicht. Die Meinung der vermeintlichen Mehrheit in sozialen Medien hat auf einmal eine Auswirkung auf unsere Sicht der Welt.
Hört sich beängstigend an.
Das ist aber einer der am stärksten wirkenden, sozialen Mechanismen.
Welche gibt es noch?
Die Hyperemotionalisierung der sozialen Mediensphäre zum Beispiel. Die Facebook-Algorithmen begünstigen Engagement. Dabei handelt es sich oft um Empörung oder Begeisterung, und das kann zum Problem werden. Soziale Medien sind Gefühlsmedien. Und weil das so ist, werden empörte Beiträge sehr viel weiter und schneller verbreitet. Die allgemeine Diskurstemperatur in der Öffentlichkeit verändert sich.
Wir haben es also auch mit einer Emotionalisierung des öffentlichen Diskussionsraums zu tun?
Es ist zumindest kein Zufall, dass die sozialen Gefühlsmedien, die eben auch als Wutmedien wirken, für Wutbürger besonders gut funktionieren. Empörung läuft besonders gut in sozialen Medien, das ist ja kein Geheimnis. Aber inzwischen wirkt das eben intensiv zurück auf die Politik.
Welche Beeinflussungsmechanismen wirken sonst noch auf uns?
Wir haben fünf Experimente gemacht, die verdeutlichen sollen, wie verschiedene kognitiven Verzerrungen aussehen. So gibt es neben dem Mitläufer- auch den Wahrheitseffekt. Man neigt dazu, für wahr zu halten, was man häufig hört. Aber auch gewisse soziale Effekte, die auf das Verhalten in der Gruppe wirken. Oder den Bizarrheits-Effekt. Man erinnert sich besser an die Dinge die bizarr herausstechen, darüber wird auch mehr diskutiert, was wiederum höheres Engagement bedeutet. Das kann zu einer Sensationalisierung der sozialen Medien führen.
https://www.youtube.com/watch?v=wpqhOcNlduI
Auch wenn Sie nun sagen, dass es keine lenkende Macht und auch keine große Verschwörung gebe, konnten wir doch alle diese Effekte sehr gut während des Trump-Wahlkampfes und der Brexit-Kampagne beobachten. Haben die Leute diese Effekte nun bewusst genutzt?
Da kommen wir unweigerlich zur Debatte um Cambrige Analytica und deren Ansatz, Menschen über die sozialen Medien sehr genau einschätzen zu können. Die in einem Schweizer Magazin im Dezember transportierte Behauptung, CA habe uns damit Trump beschert, ist meiner Meinung nach Unfug. Aber die grundsätzlichen Möglichkeiten dahinter nicht unbedingt. In unserem Film erklärt die Psychologin Sandra Matz, wie man sehr viel über einen Menschen nur mit Hilfe der Facebook-Likes herausfinden kann. Und in einem Experiment zeigen wir, wie gut diese Techniken funktionieren können. Unabhängig davon, ob solche Techniken bei Trump und Brexit den Ausschlag gaben, ist ja nachvollziehbar, dass man Menschen um so zielgerichteter beeinflussen kann, je besser man sie kennt.
Nutzt jemand diese Mechanismen heute schon sehr gut?
Zumindest Facebook selbst muss sehr weitreichende Kenntnisse haben, nutzt diese aber wahrscheinlich nicht in vollem Umfang. Es gab seitens Facebook Experimente dazu, eines hat Jonathan Zittrain beschrieben und „Digital Gerrymandering“ genannt. Facebook weiß in den USA, wer demokratisch wählt und wer republikanisch. Mithilfe eines Wahlaufrufs, in dem auch die eigenen Friends zu sehen sind („Ich war schon wählen, gehst du auch?“), ließ sich die Wahlbeteiligung messbar steigern. Wenn Facebook diese Aufforderung jetzt nur Demokraten oder nur Republikanern anzeigen würde – wäre das eine völlig neue Form der Manipulation. Das scheint aber bisher nicht geschehen zu sein.
Blicken wir nach Deutschland. Sind die deutschen Parteien im jetzt startenden Wahlkampf überhaupt fähig und in der Lage, diese Effekte für sich zu nutzen?
Wenn man sich das von außen anguckt, dann könnte man meinen, dass sie digital noch nicht so weit sind. Allerdings gibt es auch interessante Projekte wie Connect17 von der CDU oder auch die Social-Media-Aktivitäten der AfD. Die Partei hat die sozialen Medien schon viel besser verstanden. Weniger mit hintergründigen Werbestrategien, sondern viel mehr mit klassischer intensiver Arbeit in den sozialen Medien, die zudem auch clever geplant und hartnäckig vorgetragen wird. Das macht sie erfolgreich. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die AfD die mit Abstand meisten Facebook-Likes hat. Ich halte die AfD für die erste echte Internet-Partei.
Was kann jeder von uns machen, um sich besser gegen diese neuen Manipulationsmöglichkeiten zu wappnen?
Als erstes hilft schon einmal die Erkenntnis, dass bestimmte Formen von Manipulation im eigenen Kopf stattfinden: weil wir alle zu einer verzerrten Wahrnehmung neigen. Auch über die ständige Emotionalisierung sollte man sich im Klaren sein. Alleine das Wissen hilft aber nicht, man muss es sich selbst immer wieder vergegenwärtigen.
Kann man dann Facebook noch genießen?
Natürlich. Man braucht ja nicht für alle Situationen eine Gebrauchsanleitung im Kopf. Aber selbst gut gebildete Fachleute fallen trotzdem immer wieder auf Fake-News herein. Man kann sie auf den ersten Blick oft nicht als solche erkennen, was bedeutet: recherchieren, nachprüfen, Quellen studieren. Das muss eigentlich zum Social-Media-Alltag gehören. Und grundsätzlich hilft, sich so selten wie möglich von den eigenen Empfindungen davontragen zu lassen: Vor jedem Sharen und Liken kurz innehalten und darüber nachdenken, was man gerade überhaupt macht. Mag sich banal anhören, aber geschieht trotzdem noch viel zu selten.
„Manipuliert“ läuft am heutigen Donnerstag (18. Mai 2017) im ZDFneo um 23.00 Uhr. Begleitend zum Film gibt es eine Homepage, die alle Informationen noch einmal Zusammenfasst und vertieft

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