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Tod und Spiele in den Medien: Warum die ganze Welt in Rio zu- und in Aleppo wegschaut

Kriegsverbrechen aus der Ferne, Olympia hautnah: die Medien und ihr Umgang mit Mord und Sport

Morgen starten die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. 16 Tage lang kämpfen Sportler aus 205 Nationen um Medaillen. Ein Großaufgebot von Reportern berichtet rund um die Uhr. Im syrischen Aleppo wird auch gekämpft, doch dort geht es nicht um Medaillen, sondern ums nackte Überleben. Ein Massenmord von ungeheurem Ausmaß steht bevor, und doch ist es um das Thema in vielen Medien merkwürdig still.

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Die ganze Welt schaut zu – ein Satz, der in diesen Tagen und Wochen in doppelter Hinsicht wahr ist. Zum einen sind da die morgen offiziell beginnenden Olympischen Spiele, das größte Sportspektakel der Welt. Millionen werden live, Milliarden am Fernseher dabei sein, wenn es um Gold, Silber, Bronze, um Bestzeiten und Rekorde geht. Die Zuschauer werden hier Triumphe erleben und, wie immer, auch Tragödien. Doch das sind sportliche Höhepunkte oder Niederlagen. Wer in Rio verliert, weiß am Ende: Es ist alles nur ein Spiel.

In Syrien gilt das nicht, Aleppo ist nicht Rio. Eine Großstadt mit 300.000 Einwohnern, seit Mitte Juli von syrischen und russischen Truppen eingekesselt und nun ganz offensichtlich zum Abschuss und der völligen Vernichtung freigeben. In Aleppo bahnt sich die vielleicht größte Tragödie seit dem Zweiten Weltkrieg an, und obwohl man es weiß und die Medien das Massensterben voraussagen, schaut die Welt zu oder auch weg, was in diesem Fall für eine Zivilbevölkerung, die dem Tod ins Auge blickt, das Gleiche bedeutet.

Die politische Ohnmacht ist allgegenwärtig. Mit leiser Diplomatie versucht der deutsche Außenminister zu intervenieren, um eine noch schlimmere Katastrophe abzuwenden als die, die bereits eingetreten ist. Einige Medien berichten engagiert und mit drastischen Vokabeln. „Die Perversion dieses Krieges ist kaum noch zu übertreffen“, schrieb Zeit Online in dieser Woche. Der Deutschlandfunk veröffentlichte ein Interview mit einem syrischen Oppositionspolitiker, der mit Blick auf das eingekesselte Aleppo sagte: „Europa verhält sich, als ob es auf eine Naturkatastrophe schaut.“ Die FAZ fragt: „Droht eine humanitäre Katastrophe?“ Es ist alles nachzulesen, was in der zweitgrößten syrischen Stadt passiert oder aller Wahrscheinlichkeit nach noch geschehen wird, wenn man es denn wissen will oder danach sucht.

Die Wahrheit ist aber auch: Wer das eben nicht vorhat, dem wird es leicht gemacht, von der Politik und auch von vielen Medien. Aleppo ist kein Topthema, anders als noch vor Monaten die Flüchtlingsbewegung, die nun wie von Zauberhand gestoppt scheint. Tatsächlich gibt es kaum weniger Flüchtlinge; sie sind nur so weit weg, dass das Wegsehen plötzlich leicht geworden ist. Medien helfen dabei, denn auch in einer globalisierten Welt folgen sie noch dem Grundsatz, ihre Berichterstattung danach zu hierachisieren, was vor der Haustür geschieht und uns „unmittelbar betrifft“. Afrika oder Syrien gehören nicht dazu, darüber berichtet man bevorzugt unter ferner liefen im hinteren Politikteil und auf den Panoramaseiten.

Dieses Phänomen ist nicht neu, aber es fühlt sich in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung durch Terroranschläge anders an. Betrifft uns das, was jetzt in Aleppo passieren wird, wirklich nicht? Schon einmal, als der Irak nach der „Befreiung“ durch den Westen im Chaos versank, stand die westliche Welt tatenlos daneben und bekam es danach mit der barbarischen Terrormiliz IS zu tun. Deren verlängerter Arm und mit ihr sympathisierende „Low Level“-Attentäter versetzen inzwischen auch Menschen in EU-Ländern in Angst und Schrecken. Politik und Medien versuchen, eine Antwort darauf zu finden, wie mit der Terrorgefahr umzugehen ist. Beide tun sich damit schwer.

Die Politik hat es dabei auf eine Art leichter. Sie kann Resolutionen erlassen, Botschafter einbestellen, Krisenkonferenzen einberufen, Boykotte verhängen oder Hilfstransporte organisieren. Den Medien bleibt nur die Realität (soweit sie ihnen bekannt ist) und die Aufgabe, ihrem Publikum davon ein möglichst präzises Bild zu vermitteln. Sollte man jedenfalls meinen. Doch viele Medienmacher nehmen es damit vorsätzlich nicht so genau. Gerade in Zeiten von Krisen und Katastrophen folgen sie der selbstverordneten Maxime, Leser und Zuschauer vor der Realität zu beschützen, und ein bisschen auch umgekehrt.

Massenhaftes Leid und massenhafter Schmerz finden in dieser Art von Berichterstattung nicht oder nur rudimentär statt. Das Symbolbild für grauenhafte Metzeleien ist der aufsteigende Rauch nach einem Bombeneinschlag, die Opfer bleiben anonym. Ihr Gesicht zu zeigen, so die redaktionelle Logik, wäre ein Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht und damit unethisch. Dass die Persönlichkeit, die so geschützt werden soll, durch ein Kriegsverbrechen oder einen Terroranschlag bereits ausgelöscht ist, steht auf einem anderen Blatt. Diese Medienmacher sollten sich fragen, was ein solcher Umgang mit Nachrichten mit ihren Rezipienten macht. Eine gemessen am tatsächlichen Geschehen bis zur Unkenntlichkeit reduzierte Berichterstattung begünstigt Vermeidungsverhalten statt Empathie.

Nach dem Münchner Amoklauf, der dem derzeitigen Kenntnisstand zufolge rechtsradikal statt islamistisch motiviert war, zensierten sich viele Medien (allen voran: Spiegel Online) vorauseilend selbst und wählten den Teil des Attentäter-Vornamens, der keinen Rückschluss auf einen Migrationshintergrund zuließ. David oder Ali – das war nach der Tat auch ein medienpolitisches Bekenntnis. Andere druckten eine Weißfläche statt des Täterporträts oder übten als Medien offene Kritik an der Veröffentlichung von Opferfotos durch andere Medien. Eine französische Zeitung kündigte gar an, gar keine Bilder von Attentätern mehr zu veröffentlichen. Dabei wäre es grenzenlos naiv anzunehmen, dass solche Praktiken künftige Anschläge verhindern würden.

In Wahrheit entlarven derartige Selbstbeschränkungen etwas ganz Anderes: das latente Misstrauen, dass so mancher Medienmacher offensichtlich seinen Lesern gegenüber empfindet. Er traut ihnen nicht zu, mit verstörenden Informationen umgehen zu können, von einem Einzelfall nicht gleich auf eine ganze Gruppe Rückschlüsse zu ziehen. Und wer mit mehr als der vom eigenen Medium zensierten Form der Wahrheit konfrontiert wird, läuft demnach Gefahr, danach irgendetwas Dummes oder gar Verbotenes zu tun. Wie ist eine solche Sichtweise, wie sind solche Regeln mit dem demokratischen Begriff des mündigen Bürgers oder Lesers zu vereinbaren? Gehört es zum journalistischen Selbstverständnis, sich seinem Publikum überlegen und wissender zu wähnen? Einem Publikum, das im Digitalzeitalter die Rolle des Rechercheurs wie die des Publizisten in Teilen selbst übernommen hat? Die Zersplitterung der Medienlandschaft hat bei manchen Alpha-Medien den seltsamen Reflex erzeugt, die überkommene Rolle des Torwächters noch strenger auszuüben und darüber zu bestimmen, was die Leute da draußen wissen sollen.

Die New York Times hat in der vergangenen Woche einen außergewöhnlichen Artikel veröffentlicht. Einen, den es im Verständnis vieler deutscher Medienmacher so gar nicht geben dürfte, weil er hundertfach gegen ihren, gegen den Kodex verstößt: Im Dossier „The Human Toll of Terror“ gibt die Zeitung 247 bei (fast ausnahmslos islamistisch motivierten) Terroranschlägen getöteten Menschen ein Gesicht, druckt – soweit möglich – ihre Fotos, bringt ihre Lebensgeschichte bis zu dem Moment, als ihre Existenz ausgelöscht wurde. Für den Beitrag, der den Opfern von weltweiten Attentaten in zwei Märzwochen gewidmet war, bot die New York Times 41 Redakteure auf.

Dieser eine Artikel ist mehr wert als hunderte, die Leid und Grauen thematisieren, indem sie es in geradezu menschenunwürdiger Form versachlichen – weil er zeigt, dass die Toten Menschen wie du und ich waren. Oder wie es der Schriftsteller Navid Kermani in einem Essay für die FAZ formuliert: „Diese Opfer gehörten keiner einzelnen Kultur, Konfession oder Nation an – blickt man auf ihre Gesichter, schaut man auf ihre Kleidungen, lernt man ihre Biographien kennen, erfährt man von ihren Träumen und was sie in dem Augenblick beschäftigte, als sie aus dem Leben gerissen wurden, dann ergibt sich fast so etwas wie ein Panoptikum unserer Zeit und Menschheit.“ Die Frage ist hypothetisch, aber dennoch erscheint es wichtig, sie zu stellen: Was wäre, wenn die Menschen in Aleppo, die dort gestorben sind oder noch sterben werden, auch für uns Gesichter und Geschichten hätten, die uns vor Augen führen, dass sie sind wie wir: Würde es etwas an der Gleichgültigkeit ändern, an der Tatsache, dass wir es uns ersparen, das Abschlachten in Aleppo wirklich zur Kenntnis zu nehmen?

An diesem Punkt schließt sich der Kreis. Rio und Aleppo, zwei Orte, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und in diesen Tagen die Extreme des Weltgeschehens symbolisieren, rücken nah beieinander, indem sie um unsere Aufmerksamkeit ringen, die in der digitalen Welt so flüchtig wie wertvoll geworden ist. Die Vermarktungsmaschine Olympia präsentiert trotz allen Unzulänglichkeiten, trotz Korruption, Doping und Athleten-Ausschlüssen immer noch das Gute: den Sportsgeist, die Völkerverständigung, den Frieden. Das Spiel ohne Grenzen und ohne Ansehen der Hautfarbe und Religion: Vor der Stoppuhr sind alle gleich.

Dagegen steht das Grauen im Kessel von Aleppo. Und gegen das Spektakel, das jeden Zieleinlauf mit Zeitlupe in SuperHD zelebriert, steht das unscharfe und anonymisierte Sterben in einer zerbombten Stadt. Mord und Spiele, wofür entscheiden wir uns? Dies ist kein Appell, bei den Olympischen Spielen abzuschalten. Aber vielleicht wäre es gut, die Wettbewerbe in Rio nicht als willkommene Gelegenheit hinzunehmen, sich von Terror und Krieg ablenken zu lassen. Das gilt auch und ganz besonders für die Medien, die jeden Tag entscheiden, wie viel Platz sie welchem Thema einräumen – und in welcher Weise sie dann darüber berichten.

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