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RTL-Exklusivinterview mit Erdogan: Vorhang auf für das PR-Blabla eines Autokraten

Erdogan sucht erneut das Gespräch mit deutschen Medien: Antonia Rados interviewte ihn für RTL – das Ergebnis ist: übersichtlich

Der türkische Präsident Erdogan hat RTL ein exklusives Interview gegeben. Dazu empfing er am Donnerstag im Präsidentenpalast in Ankara Antonia Rados, Chef-Korrespondentin des Privatsenders. Doch was für die Kölner nach dem zuvor misslungenen ARD-Gespräch eine große Chance war, ging offenbar daneben. MEEDIA dokumentiert die wichtigsten Aussagen des umstrittenen Staatschefs und ordnet sie ein.

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Die Hauptnachrichten „RTL Aktuell“ fassten am Freitag ab 18:45 Uhr die zentralen Aussagen des türkischen Präsidenten zusammen und schalteten zu Antonia Rados nach Ankara. Eine Langfassung des Interviews zeigt ein „RTL Nachtjournal Spezial“ ab 00.20 Uhr. Der Nachrichtensender n-tv brachte bereits im Laufe des Nachmittags Ausschnitte des Gesprächs. Das komplette Interview strahlt n-tv am Samstag ab 18 Uhr aus.

Was nach einer professionellen Verwertungskette des Exklusivinterviews aussehen mag, könnte im Gegenteil auch bedeuten, dass das Interview über verschiedene Sendezeiten und Sender gestreckt wird, um nicht gleich den Eindruck zu erwecken, dass der vermeintliche Scoop die deutsche Öffentlichkeit in der Sache nicht wirklich weiter führt. Denn auch wenn Antonia Rados, die langjährige Krisen- und Kriegsreporterin von RTL, sich journalistisch nicht mehr beweisen muss, so dürfte es ihr nicht gelungen sein, den Autokraten in ein Gespräch zu verwickeln oder ihn in kritischen Punkten in Erklärungsnot zu bringen.

Das aber wäre nach dem missglückten ARD-Interview des Chefredakteurs vom Bayerischen Rundfunk die große Chance des Privatsenders gewesen, hier mit dem zweiten Anlauf eines deutschen Mediums gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen mit ihren Milliarden-Etats zu punkten. Die Chance wurde offensichtlich vertan, wohl, weil Erdogan sie nicht zulassen wollte. So wirken das RTL-Interview bzw. die am Freitagabend bekannten Kernaussagen wie eine zeitverzögerte Video-Botschaft, die ihm bei einer Kölner Kundgebung seiner in Deutschland lebenden Anhänger von den deutschen Gerichten verweigert worden war.

Was Erdogan von sich gibt – und was der Sender via Pressemitteilung verbreitet – ist Propaganda und enthält auch offenbar unwidersprochen gebliebene Unwahrheiten. So ist es abstrus, wenn Erdogan behauptet, die massenhafte Aufnahme syrischer Flüchtlinge durch die Türkei sei quasi Zug um Zug an die Visafreiheit für türkische Staatsangehörige geknüpft gewesen. Wenn ihm dies von EU-Politikern versprochen worden sein sollte, wäre es überaus interessant, hier Namen genannt zu bekommen – eine Nachfrage in diesem Punkt ist eigentlich journalistische Pflicht. So erscheinen die von RTL vorab veröffentlichten Aussagen Erdogans zu (sehr) weiten Teilen bekannt, in Strecken in sich redundant und – was irritiert – zuweilen auch wirr.

Dass der Sender bei der Verbreitung des kompletten Interviews die Salami-Taktik wählte, lässt eigentlich – Stand Freitagabend – nur einen Schluss zu: RTL hat es vergeigt, entweder schon beim Interview oder später beim Timing der Veröffentlichung. Denn sollte es bei Ausstrahlung der Langfassung am Samstagabend noch neue, brisante Zitate geben, hätten die Kölner gewaltig was falsch gemacht. Wahrscheinlicher ist, dass ein Autokrat wie Erdogan seiner eigenen Agenda folgt und für journalistische Formate zumindest derzeit nicht zugänglich ist. Und in solchen Fällen sollte sich jedes Medium gut überlegen, ob es sich für eine derartige One-Man-Show zur Bühne machen will. RTL hat darauf eine in der Sender-Logik eigene, unmissverständliche Antwort gegeben: Ausstrahlungstermin der Langfassung des Interviews im Nachtjournal, 0.20 Uhr.

Hier die Kernaussagen Erdogans, wie sie von RTL verbreitet werden, in Ausschnitten:

Zur Entlassungs- und Verhaftungswelle beim Militär, der Justiz, im Bildungswesen und dem Staatsapparat nach dem gescheiterten Putschversuch:
„Ja, sie (Anmerkung der Redaktion: Angela Merkel bei einem Telefonat am 18. April) hat natürlich ihr Bedauern ausgedrückt im Zusammenhang mit dem Putschversuch, aber diese Aussage ist interessant: Für die Menschen, die entlassen werden, sollte es so gestaltet werden, dass sie sich nicht sorgen müssen. Das sind Aussagen, die wir auch bedauern. Man sollte eigentlich uns überlassen, wie wir unser inneres Recht entsprechend auch vollziehen, das ist ja kein Racheakt. Damals, als die Wiedervereinigung Deutschlands geschehen ist, da gab es tausende von Menschen, die eben auch entlassen wurden. Wie sollen wir das bewerten?

Über die von der Regierung in den Raum gestellte Wiedereinführung der Todesstrafe in der Türkei:
„Wir sprechen von einem Land, in dem 240 Menschen getötet wurden. Und auf dieser großen Kundgebung in Istanbul haben fünf Millionen Menschen teilgenommen und all diese Menschen haben gemeinsam gerufen: ‚Die Todesstrafe‘, ‚Die Todesstrafe‘, ‚Die Todesstrafe‘. Manche haben den Bruder verloren, die Schwester verloren, das Kind verloren. Und jetzt wollen sie natürlich, dass die Todesstrafe wieder eingeführt wird. Im Zusammenhang mit (der angestrebten Mitgliedschaft) der Europäischen Union haben wir die Todesstrafe natürlich aufgehoben. Hat sich daraus etwas entwickelt? Wir sind ja nicht einmal Mitglied der Europäischen Union. Wir sind Beitrittskandidat. Und das Parlament ist natürlich hierbei die Instanz, die entscheiden muss. Und wenn das Parlament solch einen Entschluss fassen sollte, dann werde ich das ratifizieren, weil es mir auch weh tut, weil ich 240 meiner Bürger verloren habe. Wenn sie die Rechte dieses Volkes nicht schützen, dann werden diese Menschen uns auch in der Zukunft nicht mehr unterstützen.“

Und zum selben Thema mit Blick auf die USA und andere Staaten:
„Warum schaut Europa nicht mal in die USA, nicht nach Japan, nach Indien oder nach China rüber? Warum interessiert sich Europa diesbezüglich so für die Türkei? In der Türkei hat das türkische Volk sein eigenes Schicksal zu bestimmen. In der Türkei hat man auch den Palast zerbombt. Gäbe es in Deutschland ein Schweigen, wenn der Bundespräsidenten-Palast zerbombt worden wäre? Wir sollten hier nicht ambivalent handeln. Wir sollten ehrlich sein und ehrlich an die Themen herangehen. Und gegenüber einem Putschversuch hätte ich mir gewünscht, dass Europa auf der Seite der Türkei steht. Genauso wie man in Paris zusammengekommen ist, wie man dort kondoliert, hätte man auch in die Türkei Vertreter schicken sollen.“

Über die deutsche Justiz:
„In Köln gab es eine Kundgebung für die Demokratie gegen den Staatsstreich. Es sind an die 50.000 Menschen dabei gewesen. Und sie haben den Wunsch geäußert, dass ich per Videokonferenz daran teilnehme. Das örtliche Gericht hat das dann nicht zugelassen, dann auch das Verfassungsgericht. Zwei Jahre vorher hat aber die PKK-Terrororganisation die Möglichkeit gefunden, sich über Videokonferenz dort auszusprechen. Das wurde zugelassen. Und am 3. September wird es zum Beispiel in Deutschland auch eine Kundgebung der PKK geben. Ich appelliere da an die Gerichte in Deutschland. Eine Terrororganisation und auch in Verbindung stehende NGOs – wie kann man diesen NGOs, der PKK diese Genehmigung geben? Auf der anderen Seite lassen sie nicht zu, dass ein Staatspräsident der mit 52 Prozent gewählt worden ist, sich per Videokonferenz zuschaltet. Ich habe das auch der Frau Bundeskanzlerin gesagt. Sie hat von den unabhängigen Gerichten gesprochen. Aber was für eine unabhängige Justiz ist das? Eine unabhängige Justiz muss fair entscheiden und urteilen. (…) Ich glaube nicht an die deutsche Justiz und habe auch keinen Respekt vor der deutschen Justiz in diesem Zusammenhang.“

Über den Stand der EU-Beitrittsverhandlungen:
„Tja, ich habe die Aufgabe, die Wahrheit zu sagen. Dreiundfünfzig Jahre lang hält uns Europa hin. Dann sagt man: Wenn ihr das tut, dann passiert das, wenn ihr dies tut, passiert jenes. (…) Da halten sie uns auch weiter hin. Wir sind geduldig und diese unehrliche Haltung der Europäischen Union bedauern wir. Doch noch zeigen wir Geduld und werden diesen Weg weiterhin gehen. Herr Gabriel, ein guter Freund von mir eigentlich, hat zuletzt zum Beispiel gesagt: ‚Mindestens 20 Jahre noch, bevor die Türkei der EU beitreten wird.‘ Hätte Herr Gabriel doch diese Erklärung nicht abgegeben, das macht uns traurig.“

Über das Rücknahmeabkommen und Visa-Befreiung:
„Rücknahmeabkommen und Visa-Befreiung, das muss gleichzeitig geschehen. Nur wenn das gleichzeitig geschieht, werden wir damit beginnen. Also, wir können nicht sagen, wir beginnen mit dem Rücknahmeabkommen, aber dafür gibt es keine Visa-Befreiung – das ist nicht prinzipientreu. Deswegen sage ich, hier sollten wir ehrlich sein.“

Über Folter-Vorwürfe von Amnesty International gegenüber der Türkei:
„Amnesty International und diese Herangehensweise sind fernab von konkreten Feststellungen. Sie stellen diese nicht vor Ort fest, sondern es gibt irgendwelche Falschinformationen, Desinformationen, und über diese Desinformationen schreiben sie. Das sind Berichte, die sie irgendwelchen in den sozialen Medien schwirrenden Nachrichten entnommen haben. Ist Amnesty International in der Türkei gewesen und hat sich mal das Parlament angeschaut, das zerbombt worden ist? Dann sollten sie erst einmal kommen und sich das zerbombte Parlament anschauen. Sie sollten sich erst einmal den Justizminister anhören. Sie sollten sich erst einmal den Innenminister anhören. Ohne sich diese anzuhören, gibt es für mich sozusagen überhaupt keinen Wert ihrer Aussagen, ihrer Feststellungen. Nur weil ich ein Gedicht aufgesagt habe beispielsweise, bin ich ja ins Gefängnis gekommen. Und Amnesty International hat sich überhaupt nicht darum gekümmert. Amnesty International ist nicht aufrichtig und ist eine ideologische Organisation.“

Zu den ins Deutsche übersetzten Aussagen des türkischen Staatpräsidenten merkt RTL an: „Die Abschrift folgt der Simultan-Übersetzung des offiziellen Dolmetschers und ist grammatikalisch an einigen Stellen angepasst.“

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