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Türkei-Putsch: Twitter bleibt erste News-Quelle, TV versagt und wird von Facebook Live abgehängt

Bild Livestream zum Putsch bei Facebook: Social TV als Nachrichtenkanal

Der Putschversuch in der Türkei am Freitagabend hat alte und neue Medien schlecht aussehen lassen: Newsportale hinkten den sich überschlagenden Entwicklungen in der Türkei teilweise deutlich hinterher, während ARD und ZDF zunächst mit dem vorgesehenen Programm auf Sendung blieben. Wieder einmal bewies der 140-Zeichendienst Twitter dagegen sein Alleinstellungsmerkmal als erstes Echtzeitmedium bei Breaking News. Stark auch: Facebook mit seinen Live-Channels.

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Freitag, 22 Uhr: Als Deutschlands Nachrichtenredaktionen sich schon im Wochenende wähnten, schlugen die Putschisten in der Türkei zu. Der Aufstand von vermutlich ranghohen Militärs gegen die Regierung Erdogan kam zur einer undankbaren Zeit – nicht zuletzt, weil das Massaker von Nizza vom Vortag noch die Online-Redaktionen beschäftigte.

Während Focus Online die Eilmeldung als erstes der großen deutschen Nachrichtenangebote auf die Smartphones pushte, verharrte Spiegel Online noch bis nach 23 Uhr mit der Berichterstattung von Nizza als Aufmacher. Bild.de reagierte unterdessen mit einem aktualisierten Liveticker und berichtete ab 23.30 Uhr mit seinem Facebook-Format Bild Video live stundenlang in Bewegtbild:

Stundenlanges News-Vakuum

Die Stunden zwischen 23 Uhr und 3 Uhr morgens stellten ein bemerkenswertes News-Vakuum dar, in dem sich selbst CNN bei den versammelten Menschenmengen mit der Deutung schwer tat – feierten die Menschen den Putsch oder drückten die geschwenkten Türkei-Fahnen die Solidarität mit der Regierung Erdogan aus?

Es dauerte bis etwa 2 Uhr morgens, bis CNN-Starreporter Anderson Cooper anhand der Einschätzung von führenden US-Militärs und Augenzeugen den Coup als gescheitert einordnete.

Öffentlich-Rechtliche verschlafen Türkei-Putsch

Im deutschen TV herrschte dagegen die große Leere. Als sich die Ereignisse in Instanbul dramatisch zuspitzten, lief in der ARD eine Wiederholung Tatorts mit dem Titel „Tödliches Vertrauen„, während im ZDF das Konzert „Die Nacht der Klassik aus Paris“ zu sehen war.

„Wenn ARD und ZDF so arbeiten, werden sie nicht mehr gebraucht“, kommentiert Medienunternehmer Klaus Kelle bei Focus Online.

Auch die Nachrichtensender n-tv und N24 berichteten in der Putsch-Nacht eher sporadisch über die Entwicklungen in Istanbul und Ankara – n-tv bis nach Mitternacht, bei N24 erst ausführlich ab dem frühen Morgen. Der Politikkanal Phönix, der ebenfalls von den Öffentlich-Rechtlichen betrieben wird, vertröstete seine Zuschauer zur Lage in der Türkei gar auf den nächsten Vormittag – eigentlich ein Offenbarungseid in Sachen Live-Kompetenz:

Twitter unterstreicht Alleinstellungsmerkmal als Echtzeitmedium

Vor allem jedoch unterstrich wieder einmal der Kurznachrichten-Dienst Twitter seine Relevanz als das erste Echtzeitmedium bei Breaking News-Situationen – gegen die Live-Berichterstattung von Augenzeugen in 140 Zeichen mit Fotos und Videos wirkten Online-Medien, die Freitagnacht größtenteils auf die Zulieferung von Agenturmaterial angewiesen waren, am Ende selbst wie alte Medien.

Nicht immer jedoch ist die Schnelligkeit in 140 Zeichen auch der Weisheit letzter Schluss: Die hunderttausend Tweets, die unter den Hashtags #Turkey und #TurkeyCoup abgesetzt wurden, führten teilweise in die Irre – wie etwa beim Gerücht, dass Präsident Erdogan in Deutschland Asyl beantragt habe, ihm jedoch die Einreise verweigert worden wäre und er sich dann angeblich im Anflug auf London befinde.

Facebook punktet mit Live-Videos

Facebook vermochte unterdessen vor allem durch Bewegtbilder zu punkten: das neu eingeführte Feature Facebook Live, in dem Nutzer Live-Videos des Geschehens übertragen können, scheint Twitters Livestreaming-Dienst Periscope immer weiter in den Schatten zu stellen. Der noch im vergangenen Jahr von vielen Journalisten gehypte Social-Sender gerät mangels Reichweite unter die Räder. „Periscope ist tot“, so die nüchterne Einschätzung eines Online-Chefredakteurs.

Ganz anders Facebook Live, wie sich beim Putschversuch in der Türkei erneut zeigte. Auch global ganz vorn dabei war das Social Media-Team von Bild.de, das nach Al-Jazeera den weltweit erfolgreichsten Livestream produzierte. Bei der nächtlichen Übertragung via Facebook kamen die Berliner auf 12.000 gleichzeitigen Nutzern, Al-Jazeera verbuchte mit seinem englischsprachigem (und daher deutlich reichweitenträchtigerem) Angebot 22.000 User.

Mit Blick auf die Rolle von Twitter erscheint es kaum nachvollziehbar, wie sich ein so relevanter und weltweit bekannter Nachrichtendienst wie Twitter so schwer mit der Monetarisierung tut und von der Wall Street mit nur einem Dreißigstel von Facebook gehandelt wird.

Fazit: Twitter und Facebook sind inzwischen die ersten News-Quellen bei globalen (Politik-)Ereignissen. Medienmacher integrieren fleißig Tweets und Live Videos – also Inhalte, die sie von den Social Media-Riesen beziehen. Die Rolle von Newsproduzenten und -verbreitern kehrt sich damit in bemerkenswerter Form immer weiter um.

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