Anzeige

„Hart aber fair“ zum ARD-Event „Terror – Ihr Urteil“: alles, außer gewöhnlich

Bei "Hart aber fair" mit Frank Plasberg (r.) ging es nach dem ARD-Event "Terror – Ihr Urteil" rund.

Selten hat eine TV-Gesprächsrunde ein so komplexes Thema so lebhaft diskutiert: Ist der Kampfpilot Lars Koch schuldig oder nicht schuldig? In „Terror – Ihr Urteil“, dem TV-Event der ARD, hatten die Zuschauer die Qual der Wahl – die Abstimmungsergebnisse wurden in „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg präsentiert und diskutiert.

Anzeige

Es ist 21.38 Uhr. Es ist eine besondere Ausgabe von „Hart aber fair“. Knapp sieben Millionen Zuschauer haben soeben „Terror – Ihr Urteil“ gesehen. Das ARD-Event zum Abstimmen und Mitreden. Und damit den fiktiven Fall um den Kampfpiloten Lars Koch, der ein entführtes Flugzeug mit 164 Passagieren abgeschossen hat, um 70.000 Menschen in einem vollbesetzten Fußballstadion zu retten. Er hat eine Entscheidung getroffen und steht wegen des Abschusses vor Gericht. Der Zuschauer hat nun die Qual der Wahl: Ist er schuldig oder nicht? Das Ergebnis der multimedialen Eurovision-Abstimmung – der Zuschauer von ARD (Deutschland), ORF (Österreich) und Schweiz (SRF) – wird von Frank Plasberg in „Hart aber fair“ präsentiert, aufgerollt und diskutiert.

Wenn die Diskussionen in Deutschlands Wohnzimmern nur halb so leidenschaftlich geführt wurden, wie bei „Hart aber fair“, ist das Gedankenexperiment geglückt.

Denn selten hatte die TV-Gesprächsrunde ein so komplexes Thema so lebhaft diskutiert, funktioniert es doch zeitlos und unabhängig von der getickerten Nachrichtenwirklichkeit – und akzeptiert fast nur die subjektive Wahrnehmung als harte Währung. Immerhin stand diese zur Debatte: Mit einer deutlichen Mehrheit haben 86,9 Prozent der Deutschen für Freispruch gestimmt – ähnlich fiel auch das Ergebnis in Österreich und der Schweiz aus, das während der Live-Sendung von Plasberg eingeholt wurde. Repräsentativ ist diese Umfrage nicht. Absolute Zahlen fehlen, während der Abstimmung sind sogar technische Probleme aufgetreten. Das ist für eine Live-Abstimmung bitter. An Brisanz hat die Debatte dadurch aber nicht eingebüßt.

Die Diskussion sollte sich als alles, nur nicht als gewöhnlich, entpuppen. Mit einem Frank Plasberg als geduldigem Zuhörer, der das Mikrofon sogar ins Publikum reicht. Mit Kopfschütteln im Publikum. Mit Szenenapplaus. Und mit einem überaus beeindruckenden Gerhart Baum. Der FDP-Politiker und ehemalige Bundesinnenminister hat bereits in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (durch die Blume) ein Sendeverbot des Fernsehfilms gefordert – Autor Ferdinand von Schirach, der das Theaterstück erdacht hat, würde den Zuschauer „verführen“, gegen das Grundgesetz zu stimmen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, beharrte Baum auch bei „Hart aber fair“. Darüber hinaus sei der Ausgang einer Flugzeugentführung bis zuletzt nicht entschieden. Baum verwies auf ein entsprechendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2006, an das sich alle zu halten hätten. „Sie töten!“, attestierte Baum den Zuschauern.

Dagegen halten sollte etwa der CDU-Politiker Franz Josef Jung, der von 2005 bis 2009 das Amt des Bundesverteidigungsminister inne hatte und über seine Zerrissenheit als zuständiger Befehlshaber philosophierte. Gegen das Temperament von Baum („Sollen nun auch Ärzte anfangen, Todgeweihte aufzugeben?“) war aber auch er machtlos. Auch Thomas Wassmann, früherer Major der Luftwaffe und Kampfjet-Pilot, konnte Baum nicht umstimmen. Zwar sägte Wassmann an einer der wichtigen These von Baum („Die Verfassung ist klüger als wir“), indem er zu bedenken gab, vielleicht decke die Verfassung ja nicht alles ab – doch entkräften konnte Baum letztlich nicht.

Einzig Petra Bahr, eine Theologin, konnte Baum zumindest zügeln – war sie doch die moralische Instanz in der Runde, die dem Verfechter der Verfassung mit einordnenden Wortbeiträgen zu Würde, Menschlichkeit und Moral etwas entgegensetzen konnte. Ihre vielleicht größte Stärke war aber gleichermaßen ihre größte Schwäche, die der Ausgewogenheit der Runde erneut geschadet hat: Klare Kante zeigte Bahr nicht. Sie hat als einzige keine klare Meinung vertreten.

Dabei ging es ihr offenbar wie einem Großteil der Zuschauer. Um die Zuschauermeinung – Abseits von der Schwarz-Weiß-Meinung „schuldig“ oder „nicht schuldig“ – abzubilden, wurde zwölf Zuschauern „Terror – Ihr Urteil“ vorab gezeigt und ihr Abstimmungsverhalten während des Streifens beobachtet. Insgesamt hat es 28 Umentscheidungen gegeben, bis sich schließlich neun Teilnehmer auf „nicht schuldig“ festgelegt haben. In bewährter „Hart aber fair“-Manier hat Brigitte Büscher noch die Social-Media-Reaktionen ergänzt.

Ein interessanter Kniff, bei dem man sich allerdings fragt: Kann und darf das alles gewesen sein? Wurde den Zuschauern in 85 Minuten Film überhaupt die Tragweite ihrer Entscheidung bewusst? Was sind ihre Beweggründe gewesen? Warum hat man nicht einfach einen Zuschauer mit in die Diskussionsrunde gesetzt?

Doch eines ist unbestritten: „Terror – Ihr Urteil“ und die anschließende Diskussion bei „Hart aber fair“ dürften für die ARD ein voller Erfolg gewesen sein. Das unterstreichen auch die Quoten. „Was für ein Abend heute, hier im Ersten“, beschließt Frank Plasberg seine Sendung.

Dieser Abend war alles, außer gewöhnlich.

Anzeige