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Nach dem verhunzten Vorentscheid in der ARD: Die einzige Chance für den deutschen ESC-Beitrag wäre eine Rückkehr Stefan Raabs

Levina hat den deutschen ESC-Vorentscheid gewonnen

Die ESC-Vorentscheid-Show in der ARD war eine Unverschämtheit gegenüber den Publikum. Eine intransparente Vorauswahl, eine dramaturgisch komplett verkorkste Auswahl-Prozedur während der Show, eine überflüssige Pseudo-Jury, unverständliche App-Mäzchen. Das alles war nur schwer genießbar. Einziger Lichtblick war Moderatorin Barbara Schöneberger.

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Es wäre für alle Beteiligten schmerzfreier und erfolgversprechender, man hätte gleich die Schöneberger nach Kiew geschickt. Den TV-Zuschauern wären quälende 180 Minuten erspart geblieben und Deutschland hätte vermutlich auch die deutlich besseren Chancen beim Eurovision Song Contest. Barbara Schöneberger eröffnete den Abend mit einer Darstellung der Fähigkeiten, die man beim ESC so braucht. Dazu sang sie „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ einmal in überdrehter „DSDS“-Mimik, einmal im artifiziellen „Hurz“-Stil des bekannten Hape-Kerkeling-Sketches und schließlich ein einer Jennifer-Lopez-Variante mit Tänzerinnen. Die Klasse dieses Auftritts wurde den ganzen Abend über nicht wieder erreicht.

Man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll. Da waren zunächst einmal die bemitleidenswerten Kandidaten. Die fröhlich überdrehte Helene erzählte, wie sie schon zweimal beim Abi durchgefallen war und auch bei diversen Castingshows mangels Talent abgelehnt wurde. Da war sie nun bei der ESC-Show der ARD ja genau richtig aufgehoben. Auch die anderen vier Kandidaten waren dem Publikum unbekannt. So haben es sich die ESC-Verantwortlichen in ihrer Verzweiflung diesmal offenbar wieder zum Ziel gesetzt, ein frisches Gesicht zu suchen. Nur „Jury“-Mitglied Florian Silbereisen kannte die Kandidatin Yosefin Buohler, weil deren Vater irgendwas für Andrea Berg macht.

Überhaupt die „Jury“. Da saßen wie bestellt und nicht abgeholt der Silbereisen, Tim Bendzko und Lena Meyer-Landrut in Ledersesseln und mussten sich winden, zu jedem mediokren Auftritt Jubel-Arien abzulassen, was mit fortschreitender Sendezeit sichtlich schwerer fiel. Einfluss auf die Abstimmung hatte das freilich nicht. Offenbar wollte man so eine Art Casting-Show-Feeling erzeugen. Minus die Spannung und minus die Überraschung. Denn das die Kandidatin Levina, die als einzige einen gesanglich passablen Auftritt hinlegte, am Ende nach endlosen Schnelldurchläufen den Sieg holen würde, war nun wirklich keine Überraschung mehr. Während der ersten Runde blendete die ARD Namen und Telefonnummern der Kandidaten ein, versehen mit dem Zusatz „Bitte noch nicht abstimmen!“ Warum blendete man sie dann denn ein? Sollten sich die Zuschauer die Nummern schon mal notieren, falls die Regie die Einblendungen später vergisst?

Und weil der Stachel des letzten Platzes offenbar so tief sitzt, hatte man sich eine neue virtuelle Form der Anbiederung bei den Rest-Europäern und den Millennials ausgedacht. So konnte man nun auch via ESC-App abstimmen und sogar Nutzer aus anderen europäischen Ländern konnten abstimmen – natürlich ohne Einfluss auf das Ergebnis, bloß um die „European Vibes“ abzugreifen. Allein diese Wortschöpfung: „European Vibes“. Der Gedanke dabei: Man soll sehen, welche Kandidaten bei den anderen Europäern „ankommen“ und kann dann vorauseilend für diese vermeintlich erfolgversprechenden Kandidaten abstimmen. Was für ein hanebüchener Unsinn! Die Idee der „European Vibes“ wurde in der Sendung zudem so knapp und hastig präsentiert (wenn man Barbara Schönebergers Mimik dabei richtig las, war auch sie von dem Konzept nur so mittel überzeugt), dass der Zuschauer am TV-Schirm ohnehin keine Chance hatten zu kapieren, was das sollte. Plötzlich wurde eine Europa-Karte mit Prozentwerten für die einzelnen Kandidaten eingeblendet. Wer da genau abstimmte und wie und warum blieb im Dunkeln. Da wäre man gerne mal dabeigewesen, als die Verantwortlichen in der ARD diesen Unfug beschlossen haben. Oder – wenn man noch eine Sekunde darüber nachdenkt – nee, man wäre lieber doch nicht dabeigewesen.

Es gäbe wohl nur eine Chance für einen erfolgversprechenden deutschen ESC-Beitrag: Stefan Raab müsste seinen TV-Ruhestand aufgeben und die Sache wieder in die Hand nehmen. Nie war das ESC-Prozedere professioneller und besser organisiert und durchgeführt als unter seiner Leitung. Und wenn Raab nicht will, könnte man immer noch die Schöneberger schicken. Aber bitte, bitte nicht noch einmal so eine Show.

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