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Die fünf ungelösten Probleme des neuen Digital-Bezahlangebots Spiegel Plus

Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms, neues Bezahlmodell Spiegel Plus: Gerüchte über angeblich bevorstehende Demission sorgen für Unruhe

Nach „monatelangen Vorbereitungen“ ist gestern Spiegel Plus an den Start gegangen. Das lange angekündigte, gemeinsame digitale Pay-Angebot von Spiegel und Spiegel Online. Auch wenn der Schritt hin zu mehr Bezahl-Inhalten Sinn ergibt, das neue Spiegel-Plus-Angebot wirft zum Start noch viele Fragen auf. MEEDIA identifiziert fünf grundlegende Probleme von Spiegel Plus.

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1. Das Spiegel-Markenwirrwarr regiert weiter

Es geht damit los, dass Spiegel Online und Der Spiegel weiter als zwei getrennte Marken geführt werden. Nun werden also Inhalte vom Heft Der Spiegel und spezielle Inhalte von Spiegel Online hinter einer gemeinsamen Pay-Schranke für 39 Cent pro Stück verkauft. Statt ein Pay-Angebot aus einem Guss bekommen wir hier zwei Angebote in einem. Dazu passt, dass es auch zweier Chefredakteure bedarf, die das neue Angebot gemeinsam erklären. Je einer für Print und einer für Online.

2. Laterpay ist keine überzeugende Lösung für Bezahlinhalte

Das bei Spiegel Plus eingesetzte Laterpay ist als Anbieter für Bezahlinhalte schon eine ganze Weile auf dem Markt und bleibt den Beweis, dass es zu signifikanten Erlösbeiträgen führt, bislang schuldig. Einige wenige Medien experimentieren mit Laterpay, wie zum Beispiel die Hamburger Morgenpost schon seit Herbst 2014. Ohne nennenswerte Erfolge. Der Blogger und Journalist Richard Gutjahr war einer der Ersten, die Laterpay einsetzten und promoteten. Seine Bilanz fiel nach sechs Monaten auch eher gemischt aus. Beim stern entschied man sich nach anfänglicher Begeisterung ganz gegen den Einsatz von Laterpay. Das Prinzip des digitalen Bierdeckels (man zahlt bei Laterpay erst, wenn eine Gesamtsumme von mindesten fünf Euro erreicht ist) leuchtet auf den ersten Blick ein, die bisherigen Erfahrungen zeigen aber, dass Nutzer Laterpay eher schlecht annehmen.

3. Der Spiegel ist fürs Digitalgeschäft zu langsam

Dass ein Produkt wie Spiegel Plus monatelang vorbereitet worden sein soll, wie Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms in der Pressemitteilung verkündete, mutet grotesk an. Der Name Spiegel Plus liegt auf der Hand und ist durch Bild Plus schon in den Markt eingeführt. Dazu nutzt man mit Laterpay die vorhandene technische Lösung eines Drittanbieters. Ein solches Produkt hätten die Spiegel-Leute schon vor Monaten starten können. Hier hat der Spiegel wertvolle Zeit verloren. Die Vermutung liegt nah, dass es im Haus immer noch interne Prozesse und Abstimmungsprobleme gibt, die Entscheidungen verschleppen. Langsamkeit ist im Digitalgeschäft aber keine Tugend, zumal die Langsamkeit im vorliegenden Fall noch nicht einmal ein besonders ausgefeiltes Produkt hervorbringt. Der Spiegel braucht stattdessen „monatelange Vorbereitungen“, bevor er „eine Phase des Experimentierens, Messens und Lernens“ beginnt, wie es in der Pressemitteilung heißt. Eigentlich ein Armutszeugnis.

4. Spiegel Plus hat ein Usability-Problem

Beim Branchenticker turi2 haben sie geschrieben, dass Print-Abonnenten des Spiegel Spiegel Plus für 50 Cent Aufschlag unbegrenzt nutzen können. Da haben die Kollegen was durcheinander gebracht, denn für 50 Cent Aufschlag können Print-Abonnenten des Spiegel das Digital-Angebot des Magazins Der Spiegel unbegrenzt nutzen. Und das ist natürlich was ganz anderes als Spiegel Plus. Man kann sich in der digitalen Bezahl-Welt des Spiegel aber schon ein wenig verlaufen. Wer schon ein Digital-Abo vom Heft Der Spiegel hat, muss sich gesondert einloggen, wenn er bei Spiegel Plus nicht doppelt zahlen will, denn der digitale Spiegel und Spiegel Plus nutzen – natürlich – zwei unterschiedliche Zahlsysteme. Und wenn Sie beim Digital-Kiosk Blendle oder bei Pocketstory auf einen Spiegel-Artikel stoßen – bitte nicht draufklicken. Da zahlen Sie nämlich extra, auch wenn Sie schon Spiegel-Digital- oder -Print-Abonnent sind oder den Artikel bei Spiegel Plus über Laterpay gekauft haben. Alles klar? (Update: Bei Blendle bietet die Software die Möglichkeit, bestehende Digitalabos mit dem Blendle-Account zu verknüpfen. Man findet die Funktion über Einstellungen, Abonnements.)

5. Das Wichtigste: Es fehlt eine klare Vorstellung, wo der Spiegel digital hin will

Bislang hat noch kein Verlag den goldenen Weg gefunden, wie das mit den digitalen Inhalten und dem Bezahlen klappt. Es wird viel experimentiert und ausprobiert. Das muss – bei allen bislang aufgezeigten Defiziten – auch dem Spiegel Verlag zugestanden werden. Viel schwerer als die beschriebenen Probleme mit Spiegel Plus wiegt aber, dass beim Spiegel keine klare Vorstellung erkennbar ist, was das Haus digital eigentlich erreichen will. Alle Digital-Bemühungen wirken schnell gestrickt. Mit dem einzigen Ziel, möglichst schnell möglichst viel an Vertriebserlösen einzunehmen, damit die rückläufigen Print-Umsätze aufgefangen werden. Die Leute sollen online irgendwie für irgendwas zahlen, wo Spiegel oder Spiegel Online draufsteht. Weil: Das ist ja Qualität. Das ist pure Not und kein schlüssiges Konzept. Wie es anders geht, macht die Bild mit ihrem Bild Plus Modell vor. Auch hier wird experimentiert, gelernt und angepasst. Auch hier ist noch nicht klar, ob das Modell zum Erfolg führen wird. Aber es gab von Anfang an eine klare Stoßrichtung. Bild und Bild.de werden konsequent als eine Marke geführt. Es gibt ein nachvollziehbares Preis-Modell. Mit den Fußball-Clips wurde ein Mehrwert für zahlende Abonnenten geschaffen. Dass diese Fußball-Clips am Ende gar nicht entscheiden, ob jemand ein Bild Plus-Abo abschließt, ist eines der Learnings mit dem die Bild-Leute ihr Angebot weiter anpassen. Bei der Bild spürt man regelrecht die Begeisterung und die Lust, sich aufs Digitale einzulassen. Beim Spiegel wirken die Digital-Bemühungen wie ein kraftloses „jetzt müssen wir halt auch was machen“. Diese Einstellungen sieht man den Produkten durchaus an.

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