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Gisela Friedrichsens Spiegel-Abschied: messerscharfer Sachverstand und ein bisschen Selbstgerechtigkeit

Gerichtsreporter-Legende Gisela Friedrichsen hat ihren letzten Artikel für den Spiegel geschrieben
Gerichtsreporter-Legende Gisela Friedrichsen hat ihren letzten Artikel für den Spiegel geschrieben

Im aktuellen Spiegel ist es eine kleine Notiz ganz unten in der Hausmitteilung: Gisela Friedrichsen veröffentlicht in diesem Heft ihren letzten Text für das Nachrichtenmagazin. Über den Auftritt Beate Zschäpes beim NSU-Prozess. Das ist mehr als eine Kleinigkeit, es ist das Ender einer Ära, der Abtritt einer Legende beim Spiegel. La Friedrichsen hat über viele Jahre die Berichterstattung aus deutschen Gerichtssälen geprägt. Wie keine Zweite war sie "die Gerichtsreporterin", wozu auch ihre zahlreichen Talkshow-Auftritte beigetragen haben.

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“Der Spiegel lebt von  der Leidenschaft seiner besten Leute. Gisela Friedrichsens Schaffenskraft, Mut und Urteilsvermögen sind ein Vorbild für alle, die ihr nachfolgen.” So lässt sich Chefredakteur Klaus Brinkbäumer in der kurzen Notiz zitieren, die Gisela Friedrichsens Ausscheiden beim Spiegel begleitet. Unter der Aufzählung Brinkbäumers dürfte es vor allem das “Urteilsvermögern” sein, das ihren Ruf als Gerichtsreporterin begründete. Mit Betonung auf “Urteil”.

1973 volontierte die in München geborene Gisela Friedrichsen bei der Augsburger Allgemeinen. Danach war sie viele Jahre Redakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bevor sie 1989 zum Spiegel wechselte – als designierte Nachfolgerin des damals legendären Gerichtsreporters Gerhard Mauz. Ihren bayerischen Zungenschlag und die süddeutsche Freude an der zupackenden Formulierung legte sie weder in Frankfurt noch in Hamburg ab. In all den Jahren im Gerichtssaal erwarb sich die Friedrichsen eine tiefe Kompetenz in juristischen Fragen. Sie wusste, wie es vor dem Gesetz zuging und war teils beängstigend treffsicher in ihren Prognosen. Auch weil sie sich nicht nur in juristischen Dingen bestens auskannte, sondern auch in menschlichen Belangen und Richter, wie Staatsanwälte und Verteidiger zu lesen wusste.

Das hatte aber auch zur Folge, dass sie mit der Zeit vielleicht manchmal der Meinung war, es auf der Zuschauerbank besser zu wissen als die Damen und Herren in ihren Roben da vorne. Legendär ist nicht nur ihre Fachkenntnis, sondern auch einige Marotten, wie etwa, dass sie gerne Verhandlungen hörbar murmelnd kommentierte, während sie sich auf der Zuschauerbank ihre Notizen machte. Legendär auch ihr Drang zur Publicity in eigener Sache. Die Kameras und Mikrofone mussten Gisela Friedrichsen in den Gerichts-Foyers nicht lange suchen, sie steuerte stets recht zielstrebig auf sie zu, immer wie aus dem Ei gepelt, immer bereit für einen großen Auftritt.

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Dies führte dazu, dass ihr in juristischen und medialen Kreisen vor allem in späteren Jahren ihrer Karriere Eitelkeit und Selbst-Gerechigkeit vorgeworfen wurde . In der Neuen Juristischen Wochenschrift stand mal über sie: “Schulmeisterlich verteilt sie Zeugnisse, bewertet, lobt, verdammt, auf der Grundlage ihrer subjektiven Maßstäbe. Dabei ergreift sie nicht nur Partei für eine Seite, sondern berichtet einseitig, gibt den Argumenten der angegriffenen Seite meist keinen Raum.“ (zitiert nach Wikipedia) Das konnte man so sehen, vor allem bei spektakulären Prozessen, wie beispielsweise dem Mordfall Weimar, dem Kindesmissbrauchsprozess im Fall Pascal oder dem Fall Kachelmann. In letzterem Fall schlug sie sich frühzeitig erkennbar auf die Seite des wegen Vergewaltigung angeklagten Wetterexperten – wie sich am Ende herausstellen sollte zurecht. Dass sie in ihren Urteilen oft keine Ausgewogenheit kannte, nahmen ihr manche übel – wohl verkennend, dass Medien keine Gerichte sind. Immerhin waren Friedrichsens Texte oft sogar als Kommentare gekennzeichnet. Neid mag bei ihren Kritikern auch eine Rolle gespielt haben. Auch das ein Berufsrisiko der Erfolgreichen.

Unter Kollegen gilt sie als fleißig und hilfsbereit. Und ganz ohne scheu, auch für Spiegel Online zu schreiben, was man nicht von jedem Spiegel-Redakteur behaupten konnte. Sie galt aber auch als nicht immer ganz einfache Persönlichkeit. Wie das halt oft so ist, wenn Berichterstatter mit der Zeit und nach soundsovielen TV-Auftritten selbst ein bisschen zu Stars werden. Als ihr Redakteursvertrag beim Spiegel auslief, wurde sie noch viele Jahre als freie Autorin weiter beschäftigt – zu recht üppigen Konditionen, wie zu hören ist. Für den Spiegel war die Frau mit dem messerscharfen Sachverstand und der betonharten Frisur eine Marke, ein Teil vom Spiegel. Nun, mit 71 Jahren, hört sie endgültig auf beim Hamburger Magazin. Ob sie auch aufhört, zu arbeiten, zu urteilen? Man kann es sich nicht vorstellen.

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Alle Kommentare

  1. Als ein ihr zugeneigter Leser wünsche ich Gisela Steinhauer einen flotten Unruhestand.
    (Und Stefan Winterbauer wünsche ich mehr Ruhe und Gelegenheit, die eigenen Texte zu überarbeiten – es sind schon arg viele Grammatik- und Rechtschreibfehler drinnen).

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