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Geo-Chefredakteur Kucklick: “Bemühen uns um leichte Abkühlung der Apokalypse”

Geo-Chefredakteur Christoph Kucklick mit der goldenen Geburtstagsausgabe
Geo-Chefredakteur Christoph Kucklick mit der goldenen Geburtstagsausgabe

Es soll weder eine Anspielung noch eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein: Das grüne Geo feiert seinen 40 Geburtstag mit einer goldenen Ausgabe, die diesmal einem übergeordneten Thema gewidmet ist: der Hoffnung. Trotz eines gerade vermeldeten Auflagen-Minus von sieben Prozent soll das Motto nicht als interne Durchhalteparole zu verstehen sein. Bei allen aktuellen Herausforderungen ist der Reportage-Klassiker doch eine beachtliche Erfolgsgeschichte.

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Mit ihrer 482. Ausgabe mit dem Titel “Aus Prinzip: Hoffnung” wollten die Hamburger ein Heft produzieren, “mit dem wir der verzagten Stimmung, die wir hierzulande derzeit verspüren, positive Geschichten entgegensetzen”, wie Chefredakteur Christoph Kucklick gegenüber MEEDIA erklärt. Trotz der vermeintlich schwierigen Lage, in der sich viele Verlage in Zeiten des Medienwandels sehen, sind der Blattmacher und sein Publisher davon überzeugt, dass es genügend “gute Gründe zum Feiern gibt”.

Immerhin ist die 40-jährige Historie des Reportage-Magazins weniger eine Story über den Niedergang einer Branche. Sie hat vielmehr das Zeug dazu, auch ein Lehrstück zu werden, wie man kreativ und erfolgreich dem Medienwandel trotzen kann. Allerdings haben die Hamburger dazu noch einige digitale Herausforderungen zu meistern.

Erst einmal muss aber festgehalten werden: “Der Start von Geo war damals ein Urknall. Es gab zuvor keine Zeitschrift in Deutschland, die mit diesem klaren Fokus auf das Abonnentengeschäft gelauncht worden war. Und 40 Jahre später sind wir mit 3,32 Millionen Lesern immer noch das reichweitenstärkste frei verkäufliche Monatsmagazin in Deutschland”, sagt Publisher Gerd Brüne mit einer großen Portion Stolz.

Geo

Zu seinen Hochzeiten lag die Auflage des Magazins bei über einer halben Million. Mitte und Ende der 90er-Jahre kam das Magazin sogar in drei Quartalen auf eine verkaufte Gesamtauflage von über 550.000 Exemplaren. Im dritten Quartal diesen Jahres lag der Gesamtverkauf noch bei 221.873 Exemplaren.

geoDer Geo-Magazin-Kosmos

Aus dem einen grünen Mutterheft, das 1976 noch mit dem Zusatz “Ein Magazin vom Stern” startete, ist längst ein weit verzweigter Markenkosmos mit 22 Heftreihen mit 105 EVTs pro Jahr geworden. “Das ist eine Familiengröße, die wohl keine andere Zeitschrift in Deutschland hat”, sagt der Chefredakteur. “Auch das zeugt von der enormen Kraft der Marke.”

Neben den Ablegern wie Geo Special, Geo kompakt oder auch Geolino und Geo Saison, sowie einer Vielzahl internationaler Spin-offs und Lizenzen unterhalten die Hamburger mit Geo Television sogar einen eigenen digitalen Spartensender.

Kaum einem Print-Produkt gelang es im Laufe der vergangenen Jahrzehnte derart, die Marke zu expandieren und gleichzeitig ein System zu schaffen, dass es erlaubt die einzelnen Inhalte bzw. Artikel in verschiedenen Titeln, über verschiedene Vertriebswege und Heftformate immer wieder neu zu bündeln und zu verkaufen.

Konkrete Umsatzzahlen wollen die Hamburger nicht nennen. Brüne spricht lieber von einem “schönen zweistelligen Millionenumsatz, der eher in Richtung dreistellig als gegen Null tendiert”. Durch das Auffächern der Marke gelang es den Managern, den Umsatz in der letzten Dekade stabil zu halten. Heißt: Die erhöhten Vertriebserlöse kompensieren das Anzeigen-Minus. “Seit Beginn der 2000er-Jahre konnten wir das Ergebnis sogar deutlich nach oben fahren”, sagt der Publisher. “Bislang sind wir sehr robust durch den Sturm gekommen”.

Mitverantwortlich für die guten Ergebnisse ist auch das ausgeklügelte System, mit dem das Geo-Team in Verlag und Redaktion vorhandene Geschichten und oft zeitlosen Content aus dem Backkatalog immer wieder neu bündelt und mit großem Geschick zudem zusätzliche Vertriebswege erschließt. “Wir haben qualitativ sehr gute Stoffe, die allerdings auch aufwändig produziert werden. Deshalb müssen wir schauen, wie wir sie – den Leserbedürfnissen entsprechend – immer wieder neu verpacken und zudem die Angebotszeiträume ausdehnen, um dadurch die Kosten für die Produktion wieder einzuspielen.”

cover_erstausgabe_geo_1976-01Die erste Ausgabe aus den Jahr 1976

Neben der wirtschaftlichen Entwicklung durchlebte auch das Magazin verschiedene Evolutionsphasen: “Heute muss man die Neugier der Leser anders stillen. Wir haben uns thematisch deutlich weiter entwickelt. Nach den frühen ‘Entdeckerjahren’ kam in den 80er Jahren zur Neugier auch die Sorge um die Welt dazu, die Überzeugung, dass es so nicht weiter gehen kann. Das Engagement für die Ökologie ist damals in die DNA von Geo eingewandert. Später kam die Entdeckung der Innenwelt dazu, unserer Seelen, unserer Körper. Das stand thematisch zu Beginn so noch nicht auf dem Programm von Geo”, erklärt Kucklick. “Der Kern aber ist stets geblieben: Wissensdurst und Vorfreude auf die nächste Erkenntnis. Der Leser soll am Ende jeden Textes ein Aha-Erlebnis haben. Wenn wir das mit 105 EVTs, statt mit zwölf pro Jahr schaffen, ist es umso cooler.”

Selbst wenn die Anzahl der Mitarbeiter innerhalb der Redaktion im Laufe der Jahrzehnte kräftig gestiegen ist, hat sich auch der Ausstoß an Seiten pro Mitarbeiter gesteigert.

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Aus dem alten Claim “Das neue Bild der Erde” ist mittlerweile “Die Welt mit anderen Augen sehen” geworden. “Man kann jeden Ort der Welt mit Google Earth besuchen. So gesehen ist die Welt entdeckt. Aber hat man sie auch verstanden?”, fragt der Chefredakteur. “Ich denke nein. Heute erlauben neue Technologien tiefere Einsichten, die unseren Lesern immer wieder – gemäß unseres Mottos – erlauben, ‘die Welt mit anderen Augen zu sehen’.”

 

Unnützes Wissen: Sieben Fakten aus 40 Jahren Geo:

geo

 

Noch immer sehen sich die Hamburger als Entdecker und Erklärer im Auftrag der Leser, die mit maximaler Genauigkeit und Verlässlichkeit feinstes Journalisten-Handwerk abliefern. “In der neuen Medienwelt sind viele Menschen heute etwas verunsichert. Wir wollen diejenigen sein, auf die sich die Leser zu Hundert Prozent verlassen können. Klassische Werte wie Wissensvermittlung sind heute gefragter als noch vor Jahren.”

Wie sich dieses sehr selbstbewusste und aus verlagsproduktionstechnischer Sicht auch teure Selbstverständnis erfolgreich in die Digitalwelt übertragen lässt, wissen die Macher selbst noch nicht genau. Kucklick ist davon überzeugt, dass es in einer nicht mehr ganz so fernen Zukunft möglich sein wird, das, was Geo ausmacht, auch ins Digitale übertragen zu können. “Ich weiß aber noch nicht genau wie.” Der Blattmacher sieht den Journalismus erst am Anfang der digitalen Evolution. “Was bisher passierte, ist noch immer der Versuch, das Print-Modell auf digitale Plattformen zu kopieren.” Jetzt erst fingen jene Technologien an zu reifen, die den Journalismus digital grundlegend transformieren werden. Dabei ist der Chefredakteur jedoch noch nicht davon überzeugt, dass Virtual Reality “der Weg” sein wird.

Kucklick hält es für “klug”, dass GEO nicht “wie ein Hasardeur auf jede neue Technologie gesetzt hat” – von denen sich “viele dann am Ende nicht durchgesetzt” haben. So hätte man gerade erst entschieden, auf Snapchat erst einmal zu verzichten.

Die Webseite wurde gerade erst überarbeitet. Die IVW zählte im September für Geo.de 1,19 Millionen Visits. Im Jahr davor waren es noch 1,63 Millionen.

Das Digitalgeschäft soll in Reichweite und Vermarktung noch weiter ausgebaut werden. Grundsätzlich sind die Hamburger mit ihren Online-Aktivitäten nicht so unzufrieden. So werden allein über die Webseite pro Jahr für 600.000 Euro Nachbestellungen von alten Heften im Geo-Webshop ausgelöst, zusätzlich zu den dort generierten Abos. “In toto macht Geo.de einen guten Job”, sagt deshalb auch der Publisher.

Neben neuen Digital-Produkten werkeln die Hamburger natürlich auch an weiteren Spin-offs und den nächsten Ausbaustufen der Print-Marke. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie viele weitere Titel sich unter dem Markendach von Geo noch verkaufen lassen.

Grundsätzlich schauen die Geo-Macher nach 40 erfolgreichen Jahren entspannt und voller Hoffnung in die Zukunft. Und wieder so ein Satz der Geo-Macher, der sich sowohl als Zustandsbeschreibung, wie auch als Motto für erfolgreiche Zukunft der Marke lesen lässt: “In meiner Lebensspanne haben wir schon mindestens 27 angekündigte Weltuntergänge – vom Waldsterben bis zur Bevölkerungsexplosion – überlebt und werden auch die nächsten 27 überleben. Wir bemühen uns um eine leichte Abkühlung der Apokalypse.”

 

Nachtrag: 
Wegen einer technischen Umstellung des Trackings im Rahmen des Relaunches von Geo.de Ende Juli soll es zu einer Nichtausweisung der mobilen IVW-Reichweite gekommen. Diese hinzugerechnet, liegen die Visits im September 2016 knapp über Vorjahr. Laut Verlag wäre korrekte Zahl für den September 1,65 Millionen Visits gewesen.

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Alle Kommentare

  1. Kurze Anmerkung: “Die Webseite wurde gerade erst überarbeitet. Die IVW zählte im September für Geo.de 1,19 Millionen Visits. Im Jahr davor waren es noch 1,63 Millionen.” – Das liegt daran, dass mobile Visits August und September ausnahmsweise nicht ausgewiesen wurden (siehe ivw.de). Wenn man sich diese mal aus vorherigen Monaten anschaut, so kämen hier sicherlich noch ca. 450.000 Visits dazu. Man ist damit ungefähr auf Vorjahrniveau, was wegen der umfassenden Überarbeitung schon eine gute Leistung ist.

  2. „Geo” ist grundsätzlich ein sympathisches Magazin, gründlich, ernsthaft und — was ja immer seltener wird — formal tadellos. Selbst Artikel in sehr alten Heften sind noch interessant.
    Die „angekündigten Weltuntergänge” sollte man jedoch nicht leichtfertig relativieren. Aus heute bald acht Milliarden Menschen werden schon Mitte des Jahrhunderts elf oder zwölf geworden sein, und die Plünderung des Planeten ist in vollem Gang. Der Kapitalismus führt mit seinem unerbittlichen Wachstumswahn und -zwang in die Katastrophe.
    Das müsste m.E. das Leitmotiv einer aufklärenden Zeitschrift sein. Technik zu erklären, Psychologie, Medizin und deren neue Perspektiven ist zwar interessant, aber letztlich positivistisch.

    1. Werte Ana Schweini! Ich hoffe ja, Sie wissen, wie Recht Sie mit dieser Ansicht haben. Persönlich lasse ich nicht mal eine Mücke über das GEO fliegen, denn es ist wirklich eines der besten Lektüren die wir in unserem Sprachraum noch haben. Im Gegenteil, ich muß mich sogar für die letzte GEO-Ausgabe 3/2017 bedanken, denn dieses Heft ist eine journalistische Glanzleistung, besonders die Artikel über den Dalai Lama von Florian Hanig und der großartigen Photography von Herrn Manuel Bauer, das ging mir runter wie Crem-Honig auch die Niederschrift in Horizonte ist GENIAL. Danke W.Doll

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