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Jeden Tag eine gute Journalisten-Tat: Warum Perspective Daily seinem hohen Anspruch (noch) nicht gerecht wird

Die Perspective-Daily-Günder Maren Urner, Han Langeslag (re.) und Physikochemiker Bernhard Eickenberg. Es fehlt: Felix Austen
Die Perspective-Daily-Günder Maren Urner, Han Langeslag (re.) und Physikochemiker Bernhard Eickenberg. Es fehlt: Felix Austen

Wer nur über Probleme berichtet, wird die Welt nicht besser machen. Auf dieser Überzeugung basiert das jetzt gestartete Themen-Portal Perspective Daily. Mit Constructive Journalism will das Startup um die Gründer Maren Urner, Han Langeslag, Bernhard Eickenberg und Felix Austen stattdessen Lösungsansätze liefern. Doch die ersten beiden Stories werden dem hohen Anspruch nur bedingt gerecht.

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Positives Denken, konstruktive Kritik und die tägliche “Dosis Perspective Daily” zu den oft negativ geprägten Berichten der Nachrichten. Seit Dienstag ist das Startup nun online. Wer allerdings erwartet hatte, dass Perspective Daily sich zum Start einem aktuellen Thema wie etwa dem Brexit widmet, sieht sich enttäuscht. Mit Aktualität im klassischen Sinn hat das Portal offenbar wenig im Sinn. Dennoch geht es – wie zu erwarten – natürlich um brennende Themen. Der erste Artikel beschäftigt sich mit dem “Öl der Anderen” und zeigt auf, dass ein hoher Prozentsatz des weltweit gehandelten Rohstoffs aus Ländern stammt, die weder demokratisch sind noch die Grundrechte achten. Wer also ein Smartphone kauft oder sein Auto betankt, macht sich an der Ausbeutung von Millionen Menschen mitschuldig.

Neu ist das nicht, aber ganz sicher ein menschenunwürdiger, skandalöser Zustand, den die westlichen Industriegesellschaften seit Jahrzehnten billigend in Kauf nehmen, ohne die Wurzeln des Problems konsequent und erfolgreich zu bekämpfen. Genauso wie den Hunger auf der Welt, die Ausbeutung von Kindern in Textilfabriken oder internationale Waffen und Drogenschiebereien. Perspective Daily bietet dazu keinen neuen und genau genommen nicht mal einen eigenen Ansatz. Stattdessen referiert Autor Han Langeslag im Wesentlichen die Thesen, die der englische Philosophie-Professor Leif Wenar in seinem bereits vor fünf Monaten erschienenen Buch “Blood Oil” aufgestellt hat. On top gibt es Wenars Aussagen, die auf einem per Internet-Chat geführten Interview basieren – der Wissenschaftler weilt aktuell in Kalifornien, wo er eine Gastprofessur ausübt. Wenar ist zugleich der einzige Experte, der im PD-Artikel zu Wort kommt. So gesehen ist der Beitrag wohl vor allem gelungenes Content-Marketing für einen Buchautoren, dessen Werk aktuell bei Amazon den Verkaufsrang Nr. 14.470 in “Fremdsprachige Bücher” belegt.

Das eigentliche Problem am ersten Text, den das Startup seinen angeblich rund 12.000 Abonnenten und Unterstützern liefert, ist aber ein anderes: Perspective Daily löst seinen eigenen Anspruch nicht ein, einen schlüssigen Lösungsweg aufzuzeigen. Zwar sei Wenar “extrem optimistisch”, dass man einen Wandel bewirken könne. Der habe vor einigen Wochen in Washington mit Politikern gesprochen – mit wem genau, erfährt der Leser nicht. Als Grund für seinen Optimismus führt Wenar das Beispiel der Sklaverei an, die ja heute schließlich auch international geächtet sei. Gegen Ende des langen Artikels heißt es: “Die Politik ist gefragt – und damit jeder von uns.” Das ist dann doch etwas dürftig und schwammig. Wer den Artikel liest, bekommt zunächst ein schlechtes Gewissen und dann doch keinen konkreten Fingerzeig, was zu tun ist, außer eben von den Schurkenstaaten kein Öl mehr zu kaufen. Da wäre doch mal interessant, sich der Frage zu widmen, wie und ob es möglich ist, den international operierenden Mineralöl-Konzernen rechtlich vorzuschreiben, welches Öl sie liefern dürfen und welches eben nicht.

Perspective-Daily-Text-2

Auch der zweite Artikel ist in dieser Hinsicht eindimensional. O-Tongeber ist hier der Forscher Stefan Liehr aus dem Team des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE), das das Wasser-Projekt CuveWaters in Namibia durchgeführt hat. Dieses wurde auch schon 2006 aufgesetzt und offenbar mit Entwicklungsgeldern der Bundesrepublik gefördert. Laut Website der Projektverantwortlichen endete die Förderung im Dezember 2015. Nun, ein halbes Jahr später, nimmt sich Autor Felix Austen des Namibia-Projekts an und beschreibt, wie die Menschheit dem globalen Wassermangel begegnen kann. Dafür liefert CuveWaters gewiss einen konstruktiven Lösungsansatz, vielleicht sogar die Lösung. Aber gerade dann hätte der Artikel auch darauf eingehen sollen, ob das Beispiel Schule macht und “in Serie geht”. Und wenn das – nach zehn Jahren und dem Auslaufen der Fördermittel – eben nicht der Fall ist, dann wären die Gründe dafür ebenfalls hochinteressant. Ein solches Projekt kann ohne seine Rahmenbedingungen nicht wirklich eingeschätzt und bewertet werden.

Einen konstruktiven Ansatz bleibt der Autor schuldig, und auch journalistisch weist das Stück Lücken auf. So praktiziert der Autor einen Ein-Quellen-Journalismus und bezieht sich (fast) ausschließlich auf den im Projekt involvierten Forscher – ein einziges Mal am Ende des Textes kommt ein anonymer Gärtner-Ausbilder zu Wort, ohne etwas Gehaltvolles beizutragen. Eine zweite Ebene wird nicht eröffnet. Weder kommen andere Experten zu Wort, noch macht der Artikel den Eindruck, als hätte Austen vor Ort recherchiert und Erfahrungen der Einwohner gesammelt. Schlussfolgerungen wie folgende wirken ins Blaue geschrieben:

Anschließend kann man regelrecht zusehen, wie erst die Tomaten wachsen und dann auch Gesundheit, Jobs, Sicherheit und Frieden wie junge Triebe aus dem staubigen Boden sprießen

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Belege nennt Austen nicht. Weder zählt er auf, wie viele Jobs entstanden sind, noch wie sich das Durchschnittseinkommen verbessert haben könnte. Hat er überhaupt mit einer Reihe von Einwohnern vor Ort gesprochen und sich ein Bild davon gemacht, wie sich die Dinge im Laufe des Projekts entwickelt haben? Offenbar nicht, zumindest ist davon im Artikel nicht die Rede. Eine solide Recherche sähe anders aus.

Perspective-Daily-Text-1

Dieser Anmerkungen wegen muss das CuveWaters-Projekt selbstverständlich nicht gleich schlecht sein. Sicherlich ist den Helfern Lob und Dank auszusprechen, weil sie helfen, wo es wirklich nötig ist. Doch stellt sich die Frage, ob es die Aufgabe eines Journalisten ist, dies eins zu eins weiterzutransportieren. Die Herangehensweise des Autors erscheint eher naiv als konstruktiv und setzt ihn der Gefahr aus, die Grenzen zwischen positivem Journalismus und einer Projekt-PR zu verwischen.

Am Tag drei von Perspective Daily ist ein weiterer Artikel von der Autorin Gitti Müller online gegangen. Darin geht es anhand des Fallbeispiels der am Sonntag anstehenden Parlamentswahlen in Spanien um partizipative Demokratie, Schwarmintelligenz und Schwarmdummheit. Das klingt zugegebener Maßen etwas speziell, ist aber der bislang beste PD-Beitrag, der eine ganze Reihe von Experten zu Wort kommen lässt und sich mit der Rolle allgegenwärtiger Online-Kommunikation bei der politischen Meinungsbildung auseinandersetzt. Und dabei auch konkrete Wege aufzeigt, wie das bisherige System praktisch wirklich verändert werden kann: lesens- und wissenswert nicht nur für Theoretiker.

Das Startup, das sich als Gegenentwurf zu den klassischen News-Portalen sieht und mit seinen Artikeln die Welt verändern und besser machen will, muss zeigen, dass es mehr vermag als eine Content Marketing-Plattform für Aktivisten und NGOs, die eine Art digitaler Loseblattsammlung von ehrenwerten Projekten publiziert. Dafür wäre es nötig, dem Wettstreit konkurrierender Lösungsansätze mehr Raum zu geben sowie das aktive Projektmanagement der Neugestaltung in den Vordergrund zu rücken. Davon scheint Perspective Daily noch ein gutes Stück entfernt. Aber auch für diese Startprobleme gibt es vielleicht eine Lösung.

(ga)

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