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„Maischberger“ und die verflixte „Lügenpresse“: So leicht kommt man in einer deutschen Talkshow von der Angel

Sandra Maischberger und die "Lügenpresse"

Nach dem unterirdischen Journalisten-Dramolett „Die Vierte Gewalt“ durfte gestern im Ersten Sandra Maischberger früher als gewöhnlich ran, um über die „Lügenpresse“ zu diskutieren. Geladen waren neben Sascha Lobo und Uli Wickert ein Medienforscher sowie der Pegida-Anhänger Joachim Radke und die CDU-Politikerin und Publizistin Vera Lengsfeld. Kein einfach zu packendes Thema, wie sich zeigte.

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Vor allem die Einladung Vera Lengsfelds sorgte schon im Vorfeld der Sendung für Verärgerung. Stefan Niggemeier kritisierte bei Übermedien.de, dass Lengsfeld in ihrem Blog nachgewiesene Unwahrheiten (vulgo: Lügen) verbreitet und darum wohl keine geeignete Person sei, um über das Thema „Lügenpresse“ zu diskutieren. Jetzt ist Frau Lengsfeld tatsächlich eine – wie soll man das nennen? – schräge Figur und ihre Einlassungen sind oft wirr, auch falsch und ein Wille zur Korrektur ist bislang nicht erkennbar. Spiegel Online-Kolumnist Sascha Lobo haute ihr das in der „Maischberger“-Sendung auch um die Ohren. Dabei regte sich Lobo, vielleicht verständlich, ein bisschen zu sehr auf, wurde selbst laut und aufbrausend, so dass Sandra Maischberger die Diskussion wieder einfing. Maischberger selbst erklärte dann auch kurz und schnell, dass ihre Redaktion Behauptungen von Lengsfelds Blog ebenfalls nachgeprüft habe und diese tatsächlich falsch seien. Sache abgehakt. Weiter zum nächsten Punkt.

TV-Talkshows kranken oft daran, dass zu wenig Zeit ist, einzelne, wichtige Punkte genau und nachvollziehbar herauszuarbeiten. Immer muss noch ein Gast abgefragt, noch ein Themenkomplex abgehakt werden. Man musste schon sehr aufpassen um zu erkennen, dass Vera Lengsfeld hier als Falsch-Behaupterin überführt wurde. An anderer Stelle machte Maischberger das ein bisschen besser. Lengsfeld stellte es als Tatsache hin, dass ein umstrittener Gesetzesentwurf zu Änderungen beim Verbot der Kinderehe von Justizminister Heiko Maas dem Spiegel mit der Maßgabe überlassen worden sei, bitteschön wohlwollend zu berichten. Da hakte Maischberger zu Recht ein und verlangte nachdrücklich Belege für diesen „schwerwiegenden Vorwurf“. Belege, die Frau Lengsfeld natürlich nicht hatte. Sie „korrigierte“ sich und nahm die Behauptung, dass der Spiegel nach der Pfeife des Justizministers tanzt leicht genervt zurück. Weiter ging’s. Maischberger relativierte sogar noch, indem sie sagte „vermutlich haben sie ja welche“, also Belege. Ja, klar. Als ob. So leicht kommt man mit „Lügenpresse“-Lügen im öffentlich-rechtlichen TV also von der Angel. Hier hätte ruhig noch weiter drangeblieben werden können, ja müssen. Wurde aber nicht.

Der Medienforscher Gerhard Vowe überraschte gleich zu Beginn seiner Einlassungen mit der Bemerkung, das von einer Vertrauenskrise der Medien „überhaupt keine Rede“ sein könne. Erstaunlich. Warum saßen die dann alle da? Ebenfalls nicht ganz auf der Höhe der Debatte schien Uli Wickert zu sein. Der frühere Mr. „Tagesthemen“, der sich mittlerweile auch ganz gerne vor so manchen Werbe-Karren spannen lässt (Glaubwürdigkeit?) sagte, dass es solche konzertierten Medien-Kampagnen wie in dem zuvor gezeigten Film immer mal wieder gebe. Als Beispiel wurde dann natürlich wieder die Nummer mit dem zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff herangeführt, die mit den hanebüchenen Handlungs-Kapriolen aus dem Film nun wirklich nicht zu vergleichen war.

Am interessantesten an dieser „Maischberger“-Sendung war der Pegida-Anhänger und AfD-Mitglied Joachim Radke, der netterweise direkt neben Sascha Lobo platziert war. Radke verblüffte nicht nur, indem er Medien-Angebote wie „Tichys Einblick“, „Die Achse des Guten“, die rechte „Junge Freiheit“ und „Jung & Naiv“ in einem Atemzug als seiner Sicht nach offenbar gleichberechtigte Alternativen zu Mainstreammedien aufzählte. Er landete auch den einen oder anderen Punkt. Zum Beispiel wies er Sandra Maischberger gleich zu Beginn auf die tendenziöse Wortwahl hin, er sei bei Pegida „mitmarschiert“. Er sei ganz normal gelaufen, s Radke. Maischberger reagierte hier souverän, erklärte glaubhaft, dass keine Tendenz beabsichtigt gewesen sei und korrigierte sich. Auch dass die Medien den berühmten Pegida-Galgen übertrieben prominent und gleichsam überlebensgroß ins Bild gerückt hätten, konnte Radke darstellen. Der Einwurf Lobos, dass er Galgen-Symbolik bei „linken“ Demonstrationen für genauso schlimm hält, wirkte ein wenig glaubwürdig. Man kann sich an keine Kolumne Lobos erinnern, in der er sich über „Latenz-Kommunisten“ beklagt hätte. Überhaupt hatte der wortmächtige Sascha Lobo erkennbare Mühe, in der direkten Konfrontation mit einem nicht auf den Mund gefallenen Pegida-Mann Argumente anzubringen. Vielleicht, weil er sich immer wieder zu sehr aufregen musste, u.a. wegen dem allzu verharmlosenden Umgang des Begriffs der „Gleichschaltung der Medien“ durch Radke. Zwischen den beiden kam es dann auch zum besten Dialog der Sendung:

Radke zu Lobo: „Vielleicht sollten sie mal merken, dass sie permanent versuchen, sich intellektuell zu überhöhen.“

Lobo zu Radke: „Sie haben meine Schwäche sofort erkannt.“

Lobo hatte aber auch einen sehr guten Moment in der Sendung, als er an einem Beispiel aus der Ukraine aufzeigte, wie unterschiedlich verschiedene Medien ein und denselben Sachverhalt berichten. Es blieb aber auch hier beim Schlaglicht, der Momentaufnahme.

Vergangene Woche hat Sandra Maischberger mit ihrer Redaktion das Experiment gewagt, ihr Publikum zu Wort kommen zu lassen. Die Sendung war überaus gelungen, gerade weil auch Stimmen, die sonst weniger gehört werden, zu Wort kamen. Vielleicht wollte man in dieser Sendung mit der Einladung von Leuten wie Vera Lengsfeld und Joachim Radke daran anknüpfen. Das gelang nur zum Teil. Ein Streitgespräch Radke vs Lobo wäre spannender gewesen als diese unausgegorene Runde.

Und der Film „Die Vierte Gewalt“ vorher, mit seiner abenteuerlich zusammengezimmerten Story und einem Rumpel-Drehbuch rund um eine schmutzige Medienkampagne gegen eine fiktive Gesundheitsministerin inklusive „House of Cards“-Anmutung und Berlin-Love-Kitsch unterm Herbstbaum? Das hätte sich die ARD sparen können aber das ist nun wieder ein anderes Thema. Der Medienjournalist Daniel Bouhs hat den Film treffend in einem einzigen Tweet zusammengefasst:

Mehr muss man zu diesem Film nicht sagen.

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