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“Schuldlos schuldig im Sinne der Anklage”: Jochen Wegner über das Echtzeit-Journalismus-Paradoxon

Kluger “Werkstattbericht” aus der Newsredaktion: Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner sieht die Nachrichtenjournalisten bei großen “Lagen” im Dilemma
Kluger "Werkstattbericht" aus der Newsredaktion: Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner sieht die Nachrichtenjournalisten bei großen "Lagen" im Dilemma

In Nachrichtenlagen wie dem Attentat von München gilt für Journalisten, das öffentliche Interesse zu bedienen, ohne dabei an den Fakten vorbei oder sensationsheischend zu berichten. Online-Medien und TV haben zudem den Anspruch, "in Echtzeit" zu berichten. In einem Werkstattbericht reflektiert Zeit-Online-Chef Jochen Wegner, in welchen Fällen Medien "schuldlos schuldig im Sinne der Anklage" sind.

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“Tagesthemen”-Moderator Thomas Roth hatte am Freitagabend keinen einfachen Job: In einer mehr als unübersichtlichen Situation musste der Moderator – von nur wenigen Schalten unterbrochen – stundenlang über den Attentat von München moderieren, ohne dass die Informationslage aufklarte. Der Anchor betonte gleich mehrfach, fast entschuldigend, dass es für die Arbeit der Journalisten keine einfachen Stunden seien. Das Erste berichtete über alles, was man zum derzeitigen Zeitpunkt wusste, über einiges, das man vermutete und klärte auch Falschmeldungen auf. Genau das war die Aufgabe von Journalisten an diesem Freitagabend.

In Zeiten des Online-Journalismus und allgemeiner Informationsflut im Word Wide Web gerät der Journalismus in brenzligen Situationen, wie jener am vergangenen Freitag, unter Druck. Während sich in sozialen Netzwerken rasend schnell Videos und Fotomaterial vom Attentat verbreiten, befinden sich Journalisten in der Pflicht, all das zu verifizieren. Für den Journalismus ist das keine komfortable Situation. Agiert er nicht schnell genug, lässt er sich als Nachrichtenquelle abhängen. Es ist ein Dilemma, in dem sich Berichterstatter in solchen Situationen befinden. Wie Redaktionen in den so genannten “Lagen” verhalten, welche Mechanismen im Laufe der Zeit installiert hat, die sich in Bewegung setzen und an welchen Stellen sich Journalismus in einen Teufelskreis begibt, hat Zeit-Online-Chef Jochen Wegner in einem lesenswerten Werkstattbericht zusammengefasst. Darin zählt er unter anderem fünf Fälle auf, in denen “wir schuldlos schuldig im Sinne der Anklage” sind und erklärt, in welchen Fällen sich Zeit Online künftig ändern will.

Dazu zählt für ihn der angesprochene Punkt, dass Medien auf den rasend schnellen Zug der Informationen aufspringen. Wegner meint, es sei “bigott”, dem öffentlichen Interesse nicht nachzukommen. Man könne sich nicht zurückhalten, “während um uns andere Medien und dazu unsere Mitmenschen im Social Web auf Sendung gehen, mal von Schusswechseln an verschiedenen Orten in München die Rede ist und von drei Tätern, dann wieder von einem. Wir können nicht schweigen, während die Zugriffe auf alle Nachrichtenwebsites sprunghaft ansteigen, weil Leser dort nach valideren Informationen suchen – nur, weil auch wir diese Informationen noch nicht besitzen.”

Darüber hinaus bekennt sich Wegner schuldig, das Grundrauschen durch Berichterstattung zu verstärken. “Denn schon die Frage, welche Fakten wesentlich sind, lässt sich oft schwer entscheiden.” Als Beispiel nennt er die Debatte über die Nennung der Herkunft von mutmaßlichen Tätern. Als Redaktion sende man ein Signal, unabhängig davon, ob man die Herkunft nennt oder als irrelevant erachtet. Für seine eigene Redaktion erachte Wegner einen “Was wir wissen”-Artikel als das beste Mittel, um sich am Rauschen wenigst möglich zu beteiligen. “Das Wawiwi enthält alle gesicherten Fakten sowie jene, die wir noch nicht verifizieren konnten – und vor allem jene, die sich als falsch herausgestellt haben.”

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Das Grundrauschen werde durch zu frühe Einordnung verstärkt. Zugleich gerät Journalismus aus Wegners Sicht hier in die Gefahr, zum Instrument zu werden. So habe der Guardian früh berichtet, dass es unmittelbar vor dem Amoklauf in München islamistisch motivierte Anschläge in Würzburg und Nizza gab. Der Effekt: Sofort stelle der Leser die Schießerei in München in Zusammenhang mit dem Islamischen Staat. Zugleich würden im Namen des IS begangene Taten gleich von ihm reklamiert – und Medien berichten. Wegner meint: “Diese PR-Strategie ist raffiniert. Es ist Teil der Raffinesse, dass wir sie durchschauen und dennoch nichts dagegen unternehmen können. Wir können nicht verschweigen, dass irgendein unglücklicher Kleinkrimineller sich in lächerlich kurzer Zeit den Ideen des IS zugewandt hat, auch, wenn dessen Ziele für ihn in seinem gesamten vorigen Leben keine Rolle gespielt haben.” Im Rausch der Geschwindigkeit geschehe es, dass Medien zu wenig reflektieren, ob gewisse Informationen überhaupt berichtet werden sollen.

Verfechter konstruktriver oder positiver Nachrichten (Constructive Journalism) dürften sich in Wegners Text ebenfalls wiederfinden. Medien seien an der dramatischen Wahrnehmung unserer Zeit mit schuld. “‘+++ Eil +++ Welt erneut besser geworden +++’ ist Ihnen, liebe Leser, als wichtige Pushnachricht auf ihrem Handy schwer vermittelbar. Das gehört seit jeher zu den gängigen Medienzynismen”. Ähnlich wie bereits die Chefredaktion von Spiegel Online, die vor einigen Monaten Constructive News als neues, wichtiges Format für sich entdeckt hat, wolle auch Zeit Online die Welt ein bisschen positiver betrachten, erklärt Wegner.

Transparenz ist eines der Medien-Schlagworte des Jahres. Für viele Redaktionen ist Transparenz der Schlüssel zu jenen Lesern, die das Vertrauen in die Medien stetig verlieren. Mit mehr Transparenz wollen Medien die Recherchewege ihrer Journalisten zugänglicher machen, deutlicher machen, dass ihre Quellen authentisch sowie zuverlässig sind und die Berichterstattung nicht gefärbt. Wegner wolle zukünftig auch transparent machen, wie Zeit Online über Themen diskutiert. Die Medienkritik denke man in den Konferenzen nämlich oftmals mit.  Und doch bleibt der Journalismus wohl in einem Paradoxon gefangen: “dass wir um viele unserer Fehler wissen, und sie doch täglich neu begehen, weil sie unvermeidbar sind oder uns so scheinen.”

Den Beitrag von Jochen Wegner in gesamter Länge lesen Sie hier

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Alle Kommentare

  1. Na ja, ein Highlight war die Berichterstattung aus meiner Sicht nicht. Wir haben (ahnungslos) so um 19:30 Uhr eingeschaltet. Ein Reporter “vor Ort” berichtete und wurde von einer jungen Frau befragt. Gibt es weitere Schüsse in der Stadt? Wieviele Helikopter kreisen da? Etc. Das konnte er natürlich nicht beantworten, er war schließlich vor Ort und hatte keinen Überblick. Also: Wir haben abgeschaltet und uns mit Bekannten bis halb zwei im Garten unterhalten (ab und an mal nen Blick aufs Handy). Am nächsten Morgen schalteten wir den Fernseher wieder ein und wollten wissen, was da denn nun genau passiert war. Selbst meine Frau monierte, dass der Name dieses Mörders nicht genannt wurde. Hat er nun Migrationshintergrund? Die Fragen liegen ja wohl mittlerweile nahe; darauf wurde aber nicht eingegangen. Ich habe dann geflachst: Um 14:30 Uhr wird die Bundeskanzlerin die “richtige” Sprachregelung ausgeben, vorher sind die armen Mitarbeiter beim Staatsfunk natürlich vorsichtig.

    Sorry, das so sagen zu müssen. Aber mit CNN (von der Qualität her), oder den sozialen Medien und dem Internet (von der Geschwindigkeit her) kann das deutsche Fernsehen nicht mithalten. Es würde locker reichen, per Lauftext mitzuteilen, wenn es was wirklich bestätigt Neues gibt und in den Tagesthemen dann zusammenzufassen. Gut war der Polizeisprecher, der die vielen Reporter, die atemlos in der Nacht unterwegs waren, um eine Glaskugel bat.

  2. Journalismus bedeutete für mich als Journalist / Publizist INFORMATIONEN zu liefern. Sachlich, neutral, gut recherchiert und von mehreren Seiten bestätigt.
    Inzwischen liegt die Wertung beim liefern von SENSATIONEN, was mir Beruf und Engagement als Freier Journalist zunehmend verleidet.

  3. Der Ausführung des Kollegen J. Werner Georg Urmann stimme ich zu. Vieles hat sich für uns Journalisten zum Nachteil unseres Berufstandes ins negative verändert.

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