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Morgens, wenn Der Abend kommt: die unvergessenen Momente, als der Journalismus in mein Leben trat

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An diesem Montag, 10. Oktober 2016, wurden in Hamburg die Lead Awards 2016 vergeben, und Markus Peichl lobte die Branche für ein „Zeitungsjahr erster Güte“. Beate Wedekind, ehemalige Chefredakteurin von Elle, Ambiente, Bunte und Gala, erinnert in ihrer 2017 erscheinenden Autobiographie an einen anderen 10. Oktober, den von 1946, vor 70 Jahren. MEEDIA publiziert dieses Kapitel exklusiv vorab.

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Es war der Tag, an dem Der Abend, eine Berliner Tageszeitung, zum ersten Mal erschien. Das liberale Boulevardblatt spielte seitdem – bis zu seiner Einstellung 1981 – eine besondere Rolle in Berlin – und in Wedekinds Laufbahn als Journalistin. Jetzt, mit 65, plant sie für das Wahljahr 2017 eine einmalige Neuauflage des Abend als Zeitung über die Zukunft von Berlin als Hauptstadt.

Ebenfalls vor 70 Jahren, am 20. Oktober 1946, wurde in Berlin übrigens die 1. Stadtverordnetenversammlung von Groß-Berlin gewählt. 92,3 % der Berliner Wahlberechtigten – 2.128.677 Männer und Frauen – gaben ihre Stimme ab, zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die SPD gewann die Wahl, verpasste mit 48,7 % nur knapp die absolute Mehrheit und bildete aus strategischen Gründen mit der CDU und der LDP, einem Vorläufer der FDP, eine rot-schwarz-gelbe DreiParteienKoalition. Als Gegengewicht zu dem kommunistischen russisch besetzen Ostteil der Stadt.

Zum 70. Wahljubiläum hat Berlin, die seit fast 27  Jahren wieder vereinte Stadt, gerade die 18. Abgeordnetenhauswahl hinter sich. Berlin ist quasi volljährig geworden. Und wieder hat die SPD gewonnen. Wieder wird es eine Drei-Parteien-Koalition geben. Michael Müller, SPD, der amtierende Regierende Bürgermeister, hat allerdings mit dem historisch schlechtesten Ergebnis von 21,6 % gar keine andere Wahl. Allerdings strebt er wohl eher einen rot-rot-grünen als einen rot-schwarz-gelben Senat an, den viele in der Stadt zukunftsträchtiger finden.

Von Beate Wedekind

Am Montag war wieder einmal ein besonderer Tag für Zeitungsmacher. In Hamburg wurden zum 24. Mal die Lead Awards verliehen, die Oscars der Medienbranche. Das Ereignis fiel diesmal auf den 10. Oktober. Gern möchte ich dieses Datum zum Anlass nehmen, um über einen anderen 10. Oktober zu berichten, über den von 1946, also vor 70 Jahren, und über eine Zeitung, die es leider nicht mehr gibt. Die aber in meinem Leben eine große, ja eine entscheidende Rolle gespielt hat. Hier ist also meine Story von der Berliner Tageszeitung Der Abend, die am 10. Oktober 1946 zum ersten Mal erschien.

Zehn Tage vor der 1. Nachkriegswahl des Stadtverordnetenhauses von Groß-Berlin hatte die amerikanische Militärverwaltung dem Verleger Hans Sonnenfeld, 44, zuvor Leiter der Ullstein-Druckerei, und dem Chefredakteur Maximilian Müller-Jabusch, 57, in der Weimarer Republik Pressesprecher der Deutschen Bank und Redakteur der Vossischen Zeitung, eine Lizenz für die Herausgabe einer Tageszeitung im Westteil der Stadt erteilt. Sonnenfeld und Müller-Jabusch nannten sie Der Abend. Die Amerikaner wollten mit dieser 14. Berliner Zeitungslizenz der Übermacht der acht im sowjetischen Sektor von Ostberlin erscheinenden Tageszeitungen ein bürgerliches, westlich und kapitalistisch geprägtes Blatt entgegen setzen.

Leider habe ich kein Exemplar der Erstausgabe des Abend auftreiben können, auch nicht im Bundesarchiv und auch nicht im Internet, sodass ich hier über die Inhalte nur Vermutungen anstellen kann:

Auf dem Titel und der Politikseite werden die Kandidaten der bevorstehenden Wahl vorgestellt worden sein.
Ebenfalls auf dem Titel mit Fortsetzung im Feuilleton ein Bericht über die erste deutsche Nachkriegsproduktion, Wolfgang Staudtes Film „Die Mörder sind unter uns“. Die Hauptrolle spielte eine 20jährige unbekannte Schauspielerin namens Hildegard Knef, die Welturaufführung sollte am 15. Oktober im Admiralspalast gefeiert werden.

Im Lokalen ging es um den Umbau des Spandauer Gefängnisses, in dem die am 1. Oktober in Nürnberg zu Freiheitsstrafen verurteilten Hauptkriegsverbrecher Albert Speer, Karl Dönitz und Rudolf Heß noch im Laufe des Monats ihre Haft antreten sollten. Das Deutschland-Ressort brachte Einzelheiten von der ersten Interzonen-Konferenz der für Flüchtlinge zuständigen deutschen Verwaltungen, bei der die Aufnahmequoten der einzelnen Länder festgelegt wurden.

In der Wirtschaft wird die Lieferung von 70.000 Tonnen Winterkartoffeln der Aufmacher gewesen sein. Im Vermischten könnte eine Gerichtsreportage über den Prozess gegen eine Gruppe von Schwarzhändlern gestanden haben, die ein Gemisch von Traubenzucker und Gesichtspuder als Penicillin verkauft hatten. Täglich wiederkehrende Standards sind: das Radioprogramm des RIAS, des neu gegründeten Rundfunk im amerikanischen Sektor, ein Fortsetzungsroman: Vicky Baums „Hier stand ein Hotel“, Kreuzworträtsel, Leserbriefe, Tageshoroskop, Wetterkarte: Am 10. Oktober 1946 ist es um die Mittagszeit 6 Grad Celsius, zu kühl für die Jahreszeit. Es ist Vollmond.

Der Abend erscheint fortan täglich außer Sonntag um 12 Uhr, ist also rechtzeitig zur Mittagspause am Kiosk, und wird aus dem Stand ein Erfolg. Berlin ist im Aufbruch und Der Abend ist die Zeitung für das gebildete, kriegsmüde, zukunftshungrige Bürgertum, das die konstruktive und optimistische Grundhaltung und die unterhaltenden Beiträge der neuen Boulevardzeitung schätzt.

Bei der Wahl am 20. Oktober geben 92,3 % der Berliner Wahlberechtigten – 2.128.677 Männer und Frauen – ihre Stimme ab, zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die SPD verfehlt mit 48,7 Prozent knapp die absolute Mehrheit und bildet mit der CDU (22,2%) und der liberalen LDP (9,3%) eine rot-schwarz-gelbe DreiParteienKoalition. Wenige Monate später, im Hungerwinter 1946/47, wird Oberbürgermeister Otto Ostrowski von seinen Genossen das Misstrauen ausgesprochen und Ernst Reuter, der erst im November 1946 aus seinem zehnjährigen Exil in der Türkei nach Berlin zurück gekehrt war, wird im Sommer 1947 wird sein Nachfolger.

30 Jahre später fängt Der Abend an in meinem Leben eine Rolle zu spielen.

Aus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba kommend war ich nach Berlin gezogen, um mich wieder einmal neu zu erfinden. In Äthiopien hatte ich – meiner Heimatstadt Duisburg, eines Lebensgefährten und meines erlernten Berufs als Bankkaufmann überdrüssig – als Logistikassistentin des Deutschen Entwicklungsdienst gearbeitet. Ich hatte dort kurz nach der Revolution und der Ermordung von Kaiser Haile Selassie I. die Anfänge des brutalen kommunistischen Regimes miterlebt, Erschießungen, Hausarrest, und Verhaftungen von Freunden.

Irgendwie hatte ich Berlin, diese eingemauerte Inselstadt mit einer wie mir schien offenen Zukunft, schon lange als meinen Sehnsuchtsort im Visier gehabt, als den Platz, an dem ich rücksichtslos Ich sein konnte, irgendwie lässig, auf der Suche nach dem nächsten großen Plan. Ich wollte dort erst einmal das Abitur nachmachen und dann weitersehen.

Bei der Renovierung meiner Altbauwohnung in der Charlottenburger Goethestraße (ein Zimmer, kein Bad, Kammer, Hängeboden, Ofenheizung, Außentoilette) entdeckte ich unter alten Tapeten vergilbte Ausgaben des Abend aus dem Jahre 1948. Sie hatten zur Dämmung von Zwischenwänden aus Stroh und Lehm gedient. Ich las die Zeitungen von der ersten bis zur letzten Zeile. Fortan wurde Der Abend meine tägliche Lektüre, die es mir leicht machte, mich mit der Stadt anzufreunden. Ich hatte eine Liebschaft mit einem Zahnarzt, schwitzte sonntags mit einer Clique in der gemischten Sauna, jobbte als Kellnerin und tippte Doktorarbeiten, ging in die Berliner Philharmonie, wenn Herbert von Karajan dirigierte, für den ich schwärmte. Bis zum Beginn des nächsten Abiturkursus in der Abendschule hatte ich ein paar Monate Leerlauf, was ich herrlich fand, mich aber auch ein wenig langweilte.

So kam es, dass ich im Abend jene Kleinanzeige entdeckte, die meiner Zukunft einen radikal anderen Weg weisen würde. Gesucht wurde eine Schwangerschaftsvertretung für das Sekretariat von Professor Dr. Helmut Coper, des Leiters des Instituts für Neuropsychopharmakologie der Freien Universität Berlin. Ich bewarb mich auf die Dreimonatsstelle und wurde zu meiner Überraschung postwendend zu einem Vorstellungsgespräch in sein Büro im Dachgeschoß einer Villa im Westend eingeladen.

Der Professor war ein kleiner, etwas kauziger Mann. Er befragte mich hauptsächlich nach den legendären äthiopischen Felsenkirchen von Lalibela, die er gern einmal besuchen würde – und stellte mich ein. Was für ein Glücksfall! Denn der 55-Jährige Wissenschaftler war ein faszinierender Mann, der Berlin aus vielen Blickwinkeln kannte, die Stadt liebte und unumstößlich an ihre Zukunft in Freiheit glaubte : Als Halbjude hatte Helmut Coper 1938 als 13-Jähriger das Gymnasium verlassen müssen, wurde 1944/45 Zwangsarbeiter bei der Operation Todt (eine paramilitärische Bautruppe in der Nazizeit, die Red.). 1946 war er mit 21 der erste Nachkriegsabiturient Berlins. 1948 wurde er einer der beiden Gründungsstudenten der Freien Universität Berlin und dort 1949 erster gewählter AStA-Vorsitzender. Coper war schon als junger Mann Freund und Skatbruder des Oberbürgermeisters Ernst Reuter und später als Kuratoriumsmitglied der FU bestens mit den politischen Verhältnissen Berlins vertraut.

Zu meinen Aufgaben als Copers Sekretärin gehörte auch das Protokollieren von gelegentlichen Treffen der führenden Berliner Politiker im Büro meines Chefs. So lernte ich den ehemaligen Regierenden Bürgermeister und Altkanzler Willy Brandt kennen, auch Ernst Reuters Sohn Edzard, den späteren Vorstandsvorsitzenden von Daimler-Benz, vor allem aber den Berliner Wissenschaftssenator Dr. Peter Glotz. Der heuerte mich privat als Tippse an, um seine handgeschriebenen wissenschaftlichen Manuskripte abzuschreiben. Was für ein kluger Mann! Als ich ihm eines Tages auf die Frage, was ich denn studieren wolle, keine Antwort geben konnte, schlug er mir vor, es doch mit einem Zeitungsvolontariat zu versuchen. Er hielt mich nämlich für ein Kommunikationstalent; er fand ich schrieb gut, sei außergewöhnlich wissbegierig und stellte stets gute Fragen. Ich lachte, weil ich außer, dass ich den Abend und den Spiegel las und abends die Tagesschau guckte, keinen blassen Schimmer von Journalismus hatte. Glotz blieb hartnäckig, und auch Professor Coper gab seinen Segen, als ich mich mit ihm beriet.

So bewarb ich mich, mittlerweile 29 Jahre alt, tatsächlich bei 18 deutschen Tageszeitungen und wurde von 17 abgelehnt; zu alt, kein Abitur, kein Studium, keine einschlägige Vorbildung, keine Chance. Nur eine Zeitung lud mich zum Vorstellungsgespräch ein, ausgerechnet „meine“ Zeitung, Der Abend!

Nachdem sich Sonnenfeld 1978 aus Altersgründen zurück gezogen hatte, hatte Der Abend mehrere Besitzerwechsel durchgemacht und stand kurz vor dem Konkurs, als ein in Berlin lebender persischer Unternehmer im Juni 1980 die Zeitung erwarb. Hossein Sabet, 44, von Beruf eigentlich Ingenieur und aus einer angesehenen persischen Familie stammend, war verheiratet mit einer Berlinerin, mit der er drei Kinder hatte. Mit dem Handel von Teppichen und als Hotelier hatte er ein Vermögen gemacht. Schon als Student hatte er Anfang der Sechziger Jahren angefangen, den Abend zu lesen und wollte die Zeitung nicht sterben lassen. Im Sommer 1980 war er also auf der Suche nach unkonventionellen Leuten, hatte in Karsten Peters den Feuilletonchef der Münchner Abendzeitung als Chefredakteur nach Berlin geholt und Dieter Gütt, den Erfinder der ARD-Tagesthemen, als politischen Berater an seine Seite geholt.

Peters und Sabet gaben mir, der Quereinsteigerin mit den guten Berlin-Kenntnissen, die Chance für einen Neuanfang. Die Idee von Abitur und Studium hängte ich an den Nagel. Am 1. August 1980 fing ich morgens um 5 Uhr – Der Abend erschien da noch um 12 Uhr – mein Volontariat in der Redaktion im Hinterhof des Tagesspiegel-Gebäudes in der Potsdamer Straße an. Am nächsten Tag traf ich, aufgeregt und überglücklich, meine beiden Mentoren Peter Glotz und Professor Coper auf einen Kaffee, brachte ihnen die Ausgabe mit zwei kurzen mit meinem Kürzel B.W. gekennzeichneten Artikeln mit, und jedem ein Kästchen mit dem Bleisatz der Zehnzeiler.

Ich kochte mit Al Martino, versackte mit Tony Curtis in der Paris Bar
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Schon an meinem ersten Arbeitstag hatte ich Blut geleckt, auch, weil Karsten Peters, selbst ein genialer Geschichtenerzähler, mir von Anfang an einfach alles zutraute. Er schickte mich als Reporterin in die Hausbesetzerszene, auf den Strich an der Straße des 17. Juni, und zum Bergfest von Rainer Werner Fassbinder, der seinen letzten Film Querelle in Berlin drehte. Ich durfte Herbert von Karajan bei einer Probe beobachten und Boy Gobert interviewen, den Intendanten der Berliner Staatsbühnen. Ich kochte Spaghetti mit Al Martino im Intercontinental Hotel, versackte mit Tony Curtis in der Paris Bar und ging im KadeWe Schuhe kaufen mit der First Lady Nigerias, während ihr Mann, Staatspräsident Sheshu Shagari die Schering-Werke besichtigte. Meine erste Titelgeschichte erschien am 13. September 1980: Ich hatte den fünffachen Wimbledonsieger Björn Borg, ein Weltstar des Tennissports, bei seinem Berlin-Aufenthalt begleitet, der gegen Vitas Gerulaitis um den von Verleger Hossein Sabet gestifteten und mit 150.000 Dollar dotierten Abend-Cup spielte. Seit Anfang Oktober 1980 schrieb ich – immer noch Volontärin – eine tägliche Gesellschaftskolumne namens „Leute in Berlin“.

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Der Abend, die Zeitung und die Redaktion, war nun mein Leben. Ein unglaublich spannendes Leben: Denn Der Abend wurde von Sabet, der kräftig in die Zeitung investierte, völlig umgekrempelt. Er stellte von Bleisatz auf Lichtsatz um. Wir bezogen neue Redaktionsräume direkt gegenüber der Berliner Gedächtniskirche. Die Erscheinungsweise wurde von mittags auf morgens umgestellt. In einem Artikel in der Zeit vom 10. Oktober 1980 stellte Joachim Nawrocki ausführlich dar, warum der neue Abend sich mit letzterer Veränderung auf gefährliches Terrain begeben hatte: „… der Wettbewerb auf dem Berliner Zeitungsmarkt ist doch nicht so tot, wie vielfach angenommen wird. Der Markt ist wieder umkämpft…“

Als Mittagszeitung war der Abend ein Exot gewesen. Als Morgenzeitung wurde er plötzlich zur Konkurrenz der in Berlin erscheinenden Tageszeitungen des Springer-Verlages, B.Z., Bild Berlin, Berliner Morgenpost. Zudem hatte sich ein erbitterter Streit um die Nutzung der Druckmaschinen der Mercator-Druckerei entwickelt, die zu 50 Prozent dem Abend-Verleger Hossein Sabet und zu 50 Prozent dem aus Schwaben stammenden Tagesspiegel-Verleger Franz Karl Maier gehörte. Einmal brachte ich – Volontärin Wedekind war auch für außergewöhnliche Aufträge gern zur Stelle – die Vorkasse, die Maier von Sabet verlangte, in 1-D-Mark-Stücken in einem Einkaufskorb in das Verlegerbüro des Tagesspiegel. Maier war nicht amüsiert.

Auch hinter den Kulissen der Politik wurde Stimmung gegen den persischen Teppich-Verleger, wie Hossein Sabet despektierlich genannt wurde, und seine unkonventionelle Redaktion gemacht. War Sabet als erfolgreicher Unternehmer ein gern gesehener Berliner, so wehte dem Perser als Zeitungsverleger nun scharfer Wind entgegen. Zwar besuchte der Regierende Bürgermeister Dietrich Stobbe, SPD, anfangs noch die Abend-Redaktion und ließ sich lächelnd mit Hossein Sabet fotografieren, stand später aber dem Abend-Herausgeber Dieter Gütt für Gespräche über eine Lösung des Druckerei-Streits und die daraus resultierende schwierige wirtschaftliche Situation der Zeitung nicht zur Verfügung. Ein persischer Teppichhändler, der im heiß umkämpften Berliner Zeitungsmarkt mitmachen wollte, so hörte ich damals aus der Senatskanzlei, erschien dann doch nicht zukunftsfähig.

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Am 22. Januar 1981 trat Hossein Sabet mittags um 12:30 Uhr vor die Redaktion und kündigte an, dass er den Abend vorübergehend einstellen müsse. Die finanziellen Forderungen seines Geschäftspartners Franz Karl Maier seien untragbar und maßlos und er hatte nicht mit ihnen gerechnet, sie also auch nicht in seine Finanzplanung einkalkuliert. Auch hatte er bis zuletzt nicht glauben wollen, dass der Tagesspiegel-Verleger offensichtlich systematisch den Tod des Abend geplant hatte. Am Tag darauf, am Freitag, den 23. Januar 1981, erschien der Abend mit einer 24-seitigen Ausgabe zum letzten Mal. Karsten Peters schrieb in seinem Editorial von einem Schwarzen Freitag.

Der 23. Januar war ein doppelt denkwürdiger Tag für Berlin: Nachdem die Genossen den Regierenden Bürgermeister wegen der Garski-Affäre ihr Misstrauen ausgesprochen hatten, war Dietrich Stobbe zurückgetreten und Hans Jochen Vogel zu seinem Nachfolger ausersehen worden. Auf Seite 3 der letzten Ausgabe des Abend gab Stobbe in einem Interview zu Protokoll, dass er in der sozialliberalen Koalition von Heckenschützen und Feiglingen umgeben gewesen sei.

Gerd Bucerius, Herausgeber der Zeit, schrieb an Dieter Gütt: „Der Tod einer Zeitung ist wie der Tod einer Schwester, ob man sie geliebt hat oder nicht.“ Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein schickte „Ein Dankeschön für den vergnügten Abend und auf Wiedersehen.“

Zu einer Neuauflage des Abend ist es leider nicht gekommen, denn Hossein Sabet wurde wegen Konkursverschleppung angezeigt – und später freigesprochen, wegen Fluchtgefahr (er hatte einen 2. Wohnsitz in Spanien) wurde er sogar in Untersuchungshaft genommen. Die 125 Mitarbeiter von Verlag, Redaktion, Druckerei und Setzerei hatten durch den Tod des Abend ihren Job verloren, viele fanden aber schnell in anderen Verlagen, beim Berliner Radio- und Fernsehsender SFB und beim RIAS, einen neue Beschäftigung.

Ich suchte wieder Rat bei Peter Glotz. Er riet mir, mich bei Axel Springer zu bewerben, was ich tat. Am 1. April 1981, wenige Tage vor meinem 30. Geburtstag, wurde ich Jungredakteurin bei Bild Berlin. Von meinem Schreibtisch im 12. Stock des Verlagsgebäudes an der Kochstraße schaute ich direkt auf die Berliner Mauer und den Ostteil der Stadt. Auf meinen Schreibtisch stellte ich ein kleines Macintosh-Auto, ein grüner Ford-Lieferwagen mit dem Abend-Logo auf den Türen, die man aufschieben konnte. Im Inneren des Autos Stapel von Zeitungen verstaut, bereit zur Auslieferung an die Kioske.

70 Jahre später … Pläne für ein einmaliges Revival

Für viele Kolleginnen und Kollegen war der Abend ein Sprungbrett für ihre Karriere gewesen. Auch für mich. Sieben Jahre nach meiner ersten Zeile beim Abend wurde ich bei Burda Chefredakteurin von Elle, dann auch von Ambiente, ich produzierte die Bambi-Verleihung und der WDR drehte ein 90-minütiges Porträt mit dem Titel „Einsame Spitze“ über mich. Leider – oder Gottseidank – endete meine Karriere als angestellte Journalistin 1993 als Chefredakteurin von Bunte, als ich für ein schlappes Jahr erste Frau an der Spitze einer der großen deutschen Wochenzeitschriften war. Ich räumte wie vom Verlag gewünscht das Blatt auf, das mein Vorgänger und Nachfolger Franz Josef Wagner, der damals Chefredakteur der Bild-Zeitung werden sollte und es dann doch nicht wurde, mir übergeben hatte, stolperte nicht, wie bis heute gern kolportiert wird, über die Affäre mit einem Mitarbeiter (die hatte ich nicht, jedenfalls nicht mit dem, von dem es behauptet wird) und über wirtschaftlichen Misserfolg (den hatte ich nicht, wie später Dr. Jürgen Todenhöfer in einem kurzen Kress-Bericht bestätigte), sondern über eine klassische Mobbing-Affäre, der ich nicht gewachsen war.

Nach einem kurzen Intermezzo als Gründungschefredakteurin der deutschen Gala in Hamburg arbeite ich seit 1994 nur noch frei als Journalistin, habe als Fernseh- und Eventproduzentin weitere schöne Erfolge feiern können und – turn back the clock – verdiene heute mit meinen 65 Jahren meine Brötchen hauptsächlich als Expertin im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, zu der ich mich in den letzten Jahren gemausert habe.Mein Hauptanliegen ist dabei die Förderung von jungen Frauen. Ich lebe in Berlin, bin oft in Addis Abeba und besitze ein kleines Refugium in den Bergen der Baleareninsel Ibizas, wo ich gerade das Manuskript meiner Autobiographie noch einmal überarbeite, die 2017 erscheinen wird.

Gelegentlich werde ich gefragt, was denn die spannendste Zeit meines beruflichen Lebens gewesen ist. Na klar: Es war die kurze Zeit als Volontärin beim Abend. Nie zuvor und nie danach habe ich mehr und wichtigeres gelernt.

Hossein Sabet hat sich damals nach dem Abend-Debakel mit seinem unumstößlichen Optimismus und unglaublichem Tatendrang schnell und gut erholt. Er lebt nach wie vor in Berlin, ist als Unternehmer in der Hotelbranche und in alternative Energien auch in seinem Heimatland Iran aktiv und erfolgreich. Sein Elan ist heute derselbe wie damals, als er mir, der 29-jährigen Quereinsteigerin, die größte Chance meines Lebens gab.

Neulich traf ich ihn wieder einmal zu einer Tour d’Horizon in Berlin. Er brachte mir eine Magisterarbeit „Der Tod des Abend – Eine Zeitungsposse“ von 1985 mit, in der die Journalisten Klaus Betz und Maksut Kleemann sich wissenschaftlich akribisch kritisch mit dem Ende des Abend beschäftigen. Hossein Sabet meinte zum Schluss unseres langen Gesprächs, es wäre an der Zeit, dass ich wieder einmal etwas Neues mache.

Seitdem lässt mir eine Idee keine Ruhe mehr. Im Wahljahr 2017 möchte ich zusammen mit jungen und erfahrenen Journalistinnen und Journalisten einmalig eine Zeitung herauszubringen, die sich ausschließlich mit der Zukunft Berlins als Hauptstadt der Chancen auseinandersetzt. Ich möchte generationsübergreifend die Frauen und Männer zu Wort kommen lassen, die sich nicht in Utopien verlieren und an Slogans ergötzen, sondern aktiv und verantwortungsvoll an der Gestaltung unserer Zukunft arbeiten. Natürlich wird es auch um Quereinsteiger gehen, die unumstößliche Optimisten sind und sich immer wieder neu erfinden wollen und ungeduldig nach der nächsten Chance Ausschau halten. Zurzeit bin ich noch in der Planungsphase. Aber Der neue Abend wäre doch ein guter Titel, oder? Und wenn’s was wird, werde ich die Zeitung bei den Lead Awards 2017 einreichen …

 

In Memoriam meiner Weggefährten von damals, denen ich so viel zu verdanken habe:

Karsten Peters wurde 1983 Chefredakteur der Hamburger Rundschau und 1986 Feuilletonchef des Hamburger Abendblattes. Wir blieben befreundet. Leider starb er schon 1990 mit 55 Jahren an einem Herzinfarkt.
Dieter Gütt wurde 1983 Stellvertretender Chefredakteur des Stern und nahm sich 1990 mit 66 Jahren das Leben.
Peter Glotz blieb Zeit seines Lebens mein journalistischer Mentor. Er wurde u.a. Bundesgeschäftsführer der SPD, Gründungsrektor der Universität Erfurt, hielt einen Lehrstuhl an der Universität St. Gallen, veröffentlichte zahlreiche Bücher und wird besonders auch heute wieder als einer der klügsten Köpfe, die die SPD jemals hatte, hoch gelobt. Er starb 2005 mit 66 Jahren an Krebs.
Helmut Coper starb als hochgeachteter Wissenschaftler und stets auskunftsfreudiger Zeitzeuge 2013 im gesegneten Alter von 87 Jahren. Wir hatten uns kurz vorher nach vielen Jahren wiedergesehen.

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Alle Kommentare

  1. Sehr fein.

    Nach längerer Zeit wieder ein positiver Grund, warum ich trotzdem immer wieder hier vorbei schauen sollte, obwohl man für die Kommentarspalte inzwischen einen kevlar-verstärkten Corpus ventriculi benötigt.

    Dankeschön.

  2. Der biografische Fuss-Kasten stimmt nicht ganz. Karsten Peter war 1979-1980 Feuilleton-Chef des Hamburger Abendblattes, ging DANN nach Berlin und wurde 1986 Feuilleton-Chef der Hamburger Morgenpost.

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