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„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke: „Soziale Medien keine Bedrohung für Qualitätsjournalismus“

Kai Gniffke: Erster Chefredakteur von ARD-aktuell

Die „Tagesschau“ ist noch immer die Nachrichten-Marke Nummer eins im deutschen Fernsehen. Im Interview mit nextMedia.Hamburg erklärt deren Erster Chefredakteur, Kai Gniffke, wie er sein Angebot über alle relevanten Kanäle – ohne Qualitätsverlust – ausweiten und bespielen will. Zudem spricht er über seine Erfahrungen als Blogger, die immer wiederkehrenden Lügenpresse Vorwürfe und den Schwierigkeiten im richtigen Umgang mit der Flüchtlingskrise.

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Knapp 10 Millionen Zuschauer im Schnitt, eine stetig wachsende Fangemeinde auf Facebook und bei Twitter: Überzeugt die „Tagesschau“ schon mehr als Marke oder noch als journalistisches Angebot?
Das sind für mich keine Gegensätze. Wir verstehen „Tagesschau“ als journalistische Marke, die die Menschen auf allen Plattformen als Nachrichten-Partner immer und überall begleitet. Dabei ist uns bewusst, dass die Identität und die Stärke dieser Marke nach wie vor entscheidend davon abhängt, dass allabendlich um 20 Uhr rund 10 Millionen Menschen von der „Tagesschau“ wissen möchten, was an diesem Tag wichtig war.

Durch ihre Themenauswahl und große Reichweite verfügen Medien über sehr viel Einflusspotential. Nach welchen Maßstäben handelt die Tagesschau-Redaktion und inwieweit haben hier in der Vergangenheit Neujustierungen stattgefunden?
Unsere große Reichweite bedeutet für uns eine enorme Verantwortung nach journalistischen und ethischen Maßstäben zu arbeiten. Zugleich sehen wir darin einen Ansporn, uns jeden Tag aufs Neue das Vertrauen des Publikums zu erarbeiten. Daran hat sich bei ARD-aktuell nichts geändert.

Gemeinsam mit Schiwa Schlei diskutierten Sie beim scoopcamp 2015 mit Journalisten über die Rolle der Medien in der Flüchtlingsdebatte. Was hat sich seitdem verändert?
Der über viele Wochen anhaltende Zustrom von Flüchtlingen war eine besondere Herausforderung für alle Medien. Zunächst war es wichtig, abzubilden was da gerade passiert. Dann aber mussten die Journalisten versuchen, stärker in die Analyse über Ursachen und Folgen zu gehen. Das hat eine Weile gedauert und war insofern schwierig, weil niemand zuverlässige Daten liefern konnte. In dieser Hinsicht haben wir heute wieder wesentlich festeren Boden unter den Füßen.

In einem Kommentar auf die Entscheidung des Deutschen Presserates von Anfang des Jahres, auch weiterhin eine Herkunftsnennung von Tatverdächtigen zu unterlassen, formulierten Sie, dass die Beibehaltung des Status Quo zwar richtig sei, aber noch nicht in der Realität des Internets angekommen sei. Sind soziale Medien ein Treiber bei der Ausdifferenzierung journalistischer Standards?
Ich sehe in sozialen Medien keine Bedrohung für Qualitätsjournalismus. Sie helfen uns dabei, Informationen zu gewinnen und sie dann den Nutzerinnen und Nutzern – nach einer sorgfältigen Prüfung – plattformgerecht zur Verfügung zu stellen. Bei der Herkunftsbezeichnung kann es aber sein, dass offizielle Quellen wie z.B. die Polizei über soziale Medien die Herkunft nennen. Dann müssen wir noch einmal intensiver überlegen, ob die Nicht-Nennung bei uns noch Sinn macht. Denn dann ist die Nicht-Nennung dazu angetan, das Vertrauen in unsere Unvoreingenommenheit zu erschüttern. Am Ende aber müssen wir das Kreuz haben für unsere Standards einzustehen.

Nicht alle schauen um 20 Uhr die „Tagesschau“, viele Jüngere besitzen überhaupt keinen Fernseher mehr oder beziehen ihre Weltbild durch Videos von You Tubern. Wie wollen sie diese Zielgruppen in Zukunft noch erreichen?
Uns sind alle Zuschauer gleich wichtig, unabhängig von Alter und Einkommen. Aber wir haben den Auftrag alle Menschen zu erreichen, auch die jüngeren. Dabei hätte es aus meiner Sicht keinen Sinn, die „Tagesschau“ im Fernsehen krampfhaft auf „jung“ zu trimmen und Jan Hofer in zerrissenen Jeans auftreten zu lassen. Das passt nicht zu unserer Marke. Die Zahlen zeigen, dass sich auch sehr viele Menschen unter 30 die „Tagesschau“ im TV ansehen. Und für diejenigen, die nicht um 20 Uhr auf dem heimischen Sofa sitzen, müssen wir auf tagesschau.de, auf der App, bei Facebook und Instagram eben Informationen liefern. Das funktioniert im Moment erfreulich gut.

Nach welchen Gesichtspunkten engagiert sich die „Tagesschau“ auf sozialen Plattformen? Welche Grundvoraussetzungen müssen gegeben sein, um Aktivität zu entfalten?
Wir haben den Auftrag, die gesamte Gesellschaft zu informieren. Dafür müssen wir den Menschen Informationen überall dort anbieten, wo sie sie suchen d.h. auch in Sozialen Medien. Dabei gilt für unsere Auftritte auf allen Plattformen: Wo „Tagesschau“ draufsteht, ist „Tagesschau“ drin. Das bedeutet, dass wir genau darauf achten, dass wir bei allen Angeboten unsere journalistischen Standards einhalten und die Nachrichtenlage in ihrer ganzen Breite abbilden.

Sehen wir bald das erste News-Format für Snapchat?
Tatsächlich tun sich die meisten Nachrichtenanbieter mit Snapchat noch schwer. Ich will nicht ausschließen, dass die „Tagesschau“ hier irgendwann ein Angebot macht, aber aktuell haben wir nichts in der Pipeline.

Wie können das Flaggschiff, die „Tagesschau“ um 20 Uhr und ihre Angebote im Internet crossmedial zusammenwirken und gegebenenfalls verloren gegangenes Vertrauen wieder aufbauen?
Dem Himmel sei Dank bringt uns das Publikum nach wie vor ein hohes Vertrauen entgegen. Das belegen viele qualitative Untersuchungen sowie die wachsende Akzeptanz unserer Angebote. Dieses Vertrauen lässt sich nur erhalten, wenn wir weiterhin deutlich machen können, dass die „Tagesschau“ unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Einflüssen Nachrichten macht. Und wenn wir diese Nachrichten crossmedial aufbereiten, kann das unserer Glaubwürdigkeit nur zuträglich sein.

Die NutzerInnen von Social Media wollen anders unterhalten und informiert werden. Inwieweit unterscheiden Sie schon beim Schnitt in Beiträge fürs TV und fürs Web?
Webvideos sind in der Regel kürzer. Bei Instagram etwa stehen uns maximal 15 Sekunden zur Verfügung, um Informationen aufzubereiten. Außerdem nutzen die meisten Menschen Webvideos mobil und ohne Ton. Das bedeutet, dass wir zusätzlich zum Bild auch Textinformationen anbieten müssen. Die Zeit, in der es ausreichte, einfach TV-Beiträge ins Netz zu stellen, ist unwiederbringlich vorbei.

Sie schreiben regelmäßig im Tagesschau-Blog und haben dort u.a. eine persönliche Einschätzung zur Flüchtlingspolitik von Horst Seehofer formuliert – mit der Begründung „hier im Blog darf ich das, ist schließlich keine ‚Tagesschau'“. Glauben Sie, die LeserInnen in Zeiten aufgeheizter Diskussionen das überhaupt noch differenzieren können und vor allem wollen?
Ich glaube, es ist wichtig sich mit den Zuschauern über Nachrichten auszutauschen. Wir müssen uns nicht für unsere Nachrichten entschuldigen, aber wir sollten unsere Beweggründe hin und wieder erklären. In den letzten Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass uns diese Diskussionen mit dem Publikum gut tun, weil wir immer wieder unsere eigene Arbeit hinterfragen.

Je nach Studie und Fragestellung sprechen 20-40% der Befragten von „der Lügenpresse“. Auch die „Tagesschau“ wird als ein Teil dessen wahrgenommen und das spiegelt sich seit einiger Zeit in der Anzahl und im Sentiment von Kommentaren wieder. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung meldet justiziable Inhalte beispielsweise sofort den Ermittlungsbehörden. Wie ist hier die Haltung der „Tagesschau“ – wird nur ermahnt oder auch gelöscht?
Wir sind hart im Nehmen, man darf uns natürlich kritisieren. Allerdings sollten wir im Eifer der Diskussion den gegenseitigen Respekt nicht vergessen. Wenn wir in unseren Kommentarspalten Beleidigungen oder etwa rassistische Äußerungen finden, dann löschen wir das. Das ist etwas, was die überwiegende Mehrheit der Nutzer von uns erwartet, die unsere Plattform schließlich nutzen möchten, um sich mit anderen Menschen über ein Thema auszutauschen. Dabei dürfen auch schon mal die Fetzen fliegen, aber unsere Moderatoren achten schon darauf, dass niemand über die Stränge schlägt.

Bei Eilmeldungen geraten traditonelle Medien in den ersten Stunden oft ins Hintertreffen. Durch Echtzeitmedien wie Twitter und Facebook Live können sich Interessierte schnell zum Geschehen informieren. Dabei werden auch immer wieder Falschmeldungen verbreitet und Bilder manipuliert. Muss die „Tagesschau“ hier nicht schon früher präsent sein – beispielsweise mit Social Media Korrespondenten, die Experten für die betreffende Lage sind und online in Echtzeit die hereinkommenden Meldungen kuratieren?
Gerade in solchen Momenten suchen die Menschen nach Institutionen, denen sie vertrauen und die die Dinge für sie recherchieren. Gerüchte verbreiten kann jeder. Fakten checken, Hintergründe recherchieren, Gerüchte von gesicherten Informationen trennen – das sind die Leistungen, die die „Tagesschau“-Nutzer von uns erwarten, sei es im Fernsehen oder in Sozialen Medien. In unserem Social-Media-Team sitzen Journalisten, die mit Zeitdruck umgehen können, die es sich aber eben auch erlauben dürfen, erst zu denken bevor sie posten.

Auch 2016 findet das scoopcamp, die Innovationskonferenz für Medien von nextMedia.Hamburg und dpa, wieder in Hamburg statt. Zu den Workshopleitern zählen am 29.9. im Theater Kehrwieder u. a. Niddal Salah-Eldin (DIE WELT) und Vanessa Wormer (SZ-Digital). Als Keynotespeaker ist u. a. Jeremy Gilbert (Washington Post) zu Gast.

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