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„Hart aber fair“ nach der MeckPomm-Wahl: Gegen dieses AfD-„Gefühl“ kannste nix machen

Ewiger Sozi und doch in der AfD: Guido Reil

Am Montag nach der MeckPomm-Wahl bat Frank Plasberg programmgemäß zur Nachbesprechung bei „Hart aber fair“. „Fluchtpunkt Deutschland – hat Merkel ihre Bürger überfordert“, lautete der nervöse Titel der Sendung. Während die Kanzlerin auf dem G20-Gipfel in China Weltenpolitik betrieb, hatte sie zum Plasberg ihren treuen Vasallen Altmaier entsandt. Der Star des Abends war aber ein hektischer Neu-AfD’ler.

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Guido Reil sprach mit schneller Stimme und stets höchst erregt. Er war 26 Jahre in der SPD, Steiger (Bergmann) von Beruf, kommt aus Essen, ist im Betriebsrat und der Gewerkschaft. „Mehr SPD geht nicht“, wie er selbst sagte. Weil seine Sozen seine vielen Sorgen aber nicht erhörten, schmiss er den Bettel hin und lief über zur AfD. Dort, bei den neuen Rechten, ist dem alten Linken nun maximale Aufmerksamkeit gewiss.

Polit-Profis wie Peter Altmaier und Gesine Schwan (SPD) witterten die Gefahr, die von dem hektischen Herrn Reil ausging und fassten ihn darum auch mit Samthandschuhen und ganz viel Verständnis an. Gefährlich für die Altparteien ist einer wie Reil, weil er als Ex-SPD-Mann und Vollblut-Sozi eben nicht dem Klischee des tumben Proto-Nazis entspricht, das man sonst so von der AfD-Anhängerschaft hat. Und er kommt auch noch tief aus dem Westen und nicht aus dem wilden Osten, wo AfD-Chefin Frauke Petry ungelenk auf einem Handtuch über einen Bootsbug stakste, nachdem sie die Wahl in MeckPomm, dem seltsamsten Bundesland von allen, gewonnen hatte.

So sah man man denn auch Otto-Normalbürger im „Hart aber fair“-Studio eifrig nicken, wenn Herr Reil seine Empörungs-Stakkatos abfeuerte: die türkischen Kollegen, die immer religiöser würden, die ganzen sexuellen Übergriffe in Schwimmbädern, die armen deutschen Malocher, die so viel weniger bekommen als diese Smartphone-bewehrten Flüchtlinge im feinen Zwirn, denen man „das ganze Paket“ zurechtmacht. Ein Graus! Ja, ja, genauso ist es, mag mancher denken, der im Stillen oder Lauten damit liebäugelt vielleicht auch mal sein Kreuz bei der trendigen Petry-Truppe zu machen.

Die ganze Problematik, mit einem Mann wie Guido Reil zu diskutieren, offenbarte sich in einem kurzen Dialog mit dem österreichischen Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP). Der zitierte die heimische Kriminalstatistik, laut der es unter den Flüchtlingen in Österreich sehr wenige Straftaten gibt und rief dann resignierend aus, dass ihm dies aber leider niemand glaube. Da trumpfte Reil auf und brachte das Gefühl ins Spiel. Die Leute hätten eben „das Gefühl“, dass alles so viel unsicherer ist. Und sie hätten „das Gefühl“, dass ganz viele Flüchtlinge kriminell sind. Und weil da nun bei einem Stadtfest auf einmal sichtbar Polizisten stehen, fühlen sie sich in ihrem „Gefühl“ bestätigt, dass da etwas schief läuft in D-Land und es so wie bisher auf gar keinen Fall weitergehen könne usw. Da kann der Altmaier dreimal erregt rufen, dass die Polizisten da nicht wegen kriminellen Flüchtlingen stehen, sondern wegen Terror-Angst und dass die meisten Terroristen Inländer sind und keine Flüchtlinge. Gegen „das Gefühl“ kannste nix machen.

Kurz vorher hatte der Politikwissenschaftler Herfried Münkler übrigens noch eine Statistik des Bundeskriminalamtes zitiert, laut der auch in Deutschland die Straftaten von Flüchtlingen nur einen sehr, sehr geringen Umfang haben. Moderator Plasberg konterte solche Fakten-Anflüge, indem er immer wieder ein Symbolfoto von der Silvesternacht in Köln einblendete und erklärte, dass nach dieser Nach die Stimmung in Sachen Flüchtlinge bei ganz vielen gekippt sei. Man könnte auch sagen: Er brachte „das Gefühl“ zurück in die Debatte, bevor es zu sachlich zu werden drohte.

Ist es nicht so, dass in der Flüchtlings- und in anderen Fragen das Fühlen längst dem Wissen den Rang abgelaufen hat? Egal, wieviele Straftaten von Flüchtlingen wirklich begangen werden, egal, ob die Leute in Mecklenburg-Vorpommern jemals wirklich einem Flüchtling oder – bewahre (!) – einer Burka-Trägerin begegnet sind, egal ob das mit den vielen Sex-Angriffen in Schwimmbädern wirklich stimmt – worauf es ankommt ist allein, was die Leute fühlen. Ich fühle es, also muss es wahr sein.

Im US-Präsidentschaftswahlkampf läuft das übrigens genauso und schlimmer ab. Die Kampagne der Republikaner rund um ihren crazy white Man Trump zielt allein darauf ab, was die Leute fühlen. Wie man in diesem erschreckenden Video, das von John Oliver eingeordnet wird, gut sehen kann, in dem sich der republikanische Politiker Newt Gingrich beharrlich weigert, Fakten, wie eben eine Kriminalstatistik, zur Kenntnis zu nehmen.

Gegen solche Feelings lässt sich schwer bis gar nicht argumentieren. Vor allem dann, wenn sie aus dem Munde eines Menschen mit reichlich Glaubwürdigkeit kommen, wie dem Steiger Guido Reil. Das musste auch der treue Kanzlerinnen-Sprecher Altmaier bei „Hart aber fair“ zur Kenntnis nehmen. Nicht zuletzt sind es gerade solche Talkshows, beziehungsweise die nach Aufmerksamkeit, Reichweite, Klicks und Quote lechzenden Medien, die diesen Primat der Emotionen etabliert haben, der den Populisten so sehr hilft.

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