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Medienforscher über Roboter-Journalismus: „In der Massenproduktion schneiden Maschinen besser ab als Menschen“

Der Hamburger Journalistik-Professor Thomas Hestermann geht nicht davon aus, dass Roboter Journalisten jemals ersetzen können

Dass Texte von Menschen geschrieben werden, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Immer öfter übernehmen Roboter Arbeiten von Journalisten. Aber sind sie ein guter Ersatz? MEEDIA hat mit dem Hamburger Journalistik-Professor Thomas Hestermann gesprochen, der sich intensiv mit dem Thema befasst hat. Der Macromedia-Forscher sagt, welche Vorteile die Programme haben – und wo ihre Grenzen liegen.

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Herr Hestermann, Roboter-Journalismus ist ein ziemlich sperriger Begriff. Was meint er eigentlich?
Thomas Hestermann: Es ist faszinierend, dass alle, sowohl die Kritiker wie auch die Programmentwickler, von Roboter-Journalismus reden. Dazu gibt es viele Bilder, auf denen ein Roboter vor der Tastatur sitzt. Das ist eigentlich Quatsch. Es geht ja nicht um Industrieroboter, also sozusagen menschenähnliche Maschinen. Es geht um Programme. Mithilfe von Algorithmen werden Texte generiert. Im Grunde besteht Roboter-Journalismus aus drei Komponenten: Man braucht Textbausteine, Daten und eine Verknüpfung. Wenn die Maschine etwa die Eingabe erhält, dass zwei Fußballmannschaften gleich viele Tore geschossen haben, wählt sie die Formulierung: „Die Mannschaften trennten sich… unentschieden“ – und in die Leerstelle wird beispielsweise 1:1 eingesetzt.

Aber die Formulierungen muss weiterhin der Mensch schreiben…
Genau, die Textbausteine sind vorgegeben. Aber man kann sie natürlich variieren. Und genau an der Stelle wird es spannend: Schließlich kann die Maschine, wenn sie gut programmiert ist, die Textbausteine viel geschmeidiger mischen als der Mensch. Selbst nach dem siebten Provinzsportartikel und auch in tiefster Nacht wird sie nicht müde und wiederholt sich nicht, sondern mischt ganz geschmeidig weiter. Das führt dazu, dass in der Massenproduktion Maschinen teilweise sogar besser abschneiden als Menschen – was bitter ist, aber es ist leider so.

Im Endeffekt setzt die Maschine oder der Algorithmus die Formulierungen nur zusammen, die der Mensch im Vorhinein geschrieben hat und ergänzt sie um Daten. Also geht Roboter-Journalismus ohne Mensch überhaupt nicht.
Richtig, und an der Stelle relativiert sich das Erschrecken vor dieser Technik. So sind maschinelle Texte von menschlichen kaum mehr zu unterscheiden. Die New York Times hat den Test gemacht, acht Texte veröffentlicht und die Leser befragt, welche von der Maschine und welche vom Menschen stammen. Darunter war zum Beispiel ein Gedicht, von dem bei unserer Wiederholung des Tests am Campus eine Wissenschaftlerin sagte, „klingt wie Shakespeare“. Dabei war der Text per Software erstellt – aber eben mit der Software Swiftkey, die mit Textbausteinen von Shakespeare arbeitet. Das ist digitale Mimikry: Im Endeffekt wirkt die Maschine intelligenter, als sie eigentlich ist. Sie ist eben nicht so gut wie Shakespeare, sondern nutzt lediglich dessen Formulierungskunst und mischt sie neu.

Kommen wir auf das Beispiel der Sportnachrichten zurück, das Sie vorhin angerissen haben. Es soll eine Ergebnisnachricht über ein Fußballspiel entstehen. Was könnte die Maschine machen – und was kann sie noch nicht?
Generell kann die Maschine nur so viel leisten, wie man ihr beigebracht hat – und nicht mehr. Insoweit funktioniert die Routine. Aber was ist, wenn zum Beispiel der Schiedsrichter niedergeschlagen wird? Wenn es also unvorhergesehene Ereignisse gibt? Dann spult die Maschine ihr Programm runter. Das würde aber auch ein Mensch tun, der die Information nicht hat. Standardisierte Berichte sind für Maschinen kein Problem. Doch die machen nur einen sehr kleinen Teil des Journalismus aus, beispielsweise bei klassischen Bilanzberichten. So werden bei der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) Quartalsmeldungen von Unternehmen bereits per Algorithmus geschrieben.

„Guten, phantasievollen Journalismus wird auch in 50 Jahren kein Roboter produzieren“

Aber auch da können Zwischenfälle eintreten, wie zum Beispiel bei Samsung der Produktionsstopp des Galaxy Note 7, der sich auf die Zahlen ausgewirkt hat. Diesen Hintergrund kann die Maschine nicht sehen.
Das ist allerdings ein spezieller Fall ist. Es ist wie in einer Fabrik mit vielen Robotern, in der  immer noch Menschen diese Maschinen überwachen und den Output überprüfen. Dass Menschen schlussendlich die Verantwortung haben, das ist wichtig. Aber als Faustregel kann man sagen: Soweit Journalismus in sehr engen Routinen und Textformen arbeitet, können Maschinen heute schon genauso gut und in Zukunft wahrscheinlich noch besser, schneller und ausdauernder als wir Menschen arbeiten.

Welche Vorteile hat so ein Roboter noch?
Mir hat eine Kollegin gesagt, dass sie ganz froh sei, nicht mehr die Lottozahlen per Hand abschreiben zu müssen, um sie in die Zeitung zu bringen. Denn man ahnt es schon: Früher oder später geht das schief. Wenn gut ausgebildete Journalisten geistlose Arbeit machen, nützt dies keinem. Zumal der Roboter in der Datenübertragung in aller Regel fehlerfrei agiert.

Aktuell hat sich eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Anfang März in der Fachzeitschrift Digital Journalism erschienen ist, mit dem Thema befasst. Darin konnten Journalisten, unter anderem der CNN, BBC oder Reuters, Roboter-Journalismus einmal ausprobieren. Viele der Probanden kamen nachher zu dem Ergebnis, dass Maschinen die Texte auch individueller schreiben können. Dass ein Mensch in Bayern zum Beispiel direkt den Wetterbericht für seinen Wohnort bekomme.
Roboter-Journalismus spielt vor allem da eine große Rolle, wo nicht etwa Journalisten verdrängt werden, sondern wo sie noch gar nicht gearbeitet haben, etwa bei hyperlokalen Wetterberichten. Ein gutes Beispiel ist das Projekt Pflege-Wegweiser von correctiv.org, das Daten von 13.000 Pflegeheimen in Deutschland in Textform zugänglich macht. Diese Daten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen hätte man sonst wahrscheinlich nur in Tabellenform bekommen, was sehr sperrig ist. Dank eines Textprogramms kann man sie jetzt in einem Fließtext lesen.

Roboter-Journalismus kann also die journalistische Arbeit ergänzen. Ist es für die Verlage dann nicht eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, solche Algorithmen einzusetzen? So erreicht man ja mehr Leser und diese auch viel individueller als ohne.
Journalismus muss sich finanzieren. Mit dem Wegbrechen klassischer Geldquellen steht der Journalismus unter einem ganz neuen Druck, sich zu finanzieren.

Und dazu könnte der Roboter-Journalismus beitragen?
Ja, wenn Möglichkeiten entstehen, den redaktionellen Betrieb kostengünstiger zu machen, sollte man diese Chance nutzen. Es ist wie im täglichen Leben: Wenn meine Einnahmen schwinden, muss ich Ausgaben senken. Aber man sollte den Roboter-Journalismus nicht überschätzen. Die Maschinen können uns bei den Routinen entlasten, aber gute Porträts oder Reportagen schreibt immer noch der Mensch. Mit intelligentem Maschineneinsatz könnten Journalisten Zeit gewinnen, das zu machen, was sie wirklich können: Informationen zu recherchieren, sie aufzuarbeiten, Geschichten zu erzählen und Menschen zu faszinieren.

Also wird der Roboter die Arbeit der Journalisten nicht ersetzen können – heute nicht und auch in 10 Jahren nicht?
Kris Hammond von Narrative Science kündigte einmal an, dass bis 2016 der erste Computer einen Pulitzer-Preis bekommen würde. Diese steile Ankündigung hat sich schon mal nicht bewahrheitet. Guten, phantasievollen Journalismus wird auch in 50 Jahren kein Roboter produzieren. Dass ein Urknall maschineller Kreativität geschieht, das bezweifle ich. Aber vielleicht irre ich mich.

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