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Alle deutsche Medien zeigen das Foto vom verstörten syrischen Jungen. Warum gibt es keine Ethikdebatte?

Drei mehr oder weniger ikonische Fotos

Mal wieder gibt ein so genanntes ikonisches Foto. Aber anders als das Foto des toten Jungen am Strand löst das Bild des verstörten Jungen aus Syrien keine breite Ethikdebatte aus. Warum? Sonst noch im MEEDIA-Wochenrückblick: Die Schreibwut des Thomas Fischer, die supertollen Star-Experten von Bauer und Sprachprobleme bei Blendle.

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Erinnern Sie sich noch an dieses ikonische Foto von dem toten syrischen Flüchtlingsjungen am Strand? Damals gab es eine Riesen-Debatte in den Medien, ob man das Bild zeigen darf oder nicht. Medienethiker schäumten, der Presserat wurde angerufen, Chefredakteure verfassten Besinnungsaufsätze, Spiegel Online übte sich in der Kunst der wortreichen Bild-Beschreibung. Jetzt haben wir wieder so ein „ikonisches“ Foto. Diesmal ist der Junge nicht tot, sondern offensichtlich vom Krieg in Syrien schwer traumatisiert und er sitzt mit Staub und Blut im Gesicht in einem Rettungsfahrzeug. Nirgends gibt es eine Debatte. Alle Medien (zumindest habe ich kein Gegenbeispiel gefunden) zeigen das Foto und das Video rauf und runter. Es wird berichtet, wie der Kameramann das Video, auf dem das Foto basiert, gedreht hat. Wir bekommen erklärt, warum wir jetzt mal ganz hinschauen müssen. Und auch die beim toten Jungen vom Strand so zurückhaltende Redaktion von Spiegel Online berichtet, was das Zeug hält. Was ist der Unterschied zwischen beiden Bildern? In dem einen Fall war der Junge tot. Im anderen hat er überlebt. Aber ein lebendiges Kind hat doch auch eine Würde, die schützenswert ist. Oder sind alle Medien hierzulande seit der vorigen Debatte stillschweigend übereingekommen, dass es richtig ist, solche Fotos zu zeigen? Nicht falsch verstehen: Ich finde es auch richtig, solche Bilder zu zeigen. Ich finde es nur seltsam, dass bei dem toten Jungen tagelang eine Riesen-Debatte tobte, ob man das Bild nun zeigen darf oder soll oder muss und nun einfach gezeigt wird auf Teufel komm raus. Eine wirklich schlüssige Antwort, warum das so ist, habe ich nicht.

BGH-Richter Thomas Fischer ist, entschuldigen Sie bitte die ausgeleierte Phrase, ein Medienphänomen. Der Mann liefert Woche für Woche richtig lange Kolumnen für Zeit Online ab, die vor juristischer Sachkenntnis, Ironie und Schachtelsätzen nur so strotzen. Das ist oft brillant, manchmal komisch, meist erhellend bisweilen aber auch anstrengend zu lesen. Fischer schreibt nicht nur seine Kolumnen. Er gibt auch noch Interviews, diese Woche zum Beispiel im Deutschlandfunk, und watscht Leute ab, die ihn öffentlich nicht gut fanden. Der Mediendienst kress.de hat eine kleine Reihe „Medienmenschen kritisieren Fischers Medienkritik“ ins Leben gerufen. Da durften diese Woche Gisela Friedrichsen, Stefan Bergmann, Joachim Jahn und SWR-Medienredakteur Thomas Meyer ihren Senf dazugeben, warum sie von Fischers Kritik an der Gerichtsberichterstattung nix oder nur wenig halten. Und weil man Fischer viel nachsagen kann, nicht aber, dass er Dinge auf sich beruhen lässt, spendierte der schreibefreudige Richter kress auch gleich noch eine Replik auf die Repliken zur Kritik. So viel Text zu so einer kleinen Bemerkung. Hat irgendjemand „Sommerloch!“ gerufen? Nein? Dann ist ja gut.

Wenn wir gerade auf der kress.de-Seite rumsurfen, fällt doch gleich der „Werkstattbericht“ (Turi2) über die Bauer Media Redaktion Stars & Stories Experts ins Auge. Die muss ja wirklich toll sein, also die Redaktion. kress.de-Chefredakteur Ürük gerät ganz ausnahmsweise ins Schwärmen. Er schreibt: „Mit dieser Geduld und auch mit ihrem Credo, immer transparent und fair zu arbeiten und den Prominenten einen gewissen Einfluss darauf zuzugestehen, was am Ende gedruckt wird, hat sich die Redaktion einen Pool an Celebrities aufgebaut, darunter manche Auflagengaranten.“ Sie haben richtig gelesen. Dass die werte Prominenz mitbestimmen darf, was über sie veröffentlicht wird, wird von den Stars & Stories Experten unverblümt als besonderes Erfolgsfeature gefeiert. Früher hätte man sich womöglich als Journalist geschämt, wenn man so etwas zugeben muss.

Was die Güteklasse der Promis angeht, da kennen die Experten kein Halten. Redaktionsleiter Dittmar Jurko oder Action Press Geschäftsführer Joachim Meinke, einer von beiden, welcher ist eigentlich auch egal, sagt über die Sorte Prominenz, die man haben will:

Genau wie man weiß, was zieht, weil es jeder haben will. Das große doppelseitige Liebes- oder Hochzeitsinterview mit Florian und Helene und danach irgendwann die Babyproduktion mit Helene Fischer zum Beispiel. Oder Angela Merkel in der Uckermark. Das ist die Sorte Prominenz, da muss man über Jahre Kontakt pflegen, aufbauen, um dann mal zum Zug zu kommen.

Müssen wir uns also vorstellen, dass die Star-Experten von Bauer und Action Press jetzt wie wild ihre Kontakte zu Helene Fischer und Angela Merkel „pflegen“, weil die bekanntermaßen extrem publicitygeile Angela Merkel dann irgendwann in ein paar Jahren eine flotte Fotostory aus der Uckermarck mit den Bauer-Blättchen macht? Und überhaupt: „Babyproduktion mit Helene Fischer“. Ob das dem Silbereisen wirklich so recht ist? Zwinkersmiley.

Sehenswert ist übrigens auch die Werbe-Webseite der Stars & Stories Experten, die sogar noch werblicher und überschäumender ist als der kress-Text. Schauspieler und Umwelt-Aktivist Hannes Jaenicke ist da zu sehen, wie er ganz herzig ein Löwenbaby mit der Flasche füttert. So süß! Löwen „als Touristen-Attraktion zu züchten und für niedliche Erinnerungsfotos zu missbrauchen, ist fürchterliche Tierquälerei“, wird Jaenicke zitiert. Außer natürlich für Fotoproduktion für die Stars & Stories Experts. Da darf man die knuddeligen Löwenbabies ruhig herzen und knipsen. Herr Jaenicke ist so ehrlich begeistert von den Promi-Journalisten, dass er im Gespräch mit kress auch noch ein paar Einschätzungen abgab: „Die dabei entstandenen Artikel in diversen Zeitschriften fanden großes Echo. Sie leisteten als Promo und Werbung für unsere Ausstrahlung im ZDF einen willkommenen Beitrag zum Erreichen von zweistelligen Einschaltquoten.“ Erfrischend authentisch. Der Artikel im kress war wohl dann auch, wie es Stars & Stories Chefredakteur formulieren würde ein „Win-Win-Win für alle Parteien“.

Das sympathische Online Kiosk Blendle sucht Leute und teilt dies in ihrem allseits beliebten Newsletter mit, in dem die Stories stets mit Attributen wie „fantastisch“, „brillant“ und „genial“ angepriesen werden. Der Freitags-Newsletter fing darum so an:

Kurze Frage: Hättest du Lust, diese E-Mails künftig selbst zu schreiben? Hier geht’s zum coolsten Job Deutschlands.

Der dazugehörige Link führte dann zu einer Seite, auf der die supercoolen Blendle-Jobs vorgestellt werden. Liebes Blendle, dein Enthusiasmus in Ehren, aber vielleicht war es keine supergute Idee, von einem deutschsprachigen Newsletter aus auf eine holländische Stellenausschreibung zu verlinken, die dann vom Browser automatisch übersetzt wird. Das kann dann nämlich so aussehen:

Bildschirmfoto 2016-08-19 um 11.34.47

Wünsche allseits frei Flip durch ein wunderbares Wochenende!

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