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Medientrend Verschwörungstheoretiker-Report – Innenansichten aus dem Reich der Alu-Hüte

Treffen sich der Bild- und der Übermedien-Reporter beim Compact-Kongress ...

Das rechte und verschwörungstheoretisch angehauchte Magazin Compact hat am Wochenende in Berlin zu einem Kongress zum Thema „Meinungsfreiheit“ geladen. Es kamen nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch wieder diverse Journalisten. Denn die Reportage, die die Doofheit der Verschwörungstheoretiker enthüllt, ist mittlerweile ein eigenes journalistisches Sub-Genre.

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Besonders schön illustrieren lässt sich die Attraktivität des Themas an einer Szene aus dem Videobeitrag des Medienportals Übermedien.de. Reporter Boris Rosenkranz und Bild-Reporter Peter Tiede stehen da vor dem Berliner Halong Hotel, in dem das Magazin Compact seinen Kongress abhält, und interviewen sich gegenseitig.

Übermedien: „Sie dürfen hier rein?“

Bild: „Ja, weil wir ein Zimmer gemietet haben.“

Übermedien: „Ach, Sie haben ein Zimmer gemietet.“

Bild: „Ja, wir haben ein Zimmer gemietet.“

Immerhin ist sich den beiden die Absurdität der Lage offenbar bewusst. Erkennbar daran wie sie ironisch ihre Mikrofone hin und her bewegen.

Leute, die die Medien für „Lügenpresse“ halten, mögen es nicht, wenn Journalisten auf ihren Veranstaltungen rumstromern. Das führt dazu, dass die Journalisten das Feld der Berichterstattung auf das Areal vor den Veranstaltungsorten ausgeweitet haben. Da stehen sie dann und behelligen die meist unwirschen Männer und Frauen, die rein wollen, um zu hören, warum es hierzulande angeblich keine Meinungsfreiheit gibt, warum die BRD in Wahrheit eine GmbH ist oder „die Amerikaner“, bzw. „die Juden“ unsere Politiker wie Marionetten tanzen lassen.

Das hat Unterhaltungswert, weil die Verschwörungstheorien so absurd und ihre Anhänger so „herrlich verrückt“ sind. Darum laufen solche Reports folgerichtig auch oft bei Formaten, die der Satire zuzurechnen sind, wie der „heute show“ oder „Extra 3“. Bei der „heute show“ stürzte sich der Vor-Ort-Reporter Lutz van der Horst gleich mehrfach in den Nahkampf mit den Chemtrail-Anhängern und Wahrheitsfindern. „Extra 3“ schickte den so genannten „kleinen Mann“ auf den Platz vor der Halle in Stuttgart, in der der Kopp-Verlag seinen ersten Kongress abhielt.

Bild-Reporter Tiede ging – wie beschrieben – ein paar Schritte weiter und hat dank gebuchten Zimmer sogar im Hotel gefilmt, wo die Neu-Rechten tagten. Dort sah er, wie Compact-Chefredakteur Jürgen Elsässer eilig vorbeischritt und er konnte den EU-kritischen Staatsrechtler und gern gesehenen Compact-Gast Karl Albrecht Schachtschneider, der auch mit der AfD sympathisiert, befragen. Immerhin. Stefan Niggemeier von Übermedien schaffte es ohne Kamera und Mikrofon in den Kongress selbst und lieferte einen weit weniger lustigen Beitrag ab als sein Mitstreiter vor dem Hotel. Beim Kopp-Kongress hatte Spiegel Online die wortmächtige TV-Kritikerin Anja Rützel entsendet, einen launigen Text aus dem Innenleben des Kopp-Universums zu schreiben („Schwerste Allgemeine Verunsicherung“). Auch dort hatte Übermedien.de einen Reporter im Kongress. Innenansichten aus dem Reich der Alu-Hüte haben Konjunktur.

Es ist eine zweischneidige Sache mit diesen Reportagen aus dem Herzen der Wirrnis. Für Medien sind die Veranstaltungen von Kopp, Compact & Co. offenkundig Rohmaterial für investigative und launige Beiträge. Dabei geht man die Gefahr ein, dass die tatsächlich verstörenden und höchst bedenklichen Ansichten eines Jürgen Elsässers zur reinen Witznummer degradiert werden. Wobei die Texte, die zu Elsässer & Co. geschrieben werden, meistens nicht witzig sind. Aber es fällt schwer zu trennen: Draußen die lustigen Sprüche-Klopfer und die Satire-Umfragen. Drinnen die bösen geistigen Brandstifter.

Dass sie begehrte Objekte der ironisch geprägten Berichterstattung sind, haben die Kopps und Compacts mittlerweile gemerkt. „Ich weiß aber, was daraus gemacht wird“, sagte einer der Compact-Besucher dem Übermedien-Reporter Rosenkranz als der ihn fragt, warum er nichts über „Meinungsfreiheit“ sagen will. „Ich weiß es ja nicht mal“, entgegnete Rosenkranz mit gespielter Naivität. Dabei war es zugegebenermaßen gar nicht schwer zu erraten, was ein Reporter mit Kamera und Mikrofon aus so einer Warteschlange vor einem Compact-Kongress machen würde. Eine lustige Reportage nämlich über die doofen Ansichten der Compact-Fans.

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