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„Da liegt der Schreibtisch-Held voll daneben“: Jürgen Todenhöfer reagiert auf Kritik an Al-Nusra-Interview

Jürgen Todenhöfer im Interview mit einem – nach seinen Informationen – Anhänger der Al Nusras

Der Publizist Jürgen Todenhöfer ist erneut in den Nahen Osten geflogen. Dieses Mal, um einen Anhänger des Al-Quaida-Ablegers Jabhat al-Nusras zu treffen. An der Authentizität des Interviews, das Todenhöfer am Montag bei Facebook veröffentlichte, gibt es jedoch Zweifel: Dabei wird in Frage gestellt, ob es sich bei dem Interviewpartner tatsächlich um einen Kämpfer der Al Nusra gehandelt hat. Todenhöfer kontert die Kritik.

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Dass Jürgen Todenhöfer, im früheren Leben mal Bundestagsabgeordneter für die Union und auch Vorstandsmitglied im Hause Hubert Burda Media, sich mittlerweile bei fast jeder Veröffentlichung Kritik ausgesetzt sieht, dürfte er mittlerweile gewohnt sein. Neueste Zweifel an seiner Tätigkeit als Journalist, verärgern den Publizisten aber sichtlich.

Am Montag veröffentlichte Todenhöfer bei Facebook ein Interview mit einem mutmaßlichen Anhänger der Terrororganisation Jabhat Al Nusra (die sich mittlerweile Jabhat Fatah al-Sham nennt). In dem rund zehnminütigen Video, das Todenhöfer gemeinsam mit seinem Sohn nahe Aleppo gedreht hat, spricht der Interviewpartner, der sich selbst Abu Al Ezz nennt über die Verbindungen der Dschihadisten zu westlichen Mächten. So erklärt der Kämpfer „Kommandeur von ein paar hundert Mann“, dass es durchaus Beziehungen zu den Regierenden aus den USA und Israel gebe, ja sogar direkt Waffentransporte an Al Nusra stattgefunden hätten. Man bekäme also Unterstützung, aber auch nicht so, wie man sie sich wünsche, so der Mann weiter.

Die Aussagen des Terroristen, der im Interview mit Handfeuerwaffe und Handgranate posiert, sind überraschend. Tatsächlich lässt sich die Offenheit des Kämpfers kaum erklären, auch Todenhöfer liefert in seinem Posting, das mehr als 14.000 Mal weiterverbreitet worden ist, über 11.700 Reaktionen einsammelte und dessen Video über 700.000 Mal angeklickt wurde, keine Einordnung – mit dem Argument, der Zuschauer solle sich selbst ein Urteil bilden.

Das Auftreten des Kämpfers ist ein Aspekt, der bei Beobachtern Zweifel an dem Interview aufkommen ließ. So beispielsweise bei Lars Hauch, freier Journalist, der seine publizistischen Schwerpunkte eigenen Aussagen zufolge auf die Staaten Irak und Syrien gelegt hat. In einem Beitrag für Carta hat er seine Zweifel niedergeschrieben und ein „Sammelsurium von Ungereimtheiten“ ausgemacht. Davon habe er gleich so viele festgestellt, „dass ich behaupte: Wer auch immer da mit Todenhöfer spricht, er ist kein Mitglied Jabhat Al Nusra“. Der Autor deutet an, dass Todenhöfer das Interview aus Sympathie für Syriens Machthaber Baschard al-Assad sogar inszeniert haben, mindestens aber den „Geheimdienstlern des Regimes auf den Leim gegangen“ sein könnte. Seine Zweifel macht Hauch an einigen Indizien fest:

  • Die Kämpfer, die Todenhöfer zu Beginn des Videos zu Abu Al Ezz geleiten, tragen nicht nur Uniformen der syrischen Armee, sondern seien glatt rasiert.

  • Abu Al Ezz trage einen goldenen Ring am Finger. Jihadisten würden niemals goldenen Schmuck tragen: Ihre strenge Auslegung der Scharia verbiete es ihnen.

  • Abu Al Ezz’ Rhetorik sei mehr als unüblich. Es fehlen die obligatorischen Floskeln und Redewendungen.

  • Geotracker hätten das Video analysiert und den Ort des Interviews glaubhaft lokalisiert: Gelegen im Süden von Aleppo und unter Kontrolle des Regimes von Präsident Bashar al-Assad.

Ist Todenhöfer also tatsächlich auf einen falschen Terroristen hereingefallen? Bei Facebook versicherte er, dass man die Identität des Mannes habe „präzise recherchieren“ können. Gefunden habe er den Mann, der ganz ausdrücklich kein Funktionär der Al Nusra sei, über einen Kontaktmann aus Aleppo. Gegenüber MEEDIA nimmt Todenhöfer Stellung. Er habe damit gerechnet, dass Jabhat Al Nusra die Authentizität bestreiten würde. „Die Offenheit, mit der ein einfacher Kommandeur, über die wahren Ziele von Al Qaida sprach, muss der obersten politischen Führung unangenehm sein. Der US-Regierung geht es genauso.“ Dass seine Kritiker aber gleicher Auffassung sind, sei schon ein „Hammer“.

Zur Identität des Mannes sagt Todenhöfer erneut, dass man genau recherchiert habe, man wisse „praktisch alles über ihn“. Das klingt überspitzt. Allerdings lässt sich wohl kaum das Gegenteil belegen. Todenhöfer widerspricht auch allen weiteren Punkten. Der Schmuck des Gesprächspartners sei – anders als von Hauch behauptet – nicht unüblich.“In Syrien tragen zahlreiche muslimische Männer (nicht die Mehrheit) Ringe und manchmal sogar um den Hals Goldkettchen.“ Darüber hinaus sei Abu Al Ezz auch kein Salafist, der als Überzeugungstäter eingestuft werden könne. Früher sei er bei der Freien Syrischen Armee gewesen. „Aber Al Nusra zahlt nun mal besser. Deshalb würden für Al Qaida inzwischen viele nur der Kohle wegen kämpfen. Vor allem in Syrien.“ Auch dass weitere im Video gezeigte Männer keinen Bart tragen, sei nicht unüblich.

Falsch seien auch die Ergebnisse der von Hauch angeführten Geotracker. Die Ergebnisse seien „Schmarren“ und „richtig peinlich“. Zum einen habe niemand behauptet, dass man sich im Rebellengebiet getroffen habe, sondern „zwischen den Fronten“ – aber auch in „Sicht- und Schussweite“ der  Al Nusra. Zum anderen sei die vom Tracker ermittelte Location – trotz der von Hauch behaupteten Glaubwürdigkeit – falsch. „Da liegt der Schreibtisch-Held voll daneben.“

„Unser Interview-Ort war Kilometer von der Stelle entfernt, die er nennt. Der Herr Geolocateur stützt seine Recherche u.a. auf zwei Türme, die man im Video sieht. In Wirklichkeit gibt es in der Nähe von Steinbrüchen unzählige solcher Türme.“ Darüber hinaus unterscheide sich der vom Geotracker genannte Ort auf Satellitenbildern auch farblich vom eigentlich Treffpunkt, fährt Todenhöfer fort. Auch sei man nicht südlich von Aleppo beim Haraybel Checkpoint gewesen, sondern südwestlich der Stadt – bei Khan Tuman.

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Nach Todenhöfers Aussage habe man das Interview bei Khan Tuman, südwestlich von Aleppo, geführt
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Östlich von Khan Tuman befindet sich der Steinbruch, bei dem das Interview stattgefunden haben soll
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Der Geotracker habe für seine geografische Einordnung das veröffentlichte Videomaterial bei Facebook untersucht und mit Satellitenbildern abgeglichen. Tatsächlich lassen sich dadurch oftmals Orte identifizieren, allerdings seien diese kein hundertprozentiger Beweis. Todenhöfer beruft sich auf weiteres Videomaterial, das sein Sohn während der Fahrt zum Interview gedreht habe. „Dass wir jetzt derartige Details rauskramen müssen, um Al Qaida und seine Propagandisten zu widerlegen, ist eigentlich Zeitdiebstahl.“

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