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Fake-News: Warum Facebook verdammt nochmal seiner Verantwortung gerecht werden muss

Facebook reagiert auf die bald in Kraft tretende DSGVO

Sie ist eins der wichtigsten Themen, die nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten diskutiert werden: die Rolle der sozialen Netzwerke – insbesondere Facebook. Wie sehr haben Lügen den Wahlkampf beeinflusst? Zahlen zeigen ein erschütterndes Bild: Fake-News waren zum Teil erfolgreicher bei Facebook als echte Nachrichten. Mark Zuckerberg muss handeln.

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Kritiker haben detailreich aufgezeigt, wie extrem sich Lügen im Wahlkampf auf der Plattform verbreitet haben und dass wahre Nachrichten oft keine Chance gegen diese Fake News hatten. Facebook-Boss Mark Zuckerberg will sich aus der Affäre ziehen, indem er behauptet, über 99% der Inhalte auf Facebook seien wahr. Doch darum geht es nicht. Es geht um die kleine Menge an bewussten Lügen, mit denen Wahlkämpfe beeinflusst werden und damit letztlich auch die Zukunft unserer Gesellschaft und der Demokratie.

Schon am Tag nach der Wahl legte Max Read im New York Magazine dar, welche Rolle Lügen auf Facebook und in anderen Netzwerken und Foren im Wahlkampf gespielt haben könnten. Fake News wie die Meldung, dass der Papst empfehlen würde, Trump zu wählen, hätten sich millionenfach auf Facebook weiter verbreitet. Das Aufdecken der angeblichen Nachrichten als Lügen hätte entsprechende Facebook-Nutzer hingegen kaum interessiert.

Eine Analyse von Buzzfeed auf Basis von Daten der Social-Media-Analyse-Plattform Buzzsumo bestätigt das: Die Top-20-Stories zur US-Wahl aus dem Zeitraum August bis zum Wahltag hätten 7,3 Mio. Shares, Likes und Kommentare auf Facebook generiert, die Top-20-Lügen zur US-Wahl aber 8,7 Millionen. Eine unglaubliche Zahl: 8,7 Millionen Reaktionen auf nur 20 Lügen. Sie sehen: Zuckerbergs quantiative Zahl von 99% spielt keine Rolle, wenn das restliche Prozent sich so extrem weiter verbreitet. Die populärsten Fake News waren dabei der oben erwähnte Papst, außerdem die Lüge, dass Hillary Clinton Waffen an den IS verkauft hätte und es in Clintons vom FBI untersuchten Mails Hinweise auf einen Mord geben würde.

Natürlich ist es etwas schwierig zu diskutieren, welchen konkreten Einfluss die Fake News auf die Wahl-Entscheidung des einzelnen, der sie liest, teilt, glaubt, tatsächlich hat, doch die zum Teil große Radikalität der angeblichen News – Mord, IS, etc. – dürfte den einen oder anderen Fake-News-Gläubigen mindestens in seiner Wahlentscheidung bestärkt haben. Schaut man nun darauf, dass Donald Trump in einem Staat wie Arizona etwa 85.000 Stimmen ausgereicht haben, um die 20 Wahlmänner, bzw. -frauen einzusammeln, in Florida 120.000 für 29 Electoral Votes, wird deutlich, dass über den Einfluss der Lügen geredet werden MUSS. Die 49 Electoral Votes hätten ausgereicht, um Hillary Clinton zur Präsidentin zu machen.

Um eins klar zu stellen: Mir geht es bei der Diskussion nicht darum, irgendeine politische Meinung zu bevorzugen. Meinetwegen können Leute in den Netzwerken extreme Meinungen vertreten, so oft sie wollen – und so lang sie sich an Gesetze halten. Es geht nicht darum, Meinungsfreiheit einzuschränken. Es geht darum, Lügen zu unterbinden, die bewusst gestreut werden, um in letzter Konsequenz sogar eine US-Präsidenten-Wahl zu beeinflussen. Jeder Bürger muss auf einem ähnlichen Informationsstand sein, wenn er eine Wahlentscheidung trifft – und darf nicht durch bewusste Falschinformationen beeinflusst werden. Wenn die Gesellschaft das Problem der Lügen und Desinformationen nicht in den Griff bekommt, wird es schwer für sie werden.

Über den Hintergrund der Wahlkampf-Lügen gibt es verschiedene Berichte. Zum einen sollen laut Recherchen des Guardian aus dem August, die Buzzfeed im November noch einmal aufgriff, viele der Fake-News-Websites in Mazedonien betrieben werden. Der Grund offenbar: Große Werbeumsätze, die u.a. durch Google-Anzeigen fließen, weil die Lügen so viele Leute auf die Websites treibt. Ob das die einzige Wahrheit ist – oder gesteuerte Interessen hinter den Lügen stecken – müssen andere recherchieren. Ob es wirklich nur monetäre Gründe – oder eben auch politische – sind, wegen derer gelogen wird, ist letztlich auch egal.

Angesichts von Zahlen wie 1,18 Milliarden täglichen (!) Facebook-Nutzern und Umfrageergebnissen wie dem, dass über 40% der US-Amerikaner Facebook als News-Quelle nutzen, sind klare Argumente dafür, dass Zuckerberg sich seiner Verantwortung nicht mehr entziehen kann. Facebook ist längst eine der größten Quellen für Nachrichten geworden – auch wenn es selbst keine Nachrichten generiert. Und solche Medienhäuser müssen dafür sorgen, dass sie keine Lügen verbreiten. Es reicht meiner Meinung nach auch nicht aus, auf die Eigenverantwortung des Nutzers zu setzen. Viele Menschen sind ganz einfach nicht in der Lage, Fake News von echten News zu unterschieden, weil sie oft zu gut gemacht sind. Klar ist: Jedem, der nur einen Funken Sympathie für unsere demokratische Gesellschaft hat, muss daran gelegen sein, dass solche Lügen keine Chance auf millionenfache Verbreitung haben. Und wer nun denkt, das Problem betreffe doch nur die USA, wir hier in Deutschland sind doch viel klüger, der sollte sich nicht wundern, wenn Lügen auch massiv den kommenden Bundestagswahlkampf begleiten werden. Er kann natürlich auch schonmal in andere Länder schauen – oder darüber nachdenken, dass Geschichten wie „Steuergeld versenkt: Merkel-Regime spendete 5 Mio. US-Dollar für Clinton-Wahlkampf“ auch hierzulande schon rund 17.000 Likes und Shares einsammeln.

Natürlich ist die Frage, wie Facebook Lügen-Nachrichten aus seinem System aussortieren muss, eine komplexe. Ob der Ansatz einiger Studenten aus Princeton zum Ziel führt – oder die inoffizielle Initative einiger Facebook-Mitarbeiter – lässt sich in der Theorie schwer sagen. Klar bleibt aber: Wenn sich Mark Zuckerberg nicht mitschuldig machen will – und ich sage das bewusst so hart – am Niedergang der Demokratie und am Aufkommen extremer Regierungen – ob links oder rechts – muss er handeln. Heute. Nicht morgen.

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