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Nach der “Regierungserklärung” beim BDZV: Mathias Döpfners Wandlung vom Manager zum Verleger

Seit 2002 Axel Springer-Vorstandschef: Mathias Döpfner
Seit 2002 Axel Springer-Vorstandschef: Mathias Döpfner

Vom FAZ-Feuilleton über die Welt-Chefredaktion zum Vorstandschef von Axel Springer: Mathias Döpfner, 53, hat in seiner Karriere bereits viel erreicht und offenbar noch ebenso viel vor. In diesem Jahr, dem 15. seiner Amtszeit beim Berliner Medienkonzern, wuchs der eloquente CEO über seine bisherige Rolle hinaus – die Branche erlebt derzeit die Wandlung eines Verlagshaus-Managers zum Verleger.

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Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass Mathias Döpfner der ultimative Alpha-Manager und Agenda-Setter seiner Branche ist, so hat der 53-Jährige ihn in dieser Woche beim Zeitungs-Kongress in Berlin geliefert. Seine Antrittsrede als neu gewählter BDZV-Präsident nannte nicht nur MEEDIA eine “Regierungserklärung”, in der Döpfner zugleich den Unternehmer, Change-Manager, Politiker und gesellschaftlichen Visionär verkörperte und sein Programm für die nächsten Jahre umriss. Indirekt kritisierte er Justizminister Heiko Maas, von dessen Anti-Hatespeech-Kampagne gegen Facebook Döpfner wenig hält. Man dürfe dem Sozialen Netzwerk nicht den Gefallen tun, es wie einen “Super-Verleger” zu behandeln. Ein nachvollziehbares Argument und zugleich ein Plädoyer gegen politischen Aktionismus. Döpfners Rede war ein Weckruf für die Medienhäuser und für einen Verband, der sich nach Ansicht von Beobachtern zu lange in lobbyistischer Betulichkeit verheddert hatte. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger zeigt unverkennbar einen neuen Drive, ob es um Leistungsschutz, EU-Recht oder die Warnung vor der Übermacht der Tech-Konzerne geht.

Das Jahr 2016 zeigt einen Springer-Vorstandschef, der entschlossen ist, die Führungsrolle zu übernehmen, nicht nur im eigenen Haus oder im Verlegerverband. Der souveräner wirkt denn je und auch offensiver. In einem in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Interview mit dem SZ-Magazin gab Döpfner Einblicke in sein Denken und scheute sich nicht, sich zu seinen Schwächen zu bekennen. Über seine Branche sagte er: “Von den heutigen Verlagen werden nur wenige überleben.” Auch wenn man seine Meinung nicht teilen sollte, ist der Mut des CEO von Axel Springer zu bewundern, sich so schonungslos gegenüber denen zu äußern, die ihn nur wenig später zum Präsidenten der Zeitungsverleger wählen sollten (und würden). In einer Medienwelt, die sich gern selbst stark redet und in der das Gesundbeten vielfach zur Strategie verklärt wird, ist das ziemlich ungewöhnlich. Wie viele deutsche Medienmächtige hätten ein Interview wie das von Döpfner mit der SZ geben können? Eben.

Auch der öffentlich-rechtliche Sender Phoenix hat unlängst ein 30-minütiges Interview mit dem Springer-Chef ausgestrahlt, die britische Financial Times veröffentlichte in dieser Woche gleich zwei Artikel, die auf einer Prognose Döpfners zu den Folgen des Brexits sowie seiner Einschätzung der Entwicklung der Medienbranche basierten. Interessant ist aber nicht so sehr die Frequenz seiner öffentlichen Auftritte, sondern die Präzision, mit der er sie nutzt, um eine Botschaft zu platzieren. In der Böhmermann-Affäre etwa schlug Döpfner sich im April entgegen jedem Konformismus auf die Seite des angeschlagenen und ob der heftigen Reaktion auf sein “Schmähgedicht” verunsicherten Comedians – und ging damit sogar das Risiko eines Strafprozesses wegen Beleidigung ein. Seither klagt der türkische Staatspräsident beim Landgericht Köln gegen ihn, wenn auch bislang ohne Erfolg. Vorige Woche rechnete Döpfner beim Handelsblatt-Terrassentalk mit der deutschen Politik ab, der er zu wenig Medienkompetenz attestiert. Sein Lob für SPD-Mann Olaf Scholz (“der beste Medienpolitiker Deutschlands”) war zugleich eine Kritik am mangelnden Sachverstand der übrigen Bundespolitiker. Man merkt Döpfner an, dass er sagt, was er denkt und nicht, was er für opportun hält. Das macht ihn stark und für manche unberechenbar.

In den bald eineinhalb Jahrzehnten als Vorstandschef von Axel Springer ist er gereift und hat eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Sein vorheriger Track Record als Chefredakteur ist dagegen eher durchwachsen: Nach einigen Jahren als Musikkritiker im Feuilleton der FAZ und einer Zeit als deren Korrespondent in Brüssel wechselte der Endzwanziger zu Gruner + Jahr und assistierte zunächst dem ungemein erfolgreichen Auslandsvorstand Axel Ganz, später dem damaligen Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen. Von Ganz, der Gala erfand und zur Zeitschriftenmarke machte, konnte Döpfner den internationalen Blick auf das Medienbusiness lernen und auch das Gespür für vielversprechende Produkte. Von Schulte-Hillen, der den smarten Neuzugang nach Kräften förderte, bekam er 1994 seine erste Chefredaktion: die ehemalige DDR-Zeitung Wochenpost. Doch das Berliner Blatt war defizitär und wohl schon damals verloren. Der Mann aus Hamburg war am Ende mehr Abwickler als Gestalter. Als die Wochenpost Ende 1996 eingestellt wurde, war Döpfner schon auf einer neuen Mission – als Chefredakteur der Hamburger Morgenpost.

Dass der ehemalige FAZ-Korrespondent beim Boulevardblatt im Kleinformat landete, war Insidern zufolge eine Verlegenheitslösung. Angeblich hatte Schulte-Hillen – das nahende Ende der Wochenpost vor Augen – zuvor vergeblich versucht, Döpfner in der Chefredaktion des stern unterzubringen. Der damalige Magazin-Macher Werner Funk, so erzählt man sich, habe abgelehnt: Einen wie Döpfner könne er in der Chefredaktion nicht gebrauchen, da käme, wenn überhaupt höchstens eine Ressortleiterstelle in Betracht. Selbst bei der Verlagsgruppe Milchstraße soll “S-H” vorgefühlt haben, ob man sich Döpfner als Chefredakteur der Zeitgeist-Illustrierten Max vorstellen könnte. Auch daraus wurde nichts. So bekam der damals 33-Jährige die Chefredaktion der Hamburger Morgenpost und den Auftrag sowie die nötigen Mittel, das Blatt auf Vordermann zu bringen. Zum Amtsantritt brachte der Neue eine kleine Armada an Beratern mit, darunter mit Thomas Schmid und Jan-Eric Peters zwei spätere Welt-Chefredakteure.

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Es war damals schon weniger die Tatsache des Machtwechsels an der Spitze der Zeitung (die Redaktion war ja bereits Einiges gewohnt), sondern die Art, wie sich dieser vollzog: Döpfner verströmte eine neue, für alle spürbare Aura. Er war extrem kultiviert, orientierte sich an internationalen Zeitungsstandards und machte den Eindruck eines Mannes auf einer Mission, von der er sich nicht abbringen lasse würde. Dass er im Boulevardjob gänzlich unerfahren war, schien ihn selbst nicht im Geringsten zu belasten. Zwei Jahre dauerte das Engagement, mit einer ernüchternden Bilanz: die Millionen, die Gruner + Jahr in die “Mopo” investiert hatte, brachten keine Trendwende, im Gegenteil. Die Auflage war deutlich gesunken. Boulevard hat seine eigenen Gesetze, trotz aller Besessenheit, mit der er zu Werke ging, hatte der ambitionierte Chefredakteur daran nichts ändern können. Bei Startups werden solche Rückschläge gern verklärt: Fail fast, fail better. Döpfner hatte schon damals eine Gründer-Mentalität, lange, bevor es mit dem Internet so richtig losging. Rückblickend weiß man: Er war der Richtige, aber bei der “Mopo” definitiv am falschen Platz.

Das änderte sich, als er 1998 als Chefredakteur der Welt zu Axel Springer wechselte, erneut mit der Aufgabe, einen Kulturwandel herbeizuführen, diesmal bei der reichlich verkrusteten “blauen Gruppe” des Verlags. Unter seiner Führung wurde die Zeitung entstaubt und vom erzkonservativen Ballast befreit. Döpfner richtete das Blatt deutlich liberaler aus und stieß wichtige Debatten an. Die auch optisch relaunchte Welt war wieder lesbar für viele, die der politische Kurs zuvor verschreckt hatte. Nur gut zwei Jahre später ging es dann steil bergauf: Der schlaksige und zwei Meter große Chefredakteur, dessen Äußeres viele im Verlag an Axel Springer erinnerte, wurde in den Vorstand berufen und schließlich, im Januar 2002 mit nur 39 Jahren, Vorstandschef. Es habe die Verleger-Witwe und Haupt-Aktionärin Friede Springer beeindruckt, dass er so schön Klavier spielen könne, wurde noch Jahre später kolportiert. Döpfner musste immer wieder klarstellen, dass er gar kein Klavier spiele.

Die am Kartellamt gescheiterte ProSiebenSat.1-Übernahme, das PIN Group-Fiasko, die konsequente Neuausrichtung des Verlags als zunehmend digitales Unternehmen, schließlich der Verkauf einer ganzen Reihe von Traditionstiteln wie Hörzu, Hamburger Abendblatt oder Berliner Morgenpost zugunsten von Akquisitionen webbasierter Medienmarken – all das ist bekannt und eine Entwicklung, die Axel Springer heute mit einem Jahresumsatz von rund 3,3 Milliarden Euro größer und ertragreicher gemacht als je zuvor. Seine wichtigsten Führungskräfte schickte Döpfner zur Lehrzeit ins Silicon Valley, ließ sich bei seiner “Leaving the Comfortzone”-Reise nach Kalifornien im Hoodie interviewen und krempelte anschließend die Führungsstruktur seines Hauses um. Heute, im 15. Jahr seiner Amtszeit, ist der Vorstandschef unumstrittener Lenker des sich strategisch internationaler orientierenden Medienhauses und steht unverbraucht für die Zukunft. Mit seinem Engagement beim Bundesverband der Zeitungsverleger unterstreicht er, dass es ihm nun darum geht, seine Branche in diese Zukunft mitzunehmen, oder zumindest jene, die dazu bereit sind.

2016 ist der CEO von Axel Springer in eine neue Rolle gewachsen. Wenn in der Vergangenheit ein noch unerfahrener junger Medienjournalist über das Verlagshaus berichtete und Döpfner als “Verleger” bezeichnete, wurde das beim Redigieren stets korrigiert und in “Vorstandschef” oder “Springer-Chef” umgewandelt. Dafür gibt es keinen Grund mehr, denn Döpfner erfüllt inzwischen alle Kriterien, die es zum Verlegersein braucht: Leidenschaft, eine publizistische Vision, Unabhängigkeit und vor allem den Mut, auch mal anzuecken, in der Politik wie in der eigenen Branche, und unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Döpfner kombiniert diese Eigenschaften mit einer Weltläufigkeit und einem Schuss Extravaganz, die den Verleger-Typ des 21. Jahrhunderts ausmacht. Der früh verstorbene Frank Schirrmacher hätte publizistisch das Format dazu gehabt, ihm fehlte aber die unternehmerische Macht. Döpfner kann beides vorweisen, und er wird die Verleger-Rolle nach den Branchengrößen, die die Medienlandschaft im ausgehenden 20. Jahrhundert prägten – Hubert Burda, Dieter von Holtzbrinck oder Alfred Neven DuMont –, für seine Generation neu interpretieren.

Wohl nicht von ungefähr hat er im Juni dieses Jahres seine Anteile am Verlag um Aktien im Wert von 13 Millionen Euro aufgestockt. 150 Millionen Euro ist sein Gesamtpaket inzwischen wert, arbeiten müsste er also nicht mehr, wenn er es nicht wollte. Doch Mathias Döpfner hat erkennbar noch viel vor und viel zu tun, damit seine Vision (und die einer ganzen Branche) vom im Digitalzeitalter zukunftsfähigen Medienhaus Wirklichkeit wird.

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Alle Kommentare

  1. Sorry, aber mir sind inzwischen etliche Meedia-Schlagzeilen deutlich zu plakativ. Die “die Branche erlebt derzeit die Wandlung eines Verlagshaus-Managers zum Verleger”. Hatte Herr Döpfner zwischenzeitlich Vorträge gehalten, in denen er dem Journalismus und Verlagen die Zukunftsberechtigung abgesprochen hat? Gibt es bei Springer neue Strategien, über die Sie aber nicht berichtet haben?

    Die Rede von Herrn Döpfner ist beim BDZV nachlesbar. Er hat dort interessante Sätze formuliert: “Wir verkaufen Anzeigen und Abonnements, um es uns leisten zu können, durch kritische Recherche der Wahrheit näher zu
    kommen. Und dabei einen schönen Gewinn zu machen.” Oder: “Das Grosso heißt jetzt Facebook.” Facebook sei nur “eine technologiegetriebene Kommunikationsplattform” ohne eigenständige inhaltliche Veranwortung. Oder: “Wir wollen nicht systemrelevant sein, sondern nur relevant für das System. Und relevant für das System sind wir, indem wir es kritisieren.”

    Solche Äußerungen sind es, die zumindest ich von einem Branchendienst deutlich eher erörtert wissen möchte.

  2. Und trotz allem Erfolg steigen Redakteure bei unter 35.000 € brutto p.a. ein und verhungern am reichhaltigen Buffet. Springer (insbesondere Hamburg) schönt Zahlen durch konsequentes Totsparen der Basis.

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