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Ohne Maß und Mitte – warum das verbale Foulspiel des Mehmet Scholl so sehr irritiert

Mehmet Scholl
Mehmet Scholl

Für ein Aufregerle in Fußball-Deutschland sorgte der ARD-Analyst Mehmet Scholl nach dem gewonnenen Spiel der deutschen Nationalmannschaft am Samstag gegen Italien. Scholl meckerte nach dem Spiel an der Taktik des deutschen Trainerstabs. Warum nur polarisiert Scholl so sehr, wenn er sich denn mal aufrafft, hart zu kritisieren? Ein Erklärungsversuch.

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Es soll hier gar nicht darum gehen, ob Scholl mit seiner Kritik an der Dreierkette beim Deutschland – Italien Spiel recht hatte oder nicht. Auch andere TV-Kommentatoren und Analysten kommentieren hart und polarisierend aber nur bei Scholl gibt es einen kollektiven Aufschrei, wenn er denn mal harte Worte wählt.

Das war bei der EM 2012 so, als er über den Stürmer Mario Gomez sagte: „Er hat ein Tor geschossen, das war’s aber auch.“ Und anschließend darüber philosophierte, er habe zeitweise Angst gehabt, Gomez hätte sich wundgelegen und man hätte ihn wenden müssen. Das Echo war damals mindestens so groß wie diesmal, als Scholl nach dem durch Elfmeterschießen gewonnenen Spiel den Trainer-Berater Siegenthaler ins Visier nahm: „Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen…“, so Scholl wild gestikulierend nach dem gewonnenen Spiel.

Damals wie heute reagierte der Deutsche Fußball Bund verärgert, bezeichnete Scholls Einlassungen als „unmöglich“. Dass der ZDF-Experte Oliver Kahn derart aneckt, ist nicht bekannt. Auch Fußball-Analyse-Monster Günther Netzer hielt seinerzeit nie mit harter und härtester Kritik an der deutschen Mannschaft und/oder Trainern hinter dem Berg – es gab aber keinen Aufstand gegen seine Äußerungen.

Warum also bei Scholl? Ist es nicht sein Job, Kritik, auch harte Kritik, zu üben und einen eigenen Kopf zu haben? Die Antwort fällt nicht ganz leicht.

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Natürlich ist es der Job eines TV-Analysten, das Spiel, die Mannschaft und den Trainerstab zu kritisieren. Das Problem bei Mehmet Scholl ist nur, dass seine Groß-Kritiken gleichsam wie aus heiterem Himmel zu kommen scheinen. Vor dem Spiel hielt sich Scholl mit drastischer Kritik noch zurück. Nach dem Spiel war er hoch emotionalisiert offenbar der Meinung, dass er es vorher besser gewusst hätte. Scholl kritisiert extrem hart in einer Situation, in der es für die deutsche Mannschaft prinzipiell gut gelaufen war. Das Spiel gegen Italien wurde letztlich gewonnen. Mit Schwierigkeiten zwar, aber dass es gegen Italien schwer werden würde, war nun ja auch nicht sehr verwunderlich. Und 2012 ging Scholl Mario Gomez ebenfalls sehr hart an, obwohl der als Stürmer geliefert, also ein Tor geschossen, hatte.

Hinzu kommt, dass in beiden Fällen Scholls Kritik unsachlich, beleidigend und hoch emotional verpackt ist. Die Formulierungen „wundgelegen“ und der polemische Ratschlag an „den Herrn Siegenthaler“ zielen nicht auf den Kopf, sondern in die Magengrube. Wenn man so will ein verbales Foulspiel. Das wäre einem Günther Netzer, nie über die Lippen gekommen. Zumal dessen Sachkenntnis auch über Zweifel erhaben war. Eine Rolle mag auch spielen, dass Scholl und DFB-Manager Oliver Bierhoff 1996 beide in der Nationalmanschaft Europameister wurden und es da womöglich gewisse Binnen-Rivalitäten gegeben haben mag.

Ein weiterer Faktor ist, dass solche Verbalausbrüche so selten vorkommen, dass sie automatisch Ereignischarakter haben. Wäre er stets auf 180 und würde andauernd die Verbalkeule schwingen, hätte man sich womöglich daran gewöhnt. Der Scholli-Stil ist es aber eher, bereits Gesagtes eher uninspiriert zu wiederholen oder auf Plattitüden herumzureiten („Italien ist ein unangenehmer Gegner.“). Umso mehr sticht es dann heraus und irritiert es, wenn er aus dem Immergleichen ausbricht und einen Versuch der Großkritik unternimmt, dabei aber weder Maß noch Mitte kennt.

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Alle Kommentare

  1. Auch wer Scholls Kritik hart (aber fair) findet, wird ihm recht geben. Als Löw 2012 gegen Italien Podolski brachte wunderte sich jeder und selbst der Bundestrainer hat im Nachhinein auf seine Weise seine Fehleinschätzung zugegeben. Scholl schaute noch etwas weiter nach hinten. Es gibt die nicht dementierte Überlieferung, dass 2014 in Brasilien Mannschaft und Löws Asisstenten dazu überreden mussten, endlich wieder einen Mittelstürmer zu benennen, statt mit dem ewigen TikiTaka den Balls ins Tor zu tragen, auch mal schie0ßen, Standards einüben, Ecke und Freistösse als Torchancen zu nutzen. Damit wurde mal dann auch Weltmeister. Also: Scholl hat recht – Bierhof & Co sinbd einfach nur beleidigt. Im Grunde wiessen sie es auch.
    Noch ein Satz: wenn die Heroen Müller und Schweinsteiger ihre Elfer so jämmerlich verballern und auch Özil wieder vergibt . . . macht man sich schon Gedanken.

    1. Ihren letzten Satz verstehe ich nicht. Welche Gedanken denn?

      Schon Mal ein Elfmeterschießen bestritten? Da wird selbst im Kreispokal das Tor winzig und der Torwart ein Riese. Wie 1974 Breitner so schön sagte: “Alle hatten die Hosen voll, nur bei mir liefs flüssig”

      1. @arteist: um die wirkliche Qualität der hochgejubelten, hochbezahlten, Berufssportler

  2. So, jetzt ist es soweit – gestern Söder, heute Scholl.

    Jetzt darf man noch nicht mal mehr im (oder zum) Fußball seine Meinung sagen, ohne das es entweder ins politische gezogen werden soll (Söder) oder Kratzen am Denkmal Löw (Scholl) auch schon “strafbar” wird.

    Und warum? – Nicht etwa weil Scholl unrecht hätte (das hat er meiner Meinung nach nicht), sondern, weil er es angeblich nicht betulich genug gesagt:

    “Die Formulierungen „wundgelegen“ und der polemische Ratschlag an „den Herrn Siegenthaler“ zielen nicht auf den Kopf, sondern in die Magengrube. Wenn man so will ein verbales Foulspiel.”

    Na ja, zumindest mit letzterem kennen unsere Medien sich ja nun erwiesenermaßen “bestens” aus. – In jeder Hinsicht.

  3. Tja, Erfolg gibt Recht und somit kann sich Löw doch entspannt zurücklehnen……

    Ich mag die Analysen von Scholl und auch diese emotionalen Ausbrüche. Und wenn Herr Winterbauer es bemängelt das diese Ausbrüche so selten und unvermittelt kommen, so finde ich das gerade gut. Nimmt doch keiner Ernst wenn da jedes Mal einer auf dem Tisch rumtanzt.
    Scholl ist da ganz Fußballfan und hat die Plattform die sich so mancher Stammtischbundestrainer wünscht. Schließlich wissen wir es doch alle besser als Löw und in jedem Wohnzimmer ging genau diese Taktikdiskussion schon vor dem Anpfiff los…..btw. mich hat die Ausrichtung auch aufgeregt…;-) . Für Ausgewogenheit sorgen und als netter Stichwortgeber agieren, das kann doch Delling übernehmen.

    1. Welcher Erfolg? Ich finde, man sollte sich einmal vergegenwärtigen, daß Deutschland das Spiel NICHT gewonnen hat, es ging unentschieden aus und wird auch als solches gewertet. Bei der Feststellung, wer eine Runde weiter kommt, d.h. im Elfmeterschießen (das als solches eben nicht mehr zum Spiel gehört), hatte Deutschland mehr Glück. Die Serie, daß Deutschland noch nie in einem K.O.-Spiel gegen Italien weiterkam, ist beendet, aber Deutschland hat immer noch nicht gegen Italien in einem Turnier ein Spiel gewonnen.

      1. @Arteist: Lass dem Lino doch seinen italienischen Strohhalm, an den er sich gerade klammert 😉

  4. Wahrscheinlich ist es einfach nur Scholls Kalkül, mit gelegentlichen Tiefschlägen für Aufmerksamkeit zu sorgen und sich so den Kommentator-Job zu sichern. Immerhin wird recht viel darüber berichtet und gesprochen – und das scheint seinen Marktwert zu steigern. Sympathisch muss man das nicht finden, da er mit seinen “Opfern” nicht gerade fair umgeht. Mich würde ja interessieren, was Scholl heute zur Renaissance des echten Mittelstürmers a la Gomez oder Giroud oder Pellé sagt, nachdem sich das spanische Tiki-Taka totgelaufen hat …
    Ich als Couch-Kommentator “fordere” von Jogi, gegen Frankreich nicht auf einen kleinen Techniker wie Götze als zentralen Angreifer zu setzen, sondern statt dessen Müller in die Mitte zu stellen (vielleicht klappts ja dann mal mit einem EM-Tor), Drachsler versetzt dahinter auf links und Götze auf rechts. Özil bleibt selbstredend auf der 10, ich sehe ihn von Spiel zu Spiel stärker – bloß Elfer darf er keine mehr schießen …

  5. Mehmet Scholl ist der “Wutbürger” des Fußballjournalismus!

    Ich finde das super!

    Erstens hat er recht und zweitens ist es höchste Zeit, das mal jemand dem “großen” Jogi Löw an´s Bein pinkelt… so gut ist der nicht, der hat nur viel Glück gehabt!

    Ein Öööziehl ist nur einmal kein Ronaldo und das wird er auch nicht!

    Müller trifft so oft daneben, das ist kein Pech, das ist Unvermögen!

    Wir haben so viele gute Spieler und Talente, warum müssen es gerade DIE sein….?

    WARUM?

    1. “Wir haben so viele gute Spieler und Talente, warum müssen es gerade DIE sein….?”

      Weil sie zu den Besten in Deutschland zählen. Schon vergessen, dass Thomas Müller in den beiden vergangenen WMs mit jeweils fünf Toren bester deutscher Scorer war und gerade eine sehr gute Saison hinter sich hat? Jeder Offensivspieler (außer vielleicht Gerd Müller) hatte schon mal seine Ladehemmungen, die musste man auch einem Rudi Völler oder Miro Klose zugestehen. Und Özil hat gegen Italien einfach klasse gespielt, nicht nur wegen seines Tors, sondern auch wegen seiner vielen wichtigen Ball-Rückeroberungen im Gegenpressing. Wenn Sie mir ein deutsches Talent nennen können, dass diese beiden ohne wenn und aber ersetzen kann, sollten Sie sich direkt auf Jogis Nachfolge als deutscher Bundestrainer bewerben 😉

  6. Wer spricht heute noch über die Millionengage der ARD für Scholl…niemand mehr,also alles richtig gemacht Herr Scholl,so lenkt man von sich selber ab.

  7. Geht normalerweise nicht, muss aber offenbar sein, weil in den bisherigen Kommentaren dieser Aspekt fehlte: Was würden all die Verteidiger der Löwschen “Strategie” sagen und schreiben, wenn das Elfer-Schießen zu Gunsten der Italiener ausgegangen wäre? Würden Sie sich nicht den Bundesjogi vornehmen? Insofern: Mein lieber Scholli kriegt zwar viel zu viel Knete aus dem zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Topf: aber er hat Recht! Für die monitären Bonbons muss er die Kritik schon aushalten. Zahle man ihm noch ein Eis, das kühlt (auch) das Gemüt.

  8. Einmal mehr traurig, dass der Kritiker Scholl für einen zwar polemisierten aber sachlich durchaus vertretbaren Einwand an den Pranger gestellt wird. Ganz ähnliche Positionen hat doch auch die Beckmann-Runde und der Doppelpass vertreten. Wüsste nicht, dass sich dort einer rechtfertigen musste. Und wenn ich sehe wie das Ganze teils auch noch in die Honorardiskussion gezogen werden soll: peinliche Neid-Diskussion.
    Ich fand Scholl witzig, gerade weil er überzogen hat. Wer sich drüber ärgert soll es tun. Und ganz ehrlich: Natürlich war das deutsche Spiel nicht überzeugend. Und wenn das Elferschießen anders ausgeht … hat Scholl natürlich recht gehabt 🙂 so ist das heute …

  9. Scholl tut so als habe er den Fußball erfunden, Kritik ja aber er polarisiert nur noch und ich denke er ist bei der Nati nicht nah genug dran !
    Außerdem braucht er echt einen Typberater sollte mal mit Olli sprechen !

  10. Was für einen “Experten” möchte der Autor denn haben?
    Einen der bei Erfolg nur lobpreist und bei Mißerfolg draufhaut?

    Wir sollten froh sein das jemand auch im Erfolgsfall öffentlich den Zeigefinger erhebt, kritisiert und seine persönliche Meinung kundtut, die in diesem Fall scheinbar nicht mit dem Mainstream vereinbar scheint.

    Ich fand die Kritik Scholls korrekt und im Rahmen.

    1. Wenn man die dumme deutsche Eigenart, Personen nicht persönlich beim Namen zu benennen , weiter aufrecht erhält, sorgt man nur dafür , das die Menschen , die sich zu Recht, die Kritik hinter die Löffel schreiben sollten, ihre Verantwortung und ihr Versagen immer wieder auf die ganze soziale Gruppe, sei es Sportmannschaft oder Marketingteam oder welche auch immer, abwälzen können, frei nach dem Motto , es war ja nicht ich. In letzter Konsequenz leidet dann langfristig der mögliche Erfolg der ganzen sozialen Gruppe. Außerdem ist die aus angeblichen Gründen der Höflichkeit eingeführte vermaledeite Unsitte , zu glauben zur Kritik seien Namen doch bitte zu verschweigen, nichts anderes als Feigheit gegenüber dem Kritisierten. Denn wenn sich dann ein Kritisierter vielleicht zu Recht zur Wehr setzt, wird ihm dann auch noch die Chance genommen, weil der Kritiker ja dann verlogenerweise behaupten kann, er hätte den Kritisierten ja nicht gemeint. Noch dazu wird so auch Kritik geübt ,an allen Mitgliedern der ganzen sozialen Gruppe. Das ist , auch wenn es keiner hören und in Deutschland offensichtlich immer noch viele Menschen nicht begreifen wollen, nichts anderes als die Aufrechterhaltung der übelriechenden nationalsozialistischen Sippenhaft. Soviel zu den “Standards” der deutschen “Höflichkeit”. Es lebe Mehmet Scholl

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