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Digital-Experte von der Washington Post: „Trump zu stoppen konnte nie unser Ziel sein“

Greg Barber gehört zu den Star-Speakern des Vocer Innovation Day beim Spiegel

Wie muss sich der Journalismus verändern, damit er auch künftig die Menschen begeistert und den Medienhäusern Umsätze ermöglicht? Dieser Frage geht der diesjährige Vocer Innovation Day im Spiegel Verlagshaus nach. Mit dabei ist Digital-Experte Greg Barber von der Washington Post. Im MEEDIA-Interview spricht er über das Fake-News-Problem bei Facebook, das Erfolgsgeheimnis der Washington Post unter Jeff Bezos und die Trump-Wahl und mögliche Folgen für die US-Medienindustrie.

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Ist Trump gut oder schlecht für die US-Medien-Industrie?
Jede neue Regierung verändert ihr Verhältnis zur Presse. Wir müssen also erst einmal schauen, wie die Trump-Administration mit uns Journalisten umgeht und wie sich die Zusammenarbeit im Detail gestalten wird.

Was erwarten Sie?
Anfang der Woche fragten die politischen Korrespondenten in einem Brief an, ob Trump vorhabe auch weiterhin einen Journalisten-Pool zuzulassen, der ihm folgen und aus nächster Nähe berichten kann.

Gab es schon eine Antwort?
Nicht das ich wüsste.

Ist das schon ein Signal?
Das bedeutet erst einmal nichts. Unser Job ist es, die richten Fragen zu stellen und über den Präsidenten und seine Entscheidungen zu berichten. Diese Aufgabe bleibt und ist nicht von einer Entscheidung des Trump-Teams abhängig.

Ist Trump nicht auch ein Segen für die Medienindustrie? Immerhin gibt es jetzt klarere Feindbilder. Das bedeutet weniger Nachrichteneinheitsbrei und wieder eine stärkere Polarisierung. So verzeichnete die New York Times beispielsweise seit der Wahl eine massive Zunahme der Abobestellungen.
Das gilt auch für unsere Digital-Abos.

Sehen sie.
Es könnte aber auch sein, dass einige Leser denken, dass sie mit einem Abo mithelfen können, eine faire und ausgewogene politische Berichterstattung auch weiterhin zu gewährleisten.

Wird es durch den Trump-Triumph große Änderungen in der US-Medienlandschaft geben?
Das können wir nicht abschätzen. Unsere Herangehensweise wird sich jedoch nicht ändern. Wir werden auch weiterhin unsere Fragen stellen und möglichst objektiv berichten.

Haben die Medienunternehmen in der Berichterstattung über den Präsidentschaftskandidaten versagt?
Alle hatten zur Wahl falsche Voraussagen der Meinungsforscher. Künftig müssen sich darüber alle Nachrichten-Unternehmen mehr Gedanken machen. Grundsätzlich war unsere Berichterstattung über die Wahl beste handwerkliche Arbeit. Viele Enthüllungen und Breaking-News gingen auf unsere Recherchen zurück.

Die konnten aber alle nicht Trump stoppen.
Das konnte ja auch nie unser Ziel sein. Es ging uns immer darum die Leser möglichst gut zu informieren.

Sie stehen unter anderem dem Story-Tools-Team vor, das in den vergangenen Monaten ein Dutzend Tools wie Quizzes oder Bingo-Spiele entwickelte, die ihre Kollegen im Newsroom benutzen sollen. Ist das noch Journalismus oder reines Entertainment?
Das ist natürlich noch Journalismus. Journalismus bedeutet immer Storytelling, das auf Fakten basiert. Es geht also immer darum die Leser in eine Geschichte zu ziehen. Online haben wir einfach ganz andere Möglichkeiten die Menschen interaktiv anzusprechen und in eine Story zu ziehen.

Wird es für die Online-Medien in den kommenden Jahren immer wichtiger mit möglichst unterhaltsamen Tools immer mehr Leser anzusprechen?
Das wichtigste ist die Leser-Loyalität. Für uns ist sie eines der wichtigsten Ziele. Wir wollen Leser, die immer häufiger und möglichst begeistert wieder auf unsere Seite kommen. Deshalb konzentrieren wir uns mittlerweile so stark auf Engagement. Wir wollen möglichst viele Communities um unsere Nachrichten herum bauen. Zudem wird es immer wichtiger den Lesern die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung zu sagen. Wir müssen beweisen, dass News-Websites Orte sein können, auf denen Menschen über die Dinge sprechen, die sie interessieren.

Gerade in Zeiten, in denen alle über Fake-News bei Facebook reden, ist es also an der Zeit, dass die Verlage schauen sollten, ihre Leser und deren Unterhaltungen wieder zurück auf die Medienseiten zu bekommen?
Social-Media hat seinen unwiederbringlichen Platz und jedes Medienhaus braucht heute eine gute Social-Media-Strategie. Aber wir können Facebook und andere Plattformen nicht monetarisieren. Gleichzeitig ist Facebook unser wichtigster Traffic-Bringer. Wir müssen also überlegen, wie viel Zeit und Kraft wir in das Community-Management auf diesen Plattformen stecken sollten. Tatsächlich glaube ich, dass die meisten Medien noch immer zu wenig in diesem Bereich tun. Je mehr man in seine Leser-Beziehung investiert, umso größer werden die Chancen, dass die Leser wieder direkt zu den Nachrichten-Produzenten kommen.

Trägt Facebook nicht auch eine Verantwortung im Kampf gegen Fake-News?
Ich bin Journalist und kein Anwalt. Ich kann diese Frage nicht beantworten.

Was sagt Ihr Gefühl?
Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn Facebook einen Hinweis über die Glaubwürdigkeit einer Quelle an den jeweiligen Posting platzieren würde.

Google plant gerade etwas ähnliches für Google-News
Exakt. Das wäre für Facebook ein guter Schritt und würde auch allen vertrauenswürdigen Medien helfen, genau als solche wahrgenommen zu werden.

Sie denken an eine Art Facebook-Trust-Siegel?
Genau. Immerhin ist es genau unser Job, Informationen jeden Tag aufs Neue für unsere Leser zu prüfen. Es ist doch auch so: Wenn wirklich etwas Wichtiges passiert, dann kehren fast alles Nutzer erst einmal zu den großen Medienmarken zurück. Allerdings bedeutet das nicht, dass dieser Effekt immer so bleibt. Auch deshalb müssen wir uns so große Mühe geben, die Loyalität unserer Leser zu erhöhen.

Loyale Leser lassen sich zudem auch besser monetarisieren.
Natürlich. Auch deshalb konzentrieren wir uns so stark auf das Kernprodukt, die Kundenzufriedenheit und das Engagement. Wiederkehrende Leser, die sich auch noch beteiligen und in Debatten einschalten, sind weit wertvoller – auch in finanzieller Hinsicht – als andere. Diese Nutzer helfen uns sogar bessere Geschichten zu erzählen.

Das hört sich nach der reinen Bezos-Lehre an?
Jeff Bezos liegt die Kundenzufriedenheit stets besonders stark am Herzen. Das ist richtig.

Gleichzeitig fordert er von den Newsroom-Mitarbeitern auch eine gehörige Portion Badasness?
Ohja.

Sind auch Sie ein echtes Badass?
Ich bin seit 13 Jahren bei der Washington Post. Ich sollte mir meinen Badass-Anstecker schon verdient haben.

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