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„Merkel würde auch den Untergang der Titanic als ‚interessanten Vorgang‘ bezeichnen“ – Pressestimmen zur Merkel PK

Das Presseecho zu Angela Merkel Auftritt it gemischt

Die Pressekonferenz und Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu den jüngsten Gewalttaten in Deutschland fand in der Presse ein gemischtes Echo. taz, Welt und Spiegel Online loben den sachlich-nüchternen Stil der Kanzlerin auch in Krisenzeiten. Die FAZ wirft ihr Halsstarrigkeit vor und die SZ meint, Merkel sollte häufiger ganz normal reden.

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Kurt Kister in der Süddeutschen Zeitung:

„Merkel würde vermutlich auch den Untergang der Titanic oder eine Rückkehr John Lennons von den Toten als „Bewährungsprobe“ oder „einen interessanten Vorgang“ bezeichnen. Als sie danach gefragt wurde, ob sie nicht manchmal erschöpft sei, sagte sie, sie sei nicht „unterausgelastet“. Wow. Merkel kann, wenn sie sich gerade mal nicht als ANGELA MERKEL fühlt, ganz normal reden. Sie sollte das häufiger und gerade jetzt tun, weil in der Zeit der Äxte und der Rucksackbomben das Vertrauen in ihr Wir-haben-das-schon-immer-so-gemacht-Management stark schwindet.“

Christian Geyer in der FAZ:

„Hier geht Unbeirrbarkeit in Halsstarrigkeit über. Mit dem für Merkel typischen rhetorischen Mix aus Messianismus und Bürokratie legte sie die Platte von vor elf Monaten wieder auf. Ich habe euch damals gesagt: „Deutschland ist ein starkes Land.“ Und ich sage es euch heute wieder. Ich habe euch damals gesagt: „Dort, wo etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden.“ Und ich sage es euch heute wieder. Wenn Merkel ein „besseres Frühwarnsystem“ verspricht, dann ist das gut und richtig, aber Schaffensoptimismus mag nicht aufkommen. Denn bei allen Erfolgen der Terrorverhütung, die es in Deutschland gegeben hat und hoffentlich weiter geben wird, bleibt der Terror doch eine schwer berechenbare Größe und kann gleichsam naturgemäß nicht Gegenstand eines Versprechens sei, ihn zu „bewältigen“ (Merkel) – es sei denn, im Modus der Trauerarbeit, was die Kanzlerin aber erkennbar nicht meinte. Frühwarnsystem ist jedenfalls ein löchriger Begriff, an den sich keine „Wir schaffen das“-Parole knüpfen lässt.“

Jacques Schuster in der Welt:

„Merkel ist nicht Schmidt. Vor allem fehlt ihr sein geschliffenes Wort. Doch auch sie strahlte auf ihrer Pressekonferenz eine ruhige Willenskraft aus, die ihre Wirkung nicht verfehlen wird. Nach der nervösen Vielstimmigkeit der vergangenen Tage erinnert ihr Neun-Punkte-Programm alle Beteiligten daran, wer das Land führt und wer die Mittel dazu hat, die im grimmigen Ernst vorgeschlagenen Maßnahmen auch umzusetzen. Merkel war so selbstsicher, dass sie sogar ihr „Wir schaffen das“ wiederholte. Auch dieser Satz mag in Terrorzeiten Zuversicht schenken. Allerdings verdeckt er, dass die Bundeskanzlerin ihre Politik längst korrigiert hat. Zwar will Angela Merkel ihren Fehler nicht zugeben, wenigstens aber hat sie aus ihm gelernt. Offene Grenzen für alle wird es nicht mehr geben. Zum Glück.“

Jan W. Schäfer in der Bild:

Es war ein typischer Merkel-Auftritt: Ruhig, sachlich, zuweilen etwas spröde erläuterte die Kanzlerin ihre Sicht der Flüchtlingskrise. Selbst ihren umstrittenen Appell „Wir schaffen das“ wiederholte sie. Die Botschaft: Ich halte auch bei Sturm meinen Kurs.“

Sebastian Fischer bei Spiegel Online:

Kritiker werfen Angela Merkel stets ihren Mangel an Emotionalität vor, ihre Schritt-für-Schritt-Politik, das Fehlen einer politischen Erzählung, mithin Sinngebung. Auch ich habe genau das immer wieder kritisiert, zuletzt Merkels unterkühlten Umgang mit dem Großereignis Brexit. Nur: In der aktuellen Terrorlage ist Merkels technizistisch-differenziertes Vorgehen durchaus richtig. Angst könne kein politischer Ratgeber sein, sagt sie. Völlig korrekt. Merkels Auftritt kontrastiert mit der Aufregung um uns alle herum, die ja menschlich zutiefst verständlich ist.

Stefan Reinecke in der taz:

„Angela Merkel ist, jedenfalls in Sachen Terrorbekämpfung, eine Liberale. Sie trat in Berlin nüchtern, spröde auf und kein Jota anders als sonst. Das ist mehr als eine Stilfrage, es ist die Botschaft: Keine Panik. Bloß nicht überreagieren, bloß kein innerer Ausnahmezustand. Denn das Ziel der Terroristen ist es, mit Angst die Demokratie zu zerstören. Deshalb warnt Merkel zu Recht davor, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Es wäre gut gewesen, wenn die Kanzler der Republik zu RAF-Zeiten so ausgewogen und kühl geredet und auf Normalität als Schutz vor Gewalt gesetzt hätten.“

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