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“Wallraff undercover” im Marseille-Konzern: RTL drohen Richtigstellung und Schadenersatz

Günter Wallraff und seine Reporter recherchierten verdeckt in den Unternehmen des Marseille-Konzerns
Günter Wallraff und seine Reporter recherchierten verdeckt in den Unternehmen des Marseille-Konzerns

Der Pflegekonzern Marseille widersetzt sich noch immer der Berichterstattung von RTL und Günter Wallraff. Bei "Wallraff undercover" berichteten Reporter gleich mehrmals über angebliche Missstände in den Seniorenheimen und in einer Großküche des Unternehmens. Das Landgericht Hamburg bestätigte nun eine einstweilige Verfügung gegen RTL und sprach in einer Hauptverhandlung einen Hinweis zur Unterlassung aus. Auch drohen Richtigstellung und Schadenersatz.

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“Wallraff undercover” unter Leitung von Investigativjournalist Günter Wallraff arbeitet genauso erfolgreich wie umstritten. In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht das Journalisten-Team Reportagen, für die sich die Reporter undercover in Unternehmen einschleusen, um dortige Missstände aufzudecken. Oft stellt sich dabei jedoch die Frage, ob das Handwerk des verdeckten Journalismus immer das richtige und angebrachte Mittel ist. Um unter anderem das zu klären, erstattete der Konzern nach Bekanntwerden der verdeckten Recherchen Strafanzeige.

Vor dem Landgericht in Hamburg ging es am Freitagvormittag aber um etwas anderes: Die Marseille-Kliniken, die bereits mehrfach durch Wallraff-Recherchen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind, werfen RTL und seinem prominenten Sendergesicht falsche und tendenziöse Berichterstattung vor.

Im Raum steht eine vom Gericht als solche benannte Verdachtsberichterstattung über die Ernährung der Marseille-Bewohner. So hatte es in der Sendung geheißen, dass Bewohner einer Senioreneinrichtungen der Marseille-Kliniken (unter anderem ging es um ein Heim der Marseille-Tochter Amarita) unterernährt seien, weil sie nicht ausreichend zu essen bekämen. Das Unternehmen bestreitet das. Dabei geht es weniger um die Tat-, sondern um die von RTL behauptete Ursache.

Im Februar hatten die Marseille Kliniken bereits eine einstweilige Verfügung gegen die Sendung erwirkt. Das Landgericht Hamburg, das diese damals erließ, wird diese in einer Unterlassungsverhandlung bestätigen. Der Grund: Den Marseille Kliniken sei angesichts der schweren Vorwürfe zu wenig Raum für Stellungnahme gegeben worden. Darüber hinaus bestehen offenbar Zweifel an der Authentizität der Quellen. So legte RTL eidesstattliche Versicherungen einer Pflegerin sowie eines Haustechnikers vor, wobei erstere dem Gericht zu wenig konkret erschien und im Falle des Haustechnikers wurde generell infrage gestellt, was dieser aufgrund seines Aufgabenbereiches zu den Vorwürfen beizutragen hatte.

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Wenig nachvollziehbar war für das Gericht offenbar, weshalb die Marseille-Kliniken im Beitrag wenig selbst zu Wort gekommen waren. So hatte das Unternehmen durchaus Erklärungen abgeliefert, die der Darstellung RTLs durchaus widersprochen hatten. Dabei ging es um den Vorwurf, dass bei Mahlzeiten den Bewohnern beispielsweise nur eine Scheibe Brot gereicht wurde und auch sonst wenig Nahrung vorhanden gewesen sei. In einer Stellungnahme der Marseille-Kliniken sei allerdings darauf verwiesen worden, dass es durchaus frei zugängliche Buffets gegeben habe. Diese Informationen fanden im Bericht keinen Platz, hätten den Zuschauer bei seiner Meinungsbildung aber durchaus unterstützen können, so das Gericht.

Marseille-Anwalt Dr. Sven Krüger warf der Gegenseite eine “bewusst” und “aggressive” Berichterstattung vor. Darüber hinaus sei man an gezielten Äußerungen zu einzelnen Fällen nicht interessiert gewesen, so Krüger weiter. Bei Anfragen hätte man sich bewusst verschleiert ausgedrückt und weder konkrete Einrichtungen noch Fälle genannt, deren Hintergründe die Marseille-Kliniken dann hätten recherchieren können. RTL-Anwalt Prof. Elmar Schumacher berief sich hierbei auf den Quellen- und Informantenschutz. Hätte man sich konkreter ausgedrückt, wären diese identifizierbar gewesen, so der Jurist. Darüber hinaus hätten die Marseille-Kliniken die Fälle mithilfe ihrer EDV-Systeme durchaus recherchieren können. Eine Behauptung, der Krüger widersprach, weil die Vorwürfe ohnehin nicht der Wahrheit entsprächen. Darüber hinaus beklagte Krüger eine von RTL gestellte Interviewanfrage, bei der man im Vorfeld nicht genauer geworden sei. Sender und Reporterteam sei es offensichtlich darum gegangen, keine ernsthaften Antworten zu erhalten, sondern Manager des Heimbetreibers stotternd aufzunehmen und somit vorzuführen.

Für RTL sieht der Ausgang des Prozesses nicht unbedingt erfreulich aus. Die vorsitzende Richterin Simone Käfer sprach den Hinweis aus, nicht nur der Unterlassung stattzugeben, sondern auch einer Richtigstellung sowie (sogar) einer Schadenersatzfeststellung zuzustimmen. In diesem Fall könnten die Marseille Kliniken in aller Ruhe einen Schaden beziffern und einklagen. Einen Schaden zu ermitteln dürfte jedoch kompliziert sein. So lässt sich nur schwer bestimmen, wie viele potentielle Kunden die Marseille-Kliniken nach der Wallraff-Berichterstattung gemieden haben.

Ein weiterer Verhandlungstermin ist noch nicht bestimmt.

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Alle Kommentare

  1. Endlich wird GW mal (wieder) entlarvt: Als voreingenommener, seiner einseitigen, engstirnigen Meinung hinterher hechelnder Verschwörungsjournalist. Investigativ ist anders. Aus eigener Erfahrung weiß ich: 90 Prozent der Fakten sind korrekt, 10 % hinzugedichtet. Alles wird in “Ihr da oben, wir da unten”-Manier zurechtgeschnippelt und mit durchaus guter Groschenheft-Roman-Schreibe (heute: Dokusoap-Stil) verpackt. So werden aus 90 % Wahrheit 99% Müll – passt auf jeden gut zum Tutti-Frutti-Sender. Und spielt den Rechtspopulisten in die Hände. GW, abtreten – es langweilt nur noch.

  2. WALLRAFFke ist keinen Deut besser als die Methoden, die er BILD in den 80er Jahren vorgeworfen und damit ein Vermögen vedient hat. Mit übler Nachrede und Verleumdung scheffelt er heute immer noch Millionen, um sein Leben in der eigenen Luxusvilla auf den Kanaren zu genießen.

    1. Ein wenig Respekt vor dem Mann, der sich als verkleideter Türke in “Ganz unten” gesundheitsgefährdende Arbeitszustände und brutale Ausbeutung aufgedeckt hat – indem er sich ihnen selbst ausgesetzt hat.

  3. Das was Wallraff macht wäre eigentlich die Aufgabe der ca. 149.999 anderen Journalisten. Das was Wallraff macht ist investigative Recherche während die anderen 149.999 Däumchen drehen und auf Fehler von Wallraff warten um letztendlich darüber herzufallen.

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