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Ein Jahr Apple Music und noch immer verloren im Interface-Chaos

Uneingelöstes Versprechen: CEO Tim Cook bei der Ankündigung von Apple Music
Uneingelöstes Versprechen: CEO Tim Cook bei der Ankündigung von Apple Music

Tatsächlich: Ein Jahr ist es schon her, dass Apple seinen Streaming-Service Apple Music mit hohen Erwartungen auf Nutzer mit einem großzügigen Testzeitraum von drei Monaten losließ. Zwölf Monate später sind immerhin 15 Millionen von ihnen zahlende Kunden geworden. Doch eine Erfolgsstory ist Apple Music noch lange nicht: Der Streaming-Dienst aus Cupertino hakt an allen Ecken und Enden. Vor allem das indiskutable Interface ist für Nutzer eine Zumutung.

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Es sollte die Wiederbelebung einer der größten Erfolgsstorys sein, die Apple in der Ära unter Steve Jobs gelungen war: iTunes. Nach all den Hardware-Erfolgen, die Apple in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten verbucht hat, wird gern vergessen, wie bedeutend das Trojanische Pferd iTunes einst war, um dem iPod und später dem iPhone den Weg zu ebnen – ohne Musik, Videos und später Apps wären die schicken Apple-Geräte schließlich nichts als nutzlose Schmuckstücke.

Zehn Jahre lang verzeichnete der Goldesel iTunes bei den Musik-Downloads immer weiter anziehende Absätze, dann spürte auch Apple den Streaming-Effekt. Vor allem junge Nutzer wendeten sich von Steve Jobs’ fester Überzeugung ab, Musik zwangsläufig besitzen zu müssen, wenn eine Flatrate den unbegrenzten Zugang zu einem gigantischen Musikarchiv lieferte.

Apple Music – ein unausgegorenes Angebot, das nicht das Gütesiegel Cupertinos trägt

Im vergangenen Sommer zog auch Apple nach mehrjähriger Planung nach und integrierte die Streaming-Plattform des zugekauften Kopfhörer-Herstellers Beats. Das Ergebnis hieß Apple Music – und entgeisterte selbst eingefleischte Apple-Fans wie Jim Dalrymple.

Auch zwölf Monate später erscheint kaum vorstellbar, dass Apple Music tatsächlich von Apple stammt, so unausgegoren und unübersichtlich ist das Angebot. Es beginnt mit einem Interface, das es versäumt hat, die bestehende Bibliothek, die sich Nutzer im vergangenen Jahrzehnt in akribischer Feinarbeit aufgebaut haben, sinnvoll mit dem neuen unbegrenzten Streaming-Angebot zu kombinieren.

Die sechs Reiter – „Meine Musik”, „Für dich“, „Neu“, „Radio“, „Connect” und „iTunes Store“ – machen es dem Nutzer nicht gerade leicht, sich  zurechtzufinden: Während „Für dich“, „Neu“, „Radio“, „Connect“ in die Streaming-Umgebung führen, können im iTunes Store wiederum neue Downloads kostenpflichtig heruntergeladen werden, während „Meine Musik“ den Zugriff auf das altbekannte Musikarchiv bieten soll.

Völliges Chaos in der iTunes-Bibliothek

Hier jedoch fängt das Problem an: „Meine Musik“ bildet nicht das altbekannte iTunes in der Form ab, wie Nutzer es am 29. Juni 2015 verlassen haben. Schon der Untermenüpunkt „Zuletzt hinzugefügt“  zeigt einen wilden Mischmasch an Downloads und Importen an, die viele, viele Jahre zurückliegen. Tatsächlich tauchen sogar Alben auf, die ich nie gekauft habe. „Pure 90’s“ finde ich da: So ein Album habe ich weder in den 90ern als CD noch später als Download erworben – das Album erscheint offenbar, weil einzelne Singles aus meinem Archiv gefunden wurden, die zu dem Album passen.

Und es kommt noch schlimmer: Unter den „kürzlich hinzugefügten Songs“ tauchen gebündelt lustigerweise sogar einige Interview-Files auf, die ich mit dem iPhone in den Nullerjahren als Sprach-Memo aufgenommen habe. Das Chaos ist maximal perfekt, die altbekannte Chronologie der zuletzt hinzugefügten Songs hat das Update auf Apple Music zerstört.

Die Suche, bei der immer penibel genau angeklickt werden muss, ob ich nun im eigenen Archiv (und wenn ja: in welchem Bereich – zuletzt hinzugefügt, Interpret, Alben oder Titel) oder bei Apple Music suche, vervollständigt die Verwirrung. Bei meiner Suche nach ‘Bruce Springsteen’  fehlen teilweise Alben-Cover (bzw. werden sogar falsch zugeordnet), die Anordnung ist weder chronologisch noch in der Reihenfolge, in der sie importiert wurden, noch alphabetisch, sondern wohl schlicht Glückssache.

Was ebenfalls nervt: Ausgekoppelte Singles fehlen oft in Alben und werden als Einzelsingles aufgeführt. Ebenso wenig hilfreich ist die kleinliche Unterteilung nach Künstlernamen: Bruce Springsteen & The E-Street Band muss ich gesondert suchen. Dasselbe Problem wiederholt sich natürlich bei Prince, The Artist, The Artist formlerly known as Prince, TAFKAP…

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Apple Music bietet kaum Mehrwerte: Verzichtbare und versteckte Playlisten

So weit, so schlecht für das bisher bekannte iTunes-Umfeld. Leider jedoch bietet auch Apple Music abgesehen vom Musikarchiv über 30 Millionen Songs wenig Argumente, die ein monatliches Abo für mindestens 9,99 Euro rechtfertigen: Das von Redakteuren kuratierte Angebot „Für dich“ hat mir im ersten Jahr sehr wenige Wiederentdeckungen und noch weniger Neuentdeckungen beschert. Die Auswahl der Playlist „Jay-Z für Kenner“ dürfte echten Fans etwa genauso wenig Neues bieten wie die „2000er Jahre“ von Mary J. Blige. „Für dich“ ist nicht mehr als ein nett gemeinter Versuch, Songs von bekannten und geschätzten Künstlern neu aneinanderzureihen.

Noch enttäuschender fällt indes der Neuheiten-Bereich („Neu“) aus, der viel zu selten Neuveröffentlichungen anbietet (was mehr auf die Musikindustrie als auf Apple zurückfällt) und interessante Playlisten ziemlich versteckt anzeigt – erst auf der dritten Unterseite ist die abspielbare Musik tatsächlich zu finden (etwa: Playlist von Apple —> R&B —> Drake vs. The Weeknd).

Die Auswahl wirkt zudem oft sehr bemüht: „Playlisten für alle Fälle“ führen zu möglichen Anlässen wie  „Aufwachen“, „Duschen“  oder „Herzschmerz“ und dann etwa zu Empfehlungslisten wie  „Durch den Wald“,  „Rosarot“ oder „Verschmierter Eyeliner“ (Beschreibung: „Wenn du von Innen zerrissen bist, tauche ein in dieses melancholische Bad aus Tränen“). Dafür hat Apple also Redakteure eingestellt: Um ein bisschen zu klingen wie Cathy Hummels.

Videos fehlen, Radio-Angebot verzichtbar, Künstler-Feature Connect ist Ping 2.0

Auch im sonstigen Angebot kann Apple Music nicht punkten: Musikvideos sind oft unvollständig und so schlecht sortiert, dass Apple Music als Vevo-Alternative nicht annähernd in Frage kommt. Der Bereich Radio, der sogar einen eigenen Reiter bekommen hat, ist unübersichtlich und gerät trotz Highlights wie Beats 1 schnell wieder in Vergessenheit, während Apple mit seinem Social Media-Feature Connect erstaunlicherweise den Ping-Fehler wiederholt – die Ansammlung von Künstler-Posts ist genauso eine Totgeburt wie Apples Musik-Social Network vor sechs Jahren.

Bleibt das Streaming-Ärgernis für mobile Nutzer. Das Feature, mit Apple Music Songs immer und überall aus der Cloud laden zu können, erweist sich tatsächlich als Scheinfreiheit – schließlich kostet das mobile Streamen ohne WLAN-Verbindung ja Datenvolumen, wenn das Netz denn überhaupt ausreichend zur Verfügung steht. Abhilfe schafft der Download von geschätzter Musik („offline verfügbar machen“), der wiederum Speicher und Zeit schluckt.

Apple Music – ein fragwürdiger Hoffnungsträger für die iTunes-Sparte

Am Ende ist Apple Music in seiner Version 1.0 fraglos das größte Flickwerk, das sich der wertvollste Konzern der Welt seit dem vollkommen verpatzten MobileMe-Launch 2008 geleistet hat. Dass es hinter den Kulissen gehörig zwischen Internet-Chef Eddy Cue und Beats-Gründer Jimmy Iovine gekracht haben soll, ist da keine Überraschung.

Immerhin: Auf der WWDC hat Apple mit dem Feelgood-Auftritt von Bozoma Saint John unlängst Besserung gelobt, die jedoch erst im Herbst mit dem Relaunch zu besichtigen sein wird.

Eine gehörige Portion Skepsis erscheint weiter angebracht: Dass Apple mit gelungener Software schließlich ein notorisches Problem hat, ist keine Neuigkeit. Dass Apple die Internet-Servicesparte nicht zuletzt wegen der anziehenden Apple Music-Abonnentenzahlen allerdings zum Hoffnungsträger hochzujazzen versucht, mutet am bitteren ersten Geburtstag vom Apple Music wie ein Treppenwitz an…

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Alle Kommentare

  1. …sehr treffender Beitrag.
    Apple music hängt noch an allen Ecken und Enden – mein persönlicher Grund, wieder zu Spotify zu wechseln!

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