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“Öffentlich-Rechtliche übernehmen die schlechten Angewohnheiten der Privatradios”

Reiner Ussat hat Erfahrungen beim Privatradio zu einem satirischen Roman verarbeitet
Reiner Ussat hat Erfahrungen beim Privatradio zu einem satirischen Roman verarbeitet

Reiner Ussat war lange Jahre Musikredakteur beim Privatradio Antenne Bayern. Mit "Der letzte Song" hat er einen Satire-Roman veröffentlicht, der mitten in der Radioszene spielt. Im Buch wird der Musikredakteur Max Lauschke mit dem Tode bedroht, weil der Sender zu oft Celine Dions "My Heart will go on" spielt. MEEDIA sprach mit Reiner Ussat über den realen Wahnsinn beim Privatradio und darüber, ob es die Öffentlich-Rechtlichen besser machen.

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In Ihrem Buch “Der letzte Song” beschreiben Sie den Alltag bei einem privaten Radiosender als eine Art Vorhölle. Ist es wirklich so schlimm oder haben Sie schamlos übertrieben?

Reiner Ussat: „Der letzte Song“ ist eine Satire, selbstverständlich habe ich schamlos übertrieben. Na ja, vielleicht nicht immer.

Was nervt am meisten? Die immer gleichen Lieder in Dauer-Rotation, Gewinnspiele, bei denen Hörer für dumm verkauft werden oder die Arroganz sogenannter Star-Moderatoren?

Das hält sich die Waage und hängt von meiner Tagesform ab. Die Dauer-Rotation nervt mich immer maßlos. Gewinnspiele scheint es zum Glück kaum noch zu geben. Gute Moderatorinnen und Moderatoren, leider gibt es von denen nicht so viele, sind in der Regel ihren Hörern gegenüber nie arrogant – zumindest nicht solange ihr Mikrofon auf ist.

Privatradiomacher argumentieren gerne mit Hörerzahlen. Ist es nicht so, dass die Hörer das Radio bekommen, das sie verdienen, bzw. möchten?

Klingt hart und stimmt leider. Natürlich sind die Hörerzahlen für Privatsender existenziell wichtig, weil sie sich fast ausschließlich nur durch Werbung finanzieren. Allerdings habe ich in meiner aktiven Zeit als Musikredakteur unzählige Wunschsendungen live betreut, in denen sich die Hörer genau die Songs gewünscht haben, die sie sowieso schon in der Hot-Rotation fast stündlich zu hören bekamen. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen zu sein.

Was ist aus Ihrer Sicht als langjähriger Musikredakteur das Problem mit dem ständigen Testen von Musiktiteln?

Das hängt unter anderem davon ab, in welchen zeitlichen Abständen diese Tests durchgeführt werden und wie seriös die Marktforschungsinstitute arbeiten, was wieder eine Frage des Geldes ist. Kann ich mir wöchentliche Tests leisten, habe ich aktuelle Ergebnisse, die ich schnell umsetzen kann. Im anderen Fall besteht die Gefahr, dass ausgebrannte Titel zu lange im Programm bleiben und deshalb den Sendern die Hörer davonlaufen.

Machen es die Öffentlich Rechtlichen Sender besser?

Nein, im Gegenteil, denke ich. Zum Teil übernehmen sie sogar die schlechten Angewohnheiten der Privaten: kürzen Songs oder schneiden ganze Strophen heraus, bis man den Titel gar nicht mehr erkennen kann; Nachrichten in 90 Sekunden, wie Fastfood serviert; kein Beitrag, auch wenn der noch so interessant ist, über 2:30 Minuten Länge. Die Öffentlich Rechtlichen Sender müssten mehr Nischen und Alternativen zum Mainstream bieten, schließlich haben sie einen Bildungsauftrag zu erfüllen und brauchen durch die Zwangs-Rundfunkgebühren nicht auf Quoten zu achten.

In Ihrem Buch klingt die Erzähler-Figur Max Lauschke regelrecht frustriert. Wieviel von Max Lauschke sind Sie selbst?

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Max Lauschke und ich haben eigentlich nur zwei Dinge gemeinsam: die Freude am Fahrradfahren und ein gutes Glas Rotwein – natürlich nicht zur gleichen Zeit. Spaß beiseite, Lauschke ist genauso wie ich eher ein Außenseiter und Einzelgänger. Er leidet wie ich körperlich darunter den sogenannten Massengeschmack zu bedienen. Er bekommt genauso wie ich Würgegefühle und Hautausschlag, wenn er schutzlos Songs von Bon Jovi ausgesetzt ist.

Wurden Sie schon als “Nestbeschmutzer” von ehemaligen Kollegen beschimpft?

Bis jetzt noch nicht. Im Gegenteil, vielen scheine ich aus der Seele zu sprechen, bzw. geschrieben zu haben.

Gab es eine “gute alte Zeit”, in der beim Radio alles besser war?

Nicht alles, aber einiges schon. Moderatoren durften noch kreativ, spontan  und mutig sein, waren nicht in ein betoniertes Korsett gepresst. Musikredakteure konnten nach ihrem Bauchgefühl entscheiden, ob ein Titel ins Programm passt oder nicht. Die Musikauswahl war vielfältiger. Heute ist alles vorhersehbar, glattgebügelt und langweilig. Hosenscheißer-Radio nannte es mal ein Kollege. Wir freuen uns doch schon riesig über Pannen oder Versprechern von Moderatoren.

Ist nicht vielleicht das Internet eine Chance für ein neues, unangepassteres Radio?

Meiner Meinung nach ist das  Internet-Radio schon jetzt eine gute Alternative und wird in Zukunft besonders bei jungen Hörern noch weiter an Bedeutung gewinnen.

Was müsste sich beim kommerziellen Radio Ihrer Meinung nach ändern, damit es besser wird?

Auf Radio-Seminaren rieten früher Berater den Programm-Machern, einfach von Antenne Bayern abzukupfern, dann könnten sie nicht viel verkehrt machen. Vielleicht sollten die Gesellschafter, also die Besitzer privater Sender, die erzielten Gewinne stärker ins Programm investieren und gute und erfahrene Redakteure einkaufen, die ihr Handwerk verstehen. In vielen Redaktionen arbeiten fast nur noch Volontäre und Praktikanten. Meiner Meinung nach hat das oft gescholtene Privatradio, trotz aller Kritik, die Öffentlich Rechtlichen Sender, mit ihren verbeamteten Mitarbeitern, aus einem tiefen, langen Winterschlaf erweckt und frischen Wind in die verstaubten Studios geweht. Außerdem hat das Privatradio fantastische Leute hervorgebracht. Viele meiner Ex-Kollegen von Antenne Bayern arbeiten heute bundesweit in Spitzenpositionen dieser Sender oder im Fernsehen, wie Katrin Müller-Hohenstein (ZDF “Sportstudio”), Anja Reschke (ARD “Panorama”), Karen Webb (ZDF “Leute heute”), Claus von Wagner (ZDF “Die Anstalt”) oder sind erfolgreiche Filmregisseure geworden, wie Ralf Westhoff (“Shoppen”) um nur einige zu nennen. Alles Leute, die ihr Handwerk beim Privatradio erlernt haben!

Die Fragen an Reiner Ussat wurden via E-Mail gestellt.

Sein Roman “Der letzte Song” ist bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen und kostet 9,99 Euro.

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Alle Kommentare

  1. “Meiner Meinung nach hat das oft gescholtene Privatradio, trotz aller Kritik, die Öffentlich Rechtlichen Sender, mit ihren verbeamteten Mitarbeitern, aus einem tiefen, langen Winterschlaf erweckt und frischen Wind in die verstaubten Studios geweht.” – “Zum Teil übernehmen sie sogar die schlechten Angewohnheiten der Privaten.” – “Die Öffentlich Rechtlichen Sender müssten mehr Nischen und Alternativen zum Mainstream bieten.”

    Aha. Wurden geweckt, frischer Wind in Form von schlechten Angewohnheiten der Privaten, sollen doch lieber wieder wie vorher sein.

    Logik? Nunja, ein Privatradioschriftsteller halt.

  2. Letztmalig hörte ich das NATO/ WDR2 Mittagsmagazin, als so eine Laber- Steffi die Hörer animierte, ihr 8 der letzten 10 beknackten Sommerhits durchzusagen. Irgendein Dreckskonzert- veranstaltet von ihrem Dudelfunk- könne man als Sieger besuchen. Die Laber- Steffis schaffen in einer Woche weniger Inhalt als einst Klausjürgen Haller und Marcel Pott (Libanon damals) in einem Gespräch.

  3. Wortbeiträge mit einer Länge von 2:30 Minuten sind im Privatradio Seltenheit, eher 1:30 Minuten. Da lobe ich den Bürgerfunk in NRW, der in dieser Beziehung kein Limit hat, wenngleich sich die Hobbyfunker meist an eine Beitragslänge von 2:30 bis 3:00 Minuten orientieren. Trägt sich das Thema, dann wird ein Beitrag gesplittet, z.Bsp. in 2 oder 3 Teile.

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