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Skandinavische Seriensensation kommt vielleicht nach Deutschland: Wie die norwegische Webserie „Skam“ die Fernsehwelt aufmischt

Die norwegische Hit-Serie "Skam" (übersetzt: "Schande") soll auch in Deutschland einen Ableger bekommen

Selten waren Realität und Fiktion so nah beieinander, wie in „Skam“: Die norwegische Webserie erzählt von Teenagern und ihrem turbulentem Alltag – in Echtzeit, im Social Web, im Netz und im Fernsehen. Das bisher beispiellose Multi-Channel-Format ist eine skandinavische Seriensensation – rund jeder fünfte Norweger schaltet ein. Nun soll die Serie in Deutschland vielleicht einen Ableger bekommen.

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Sex, Alkohol, Drogen, Depressionen, Glaubensfragen, Partys, Liebeskummer, Zukunftsängste – die norwegische Webserie „Skam“ (übersetzt: „Schande“) verhandelt eigentlich alles, was Jugendliche bewegt. „Gewagt, emotional, lebensecht“, wie Rachel Donadio von der New York Times schreibt. Aber mit einer entscheidenen Besonderheit: Die Webserie des norwegischen Rundfunks NRK veröffentlicht nicht nach Sendeplan.

Jede Woche werden auf der Serienwebsite mehrere Szenen aus dem Alltag der Schülerinnen und Schüler der Hartvig-Nissen-Schule in Oslo veröffentlicht. Ohne Vorwarnung und zum Zeitpunkt des Geschehens. Findet also etwa Samstag nachts eine Hausparty statt, dann findet auch jene Szene aus „Skam“ ihren Weg ins Web. Parallel stricken fiktive Chat-Protokolle der Protagonisten und die Instagram-Accounts der fiktonalen Charaktere die Story im Netz weiter. Eine Zusammenfassung der Geschehnisse, gebündelt zu einer klassischen Serienepisode, wird Freitags im linearen Fernsehen gezeigt.

Die Webserie, mit einem überschaubaren Budget von rund 1,1 Million Euro immer noch eine Low-Budget-Produktion, ist seit ihrer Erstausstrahlung im September 2015 bei NRK3 zu einer skandinavischen Seriensensation geworden. Mit wöchentlich knapp 1,2 Millionen Web- und einer Million TV-Zuschauern ist „Skam“ die erfolgreichste Webserie in der Geschichte des Landes. Bei einer Bevölkerungsanzahl von fünf Millionen sieht also rund jeder fünfte Norweger das Format. Aktuell wird eine vierte Staffel produziert. In den USA hat sich Star-Produzent Simon Fuller (u.a. „American Idol“) schon die Rechte für einen amerikanischen Ableger, der wahrscheinlich „Shame“ heißen wird, gesichert.

Neben der virtuosen und aufregenden Verflechtung von Realität und Fiktion hat „Skam“ vor allem eine Stärke: Authentizität. Ein halbes Jahr ist Julie Andem – Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin in Personalunion – durch Norwegen gereist um junge Teenager zu treffen. Dabei habe sie eine wichtige Erkenntnis gewonnen: „Teenager spüren heute einen permanenten Druck von allen Seiten“, so Andem gegenüber der New York Times. „Den Druck, perfekt zu sein. Den Druck, immer abliefern zu müssen. Wir wollten eine Show machen, die ihnen den Druck nimmt.“

Und so zeigt „Skam“ schlichtweg das wahre Leben. Mit all seinen Schwierigkeiten und schönen Seiten. Wahnsinn ist eben noch der schönste Sinn. Welcher sich, mehr oder weniger, auch im Cast widerspiegelt – böse Zungen würden sagen: „Skam“ ist Laientheater. Denn namhafte Schauspieler finden sich hier nicht. Andem hat bei einem Casting aus rund 1.200 Bewerbern die vielversprechendsten ausgesucht und erst anschließend die Figuren ihrer Serie entwickelt. Dass ihre Darsteller, die größtenteils zwischen 17 und 19 Jahren alt sind, teilweise noch zur Schule gehen, dürfte für Andem dabei mehr von Vor- als Nachteil sein. Auch wenn das heißt, auch mal zwei Episoden in drei Tagen abzudrehen. Geschadet hat es dem Format offenbar nicht.

„Skam“, das ursprünglich das Internetangebot des Norwegischen Rundfunks für Jugendliche attraktiver machen sollte, hat sich längst zu einem Kult entwickelt. „Junge Menschen aus aller Welt sehen sich eine norwegische Serie an und bilden eine Gemeinschaft, um sich gegenseitig bei der Übersetzung ins englische oder andere Sprachen zu helfen“, zeigt sich Håkon Moslet, Chef der Jugendabteilung beim NRK, gegenüber dem britischen Guardian verblüfft. Seit Januar 2017 ist „Skam“ aufgrund von Geoblocking zwar nur noch in Norwegen abrufbar, Fans setzen sich über Umwege allerdings über die Ländergrenzen hinweg.

„Es ist eine Show, die die Macht der sozialen Netzwerke beschwört“, schreibt Gaytimes- und GQ-Kolumnist The Guyliner. „Die Serie ist authentisch, eine intensive Erfahrung. Fans sind proaktiv dabei; sie sind total engagiert.“ Jugendliche sehen sich die Webserie an, um auf dem Schulhof mitreden zu können. Eltern, um den Hype unter ihren Kids zu verstehen. Und auch in der LGBT-Community genießt die Serie ein hohes Ansehen, vor allem seit der dritten Staffel, in der die Beziehung zwischen Isak (Tarjei Skandvik Moe) und dem älteren Jungen Even (Henrik Holm) thematisiert wird. In jeder Staffel steht ein anderer Protagonist im Fokus.

Wie sehr „Skam“ bereits im Alltag der Norweger angekommen ist, zeigt auch der gesellschaftliche Diskurs der Sendung: Als ein Junge von Noora (Josefine Frida Pettersen) in Staffel 2 Fotos veröffentlicht, auf der sie halbnackt zu sehen ist, konfrontiert sie ihm mit dieser Straftat. Die norwegische Polizei ist auf die Diskussion mit einem Facebook-Posting eingestiegen und hat Frauen ermutigt, ähnliche Fälle ebenfalls zu melden. „‚Skam‘ kombiniert Realität mit Fiktion und die Linie dazwischen ist eigentlich nicht so klar“, sagt Mari Magnus, Web-Produzent der Show und verantwortlich für die Chat-Protokolle und Instagram-Accounts der Protagnisten, gegenüber der New York Times.

TV-Produzent Jan Mojto schwärmt gegenüber der Welt von einem „Phänomen“. Seine Produktionsfirma Beta Film, die hinter Serienprojekten wie „Der gleiche Himmel“ und „Babylon Berlin“ steht, verhandelt in Deutschland über die Rechte. „Es gibt ein sehr großes Interesse von mehreren Partnern“, heißt es von Beta Film auf Nachfrage von MEEDIA. Näheres lasse sich momentan noch nicht sagen. Ein deutsches „Schande“ dürfte bei diesen Aussichten aber nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.

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