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Medienwissenschaftler Weichert: „Wahlerfolg Trumps ist der Super-GAU des Journalismus“

Journalismus-Professor Stephan Weichert über Politik und Social Media: "AfD-Schlachtplan mit den 10 wichtigsten Learnings aus der Trump-Wahl"

Der Job, den die meisten Journalisten vor und während der US-Wahl gemacht haben, war gar nicht sooo schlecht, wie ihn viele jetzt hinstellen – das zumindest meint der Medienwissenschaftler Stephan Weichert. Die, so der Hamburger Forscher, hätten jedoch erstens die „Eigendynamik der sozialen Medien“ unterschätzt und würden sich zweitens schwertun, ihre Leser zu erreichen. Der Versuch, Donald Trump „lächerlich zu machen“, sei hingegen ein Fehler gewesen.

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Wie fällt ihr Urteil über die Arbeit der meisten Journalisten während des US-Wahlkampfes aus?
Ich tue mich mit einem Pauschalurteil, so wie es viele meiner amerikanischen Kollegen in alle Richtungen ausgeteilt haben, sehr schwer. Ich habe an vielen Stellen eine sehr differenzierte, auch ausgewogene Berichterstattung wahrgenommen. Was aber die meisten Journalisten in Deutschland, aber vor allem auch in Amerika offenbar unterschätzt haben ist, dass Trump tatsächlich die Wahl gewinnen könnte und was das für Konsequenzen haben würde. Auch die Versuche der Medien, ihn lächerlich zu machen und seine Aussagen nicht ernst zu nehmen, war ein Fehler. Falsch eingeschätzt wurde auch die Eigendynamik der sozialen Medien, vor allem von Facebook und Twitter, die durch ihre eigenwillige Diskursqualität und die Möglichkeit, zum Beispiel über Social Bots gezielt Stimmung zu machen, ganz wesentlich dazu beigetragen haben, dass Trump gewinnen konnte. Ein Präsident Trump wäre, verkürzt gesagt, ohne Facebook und Twitter nicht möglich gewesen.

Ist Ihnen ein Medium oder ein Journalist besonders negativ aufgefallen? Wer ist Ihnen positiv aufgefallen?
Auch hier ist eine Generalkritik schwierig: Ich maße mir nicht an, über alle journalistischen Medien urteilen zu können. Was aber jetzt doch deutlich wird, ist die Ratlosigkeit vieler Kommentatoren, die einfach nicht mit Trump gerechnet haben. Im Gespräch mit Redakteuren der Washington Post habe ich eine selbstkritische Haltung herausgehört, obwohl die Kollegen dort handwerklich gesehen einen Top-Job gemacht haben, mit vielen Reportagen aus Flyover-Country – und es hat eben trotzdem nichts genützt. Das Problem, über das wir hier reden, ist also offenbar ein anderes: Viele Journalisten erreichen die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr. Der Digitalchef von der Washington Post hat es auf dem Vocer Innovation Day auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Unser größter Konkurrent ist Candycrush!“

Sie waren in der Hochphase US-Wahlkampfes in den USA. Haben die US-Medien Trump ernst genommen?
Ich habe mich im Rahmen einer Studienreise in New York kurz vor der Wahl immer sehr darüber gewundert, dass die Journalisten, mit denen wir gesprochen haben, eigentlich keine Sekunde daran gezweifelt haben, dass Hillary das Rennen macht. Die Frage, was die Medien machen würden, wenn Trump gewinnt, wurde eigentlich immer weggelächelt. Ernsthaft auseinandergesetzt hat sich mit diesem Szenario niemand. Und jetzt haben wir den Salat: Immer noch weiß kein Journalist so Recht, wie man damit umzugehen hat, dass einer im Weißen Haus sitzt, den die Presse über Monate zu diskreditieren versucht hat. Das Verhältnis zwischen den Journalisten und Trump ist gespalten, und er wird weiter seiner Strategie folgen, sie zu umgehen und sich mit seinen Botschaften über YouTube oder Facebook direkt ans Volk zu wenden. Dass Trump die Journalisten nicht braucht, geschweige denn auf sie angewiesen ist, hat er bereits im Wahlkampf zur Genüge bewiesen.

Haben die US-Medien nicht auch die Macht falscher Nachrichten (Fake-News) und der sozialen Netze unterschätzt?
Nicht nur Fake News, auch Social Bots bzw. Fake Accounts sind ein neues Problem, das von vielen Journalisten als solches nicht erkannt wurde. Medienforscher werden die Korrelation zwischen der Algorithmisierung der politischen Kommunikation und deren Einfluss auf den Ausgang von Wahlen hoffentlich eines Tages lückenlos dokumentiert und analysiert haben. Trump hat schon jetzt alle Zweifel ausgeräumt, dass es möglich ist, Mehrheiten in Demokratien über die sozialen Netzwerke zu organisieren. Seine Falschaussagen erreichten mehr Leute als die Richtigstellungen der Journalisten – und das zählt im Wahlkampf. Die Zeit ist längst reif, Facebook & Co. als Medienunternehmen zu klassifizieren, die den gleichen Regeln wie Publisher unterliegen. Ich finde den Vorstoß des Bundesjustizministers absolut richtig, aber nicht nur, um gegen Hassrede in den sozialen Netzwerken vorzugehen, sondern weil es tiefgreifende Änderungen für die politische Meinungs- und Willensbildung bedeutet, eine Zäsur für unsere politische Kultur in westlichen Demokratien. Das Thema wird uns auch im Bundestagswahlkampf beschäftigen.

Im MEEDIA-Interview wirft Weltwoche-Chefredakteur und SVP-Politiker Roger Köppel den deutschen Medien vor, sie hätten Wahlkampf gegen Trump gemacht, statt objektiv zu berichten. Wie sehen Sie das?
Roger Köppel ist ein rechter Populist und gar nicht mal unsympathischer Menschenfänger, der gezielt mit solchen Aussagen provoziert, weil es der Auflage der Weltwoche oder seinen eigenen politischen Interessen nutzt. Das Medienmagazin „Zapp“ hat in seiner letzten Sendung ein ausgezeichnetes Porträt von Köppel gesendet, das den biederen Medienmillionär enttarnt als jemanden, der gerne mit dem Feuer spielt und vor Rentnergruppen seine größten Redeerfolge feiert.

Hat sich die Berichterstattung über Trump nach der Wahl verändert, vielleicht sogar verbessert?
Ein Kollege von mir, Frederik Fischer, hat den Wahlerfolg Trumps als „das Tschernobyl des Journalismus“ bezeichnet, weil dieser Super-GAU der Medien uns hoffentlich zur Besinnung bringt und ab jetzt alles anders wird. Ein Weckruf, damit wir Medienvertreter uns bewusst werden, dass sich nicht alles in unserer Filterbubble abspielt, sondern dass es Menschen da draußen gibt, die andere Sorgen haben als wir dies hinter unseren Schreibtischen annehmen. Journalisten sollten sich darüber im Klaren sein, dass es ihr Job ist, auf Augenhöhe mit den Menschen zu sein. Trump ist vielleicht die letzte Chance für die Medien zu beweisen, warum es gesellschaftlich notwendig ist, dass es diese Art von Journalismus gibt und weiterhin geben muss. Die größte Krise könnte unsere größte Chance sein.

Im nächsten Jahr wird auch in Deutschland gewählt, lässt der US-Wahlkampf schon erste Rückschlüsse darauf zu, was uns hierzulande erwartet?
Wie bei so vielen Entwicklungen hinkt Deutschland den USA zwei bis drei Jahre hinterher. Aber nach den Kanzler-Duellen, Social-Media-Kampagnen und der angekündigten Nutzung von Social Bots zu Wahlkampfzwecken habe ich keinerlei Zweifel, dass die Amerikanisierung in der deutschen Politik weiter Einzug halten wird. Bei amerikanischen Wahlkämpfen schauen sich vor allem die Populisten unter den deutschen Politikern viel ab. Auch wenn es hierzulande bislang moderator und nicht ganz so schrill abläuft wie in den USA, rechne ich damit, dass sich die AfD schon jetzt einen Schlachtplan mit den 10 wichtigsten Learnings aus der Trump-Wahl zurecht gelegt. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass Trump, sollte er jemals nach Deutschland kommen, sich mit Anhängern der AfD treffen wird.

Prof. Dr. phil. Stephan Weichert leitet den Studiengang Digital Journalism an der Hamburg Media School und lehrt als Professor für Journalismus und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Macromedia, University of Applied Sciences, in Hamburg mit den Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten digitaler Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit sowie Innovationskultur in Journalismus und Medien. 

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