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„Großartig“ oder „Gruselig“? Social Web spricht mit gespaltener Zunge über RTLs „Winnetou“-Remake

Zwischen "gruselig" und "gelungen": Das "Winnetou"-Remake von RTL hat die Meinungen gespalten.

Mehr als fünf Millionen Zuschauer haben den ersten Teil des „Winnetou“-Remakes am Sonntag verfolgt. Dabei konnten sich allerdings nicht alle mit der Neuauflage des Karl-May-Klassikers von RTL anfreunden. Die Meinungen reichten im Netz von „gruselig“ bis „großartig“ – während sich die Kritik überwiegend angetan zeigte. Die Geburt eines neuen Film-Klassikers? Ausnahmsweise Konsens: vermutlich nicht.

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Über 50 Jahre sind seit dem letzten „Winnetou“-Streifen vergangen – vermutlich, weil sich niemand an den vermeintlich formvollendesten Western „Made in Germany“ herangetraut hat. Ausgerechnet Privatsender RTL hat es gewagt und den für Karl-May-Fans heiligen Stoff erneut angefasst. Das Interesse an dem neuen Dreiteiler war dementsprechend groß: Gut fünf Millionen Zuschauer zog der Erstling („Eine neue Welt“) am Sonntag vor die Bildschirme.

Doch reicht es für den ganz großen Kult, den die Original-Filme aus den 60er-Jahren ausgelöst haben? Vermutlich nicht. „Das wird einmal laufen und dann höchstens noch eine Weile bei den angeschlossenen Verwertungskanälen der RTL-Gruppe herumgeistern.“, orakelt etwa Hans Hoff beim Medienmagazin DWDL. Denn die vermeintlich große Stärke der „Winnetou“-Neuauflage ist zugleich auch ihre größte Schwäche: „Das Remake bemüht sich sichtlich um Authentizität“. Ein eigentlich lobenswerter und sogleich kühner Ansatz, ist dieser neue Wilde Westen doch brutal, dreckig und tatsächlich ungewohnt nah an Karl Mays Erzählung – die er als Old Shatterhand selbst erlebt haben will – entlang gestrickt. „Leider aber funktionieren durch diese vermeintliche Realitätsnähe die zugrunde liegenden Karl-May-Geschichten nicht mehr. Die sind nämlich angewiesen auf eine ordentliche Dosis Pathos. Fehlt das, werden die Geschichten entkleidet bis auf ihren Kern und dann, man muss das offen sagen, bleibt nicht viel.“, attestiert Hoff.

Dabei dürfte der ansehnliche Quotenerfolg auch einen anderen, vermeintlich banalen Grund haben: RTL hat den „Winnetou“-Erstling ohne Werbung ausgestrahlt.

Ein „einmaliges Weihnachtsgeschenk“, so eine Sender-Sprecherin auf Nachfrage von MEEDIA. Der zweite Teil („Das Geheimnis vom Silbersee“, 27.12., 20.15 Uhr) und das Finale („Der letzte Kampf“, 29.12., 20.15 Uhr) werden also wieder mit Werbeunterbrechungen ausgestrahlt – die dem Kölner Sender vermutlich einige Zuschauer kosten dürften.

Denn auch für Dirk Gieselmann (Zeit Online) kommt die Neuauflage nicht über „das gut gemachte Belanglose, der hochauflösende Trash“ hinaus. Natürlich kommt auch die „Winnetou“-Neuauflage nicht ganz ohne Pathos aus. Allerdings falle diese eine Spur zu demonstrativ aus, wird sozusagen mit dem Holzhammer und nicht mit dem Herz transportiert: „‚Mein Herz will‘, raunt Old Shatterhand. ‚Aber mein Kopf sagt, ich werde nie ein Apache sein. Nie.‘ – ‚Du Friedensvertrag‘, antwortet Winnetou, ‚zwischen dein Herz und dein Kopf.‘ Es sind Sätze wie diese, bei denen sich das Gesicht nach innen stülpt, als hätte man auf eine viel zu süße Praline von Omas Adventsteller gebissen. Der Trick: nicht aufregen.“

Zugegeben: Das „Winnetou“-Remake bietet besonders für Fans der Original-Reihe eine große Angriffsfläche – das fängt beim „Tatort“-Kommissar als Old Shatterhand (Wotan Wilke Möhring) und einem unbekannten Schauspieler aus Albanien als Winnetou (Nik Xhelilaj) an und hört bei den untertitelten statt synchronisierten Filmindianern auf. Das sei nicht nur gewagt, sondern auch gelungen – schreibt etwa Arno Frank bei Spiegel Online. „Schließlich handelt es sich um keinen Spät-, Spaghetti-, Spätspaghetti- oder Spätzlewestern. Sondern um ein deutsches Volksmärchen. Und in genau dieser Disziplin hat die Neuverfilmung gegenüber dem womöglich ohnehin leicht überbewerteten Original aus den Sechzigerjahren in vieler Hinsicht die Nase vorn. Sie nimmt sich weniger ernst und macht gleichzeitig mehr Ernst damit, Wildwest zu spielen. Mehr Hollywood als Bad Segeberg.“

Zu den begeisterten Zuschauern gehörte auch Ursula Scheer von der FAZ, die festhält: „Nik Xhelilaj als Titelheld gibt eine würdige Vorstellung, Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand versprüht nicht gerade umwerfendes Charisma, füllt die Rolle des ehrlichen Jedermanns aber aus und profitiert von gut besetzten Mitspielern, von denen sich vor allem Milan Peschel und Iazua Larios als echte Joker erweisen. Am Ende reiten sie ins Abendrot, und man fragt sich, warum noch niemand früher diese Storys zurück aus den ewigen Jagdgründen geholt hat.“

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