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“Man kann objektiv sein, ohne neutral zu sein”: Julian Reichelt über den Bild-Appell zur Apokalypse von Aleppo

Julian Reichelt: Chefredakteur von Bild.de
Julian Reichelt: Chefredakteur von Bild.de

Mit einem dramatischen Appell weist Bild heute auf die verzweifelte Lage der syrischen Zivilisten in der von Regierungstruppen umzingelten Stadt Aleppo hin. Der Bericht thematisiert das Leid und Sterben Unschuldiger, das Versagen der Diplomatie und nennt "zehn Gründe, warum die Welt JETZT handeln muss". Bild-Digitalchefredakteur Julian Reichelt äußert sich gegenüber MEEDIA zum Hintergrund der Aktion und erklärt, dass auch Kampagnenjournalismus "objektiv" sein kann. Der frühere Kriegskorrespondent prophezeit: "Wir werden uns eines Tages für unser Unterlassen in Syrien schämen."

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Der Beitrag “Die Apokalypse von Aleppo: Zehn Gründe, warum die Welt JETZT handeln muss” ist sehr ausführlich und aufwändig recherchiert. Wie kam es zu der Idee, dass Thema Syrien-Konflikt so aufzubereiten?
Julian Reichelt: Wir bereiten den Syrien-Krieg bei Bild von Beginn an mit großem Aufwand, großem Engagement und teilweise großem persönlichen Risiko.‎ Über die Jahre haben wir die bittere Erfahrung machen müssen, dass die dramatische Entwicklung von der Politik nahezu komplett ignoriert wird. Wir lassen ein Menschheitsverbrechen sehenden Auges geschehen. Diese Geschichte ist ein erneutes Zeichen von Bild, dass wir nicht aufhören werden, auf dieses Totalversagen hinzuweisen. Solche Geschichten werden eines Tages, wenn wir beschämt auf die syrische Katastrophe zurückblicken, Zeugnis sein, dass alle weggesehen haben.

Neben einer alarmierenden Zustandsbeschreibung über die Zustände in der eingekesselten Stadt hat der Artikel einen starken Appell-Charakter. Was wollen Sie damit bezwecken?
Ganz einfach: Dass endlich etwas geschieht. Dass die westliche Welt, die stets ihre Werte beschwört, den Zivilisten in Syrien zur Hilfe kommt, statt weiter darauf zu vertrauen, dass Assad und seine iranischen und russischen Verbündeten schon irgendwann aufhören werden, Schulen und Krankenhäuser mit Fass- und Präzisionsbomben einzuäschern.‎ Im Angesicht von Kriegsverbrechen und Vernichtungsideologie reicht es nicht aus, einfach das Prinzip Hoffnung walten zu lassen.

Sie stellen eine englischsprachige Version des Beitrags Medien in aller Welt kostenlos zur Weiterverbreitung zur Verfügung. Sind Sie der Ansicht, dass die Medien zu wenig über die Situation vor Ort und die drohende humanitäre Katastrophe berichten?
Ja, viel zu wenig. Von vor Ort berichtet kaum noch jemand, weil es zu gefährlich geworden ist. Das verstehe ich. Aber schlimm finde ich, dass viel zu viele Medien weltweit sich inzwischen damit arrangiert haben, dass der Massenmörder Assad an der Macht bleiben wird. Dass dieser Mann Kinder in seiner eigenen Hauptstadt vergast hat, ist so gut wie vergessen. Noch mal, wir werden uns eines Tages für unser Unterlassen in Syrien schämen.

Der westlichen Politik und dem deutschen Außenminister attestiert der Artikel, dass sie die Augen vor den Grausamkeiten verschließen und dazu schweigen. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
An dem falschen Glauben daran, dass Diplomatie Assad von seinem mörderischen Kurs abbringen wird. Daran, dass die Alternativen – militärische Intervention unter der Responsibility to Protect – politisch unbequem sind. Daran, dass die gesamte westliche Politik sich ihr komplettes Scheitern in der Syrien-Frage eingestehen müsste – leider auch moralisch.

In dem Bericht heißt es auch, dass Truppen des syrischen Machthabers Assad und Einheiten des russischen Militärs gezielt versuchen, Journalisten zu ermorden. Können Ihre Korrespondenten vor Ort noch recherchieren, und gibt es überhaupt verlässliche Quellen über die Lage in Aleppo?
Wir haben in Jahren, in denen wir vor Ort waren, ein sehr zuverlässiges Quellennetzwerk aufgebaut. Und wir fahren immer noch hin, wann immer wieder eine Möglichkeit sehen. Ich selber war im Frühling in der Provinz Aleppo.

Welche Rolle sollten Ihrer Meinung nach die Medien in dem Konflikt einnehmen?
Nicht aufhören, auf diese Katastrophe hinzuweisen – egal wie aussichtslos es scheinen mag.

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Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat kürzlich in einem Interview die Bild-Flüchtlingskampagne “Refugees Welcome” kritisiert, weil man sich damit zum “Mitgestalter” statt zum Beobachter mache. Nun machen Sie sich mit der Aufforderung zum Eingreifen in Syrien wieder mit einer Sache gemein, wenn auch erneut mit einer guten. Ist diese Form des Kampagnenjournalismus nicht gefährlich, weil er die Objektivität in der Sache gefährdet?
Ich bin völlig objektiv beim Thema Syrien. Was dort passiert, ist objektiv ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und bewegt sich ganz objektiv auf einen Völkermord zu. Man kann es sich auch leicht machen als Journalist und sich hinter vermeintlicher Objektivität verstecken. Ich meine: Man kann objektiv sein, ohne neutral zu sein. Die Werte, an die ich glaube, erlauben es mir nicht, beim Thema Syrien neutral am Rand zu stehen und zu sagen, dass wir da leider nichts machen können.

Im Fazit des Artikels heißt es, im Fall einer weiteren Eskalation der Situation in Aleppo “muss die Welt zeigen, dass sie bereit ist, die grundlegenden Menschenrechte zu verteidigen. Und dies mit allen vorhandenen und dazu notwendigen Mitteln”. Schließt das für Sie eine militärische Intervention ein?
Ja, darum geht es. Eine Schutzzone für Zivilisten müsste es eigentlich seit Jahren geben. Das fordert inzwischen auch Kanzlerin Merkel.‎ Es gibt Regimes, die lassen sich durch Diplomatie nicht zur Vernunft bringen. Ich bin übrigens auch dafür, deutlich energischer gegen ISIS vorzugehen, nicht nur gegen das Assad-Regime.

Besteht angesichts der Rolle des russischen Präsidenten Putin im Syrien-Konflikt bei einem militärischen Einsatz des Westens oder der Androhung eines solchen nicht die Gefahr einer nicht kalkulierbaren Eskalation auch über die Nahostregion hinaus?
Das russische Vorgehen beruht nachweisbar auf dem Konzept, ständig und immer wieder Grenzen auszutesten. Diese Grenzen nicht klar aufzuzeigen, hat bisher zu immer weiterer Eskalation und zu immer mehr Leid geführt, nicht umgekehrt. Die Geschichte beweist, dass nur klare Grenzen im Umgang mit Russland eine Eskalation verhindern können. Der Westen verliert jegliche Glaubwürdigkeit, wenn nicht deutlich gemacht wird, dass ein Vernichtungskrieg gegen zivile Infrastruktur jegliche Grenze überschreitet.

Gibt es bereits Reaktionen von Medien und aus der Politik auf Ihren Appell zum Handeln?
Das Auswärtige Amt hat eine knappe Stunde, nachdem wir online gegangen sind, einen eigenen Appell zur Beendigung der Gewalt veröffentlicht. Das ist wenig, aber immerhin eine Reaktion. Einige Medien haben unser Stück bereits übernommen. Ich hoffe, es werden noch mehr.

 

Das Interview mit Julian Reichelt wurde per E-Mail geführt.

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Alle Kommentare

  1. Wenn man so edle Motive hat und einen solchen Berufsethos vor sich her trägt, warum arbeitet man dann für BILD? Das Hetzblatt Nr. 1, das Auflage/Profit vor Menschlichkeit stellt, möchte jetzt ein Hort des objektiven Journalismus sein? Alles schon vergessen? Sieht keiner richtig hin? Da steckt eher eine hochbezahlte Image-Agentur dahinter als ein Kulturwandel. Herr Reichelt sollte sich für seine Verlogenheit schämen. Als Springer-Rekrut glaubt er sicher sogar an das, was er sagt.

  2. Als in dem vergangenen drei Jahren über eine Millionen Menschen, Sunniten, Schiiten, Christen, Kurden,Alawiten… in den Westteilen Aleppos von den “Freiheitskämpfern” eingeschlossen wurden schweigten die Medien hierzulande, weil diese Menschen dem “Regime” nahestehen.

    Drei Jahre gabs nur die Versorgung aus der Luft und durch Schmuggler, aber die wahren Syrer haben Standhaftigkeit bewiesen, nun wird Aleppo vom Süden her über eine Autobahn versorgt und Rebellen, die nichts mit der Al-Nusra zu tun haben wollen werden auch nicht angegriffen.

    Die Angriffe der Syrischen Armee auf die “Castello”-Straße erfolgen übrigens Hand in Hand mit den vom Westen unterstützen, kurdisch geführten Syrian Democratic Forces und der Russischen Luftwaffe…

    Sowohl die SDF als auch die Regierungs-Viertel von Aleppo werden mit sogenannten Hellfire-Fässern bombardiert, diese werden mithilfe von Artillerie, welche in der Nähe von Schulen, Krankenhäusern oder Moscheen aufgebaut werden, auf die Zivilisten in den Kurden (Scheich Misqud) und christlichen Viertel (Midan) gerichtet.

  3. Bild berichtet nicht objektiv, sondern einseitig und selektiv über Syrien. Kein Wunder, dass manche „Durchblicker“ schon in Assad und Putin die Guten vermuten. In einem Bürgerkrieg eine Seite für die Guten zu erklären, ist aber fast immer falsch.

  4. Bei allem Respekt vor Herrn Reichert: er müsste was Aleppo betrifft es nicht nur besser wissen, sondern sein Wissen auch weitergeben.
    Assad war auf einem Reformkurs. Nachweisbar für Leute die das Land kennen.
    Die Achse des Bösen: ein Konstrukt, Millionen Zivilisten in 3 Ländern zu vernichten.
    Irak: mindestens 1 Mio Tote; von Verletzten und körperlich u. seelisch nicht zu sprechen. Verhungerte Kinder durch Importsperrung Milchpulver IRAK. Sie wissen das Herr Reichelt.
    Wo ist Ihre angebliche Zivilcourage?
    Wer gehört vor das Kriegsgericht in Den Haag ? Nicht die ” Kleinen” aus dem Sudan oder Bosnien!? Da gehören die Grossen hin, die grob fahrlässig Menschen umbrachten. Gegen besseres Wissen. Um sich zu profilieren. Kümmern wir uns um einen guten z.B. Powell, der aus Scham zurücktrat.
    Jetzt kommt Herr Blair wieder aus der Deckung. Er hat vergeblich versucht, ein Buch über seine Schuld zu verhindern.
    Die Nutter der Bomben: ein Horror, wenn man denkt, dass Hiroshima ei Übungsplatz war.
    Ich kenne das Protokoll Oppenheimer, wo genau überlegt wurde, über welcher Stadt Japans die Bombe mit möglichen Auswirkungen abgeworfen wird.
    ZYNISMUS hoch 3.
    Ihr lauwarmer Artikel- Kommentar über Insignien Helmut Schmidt ist ganz gut: aber lauwarm.
    Was hat Herr Schmidt verbrochen- ausser dass ihm die Jugend genommen wurde. Wer Mitläufer war. Warum kein klares Bekenntnis zu Schmidt!? Ohne wenn und aber.
    Frau von der Leyen hatte mit ihren Top- Beratern von Boston Consulting und MacKinsey genug Vorlaufzeit. Jetzt wacht sie aus dem Dornröschen- Schlaf auf.
    Feuert Leute, die unsere Steuergelder kosten. Ist nicht normal.
    Sehr geehrter Herr Reichert: ich bin froh, dass Sie engagiert wurden um nicht nur Braves zu schreiben. Das kann Frau Koch oder wer immer.
    Zeigen Sie klare Kante- schauen Sie sich Alfred Grosser an: zum Beispiel.Journalistische Zivilcourage.
    Mit bestem Gruss
    W.M. Bäume

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