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„Wir lügen nicht – wir sind schlampig und denkfaul“: Hans-Ulrich Jörges über Meinungsmache, Hass und AfD

Hans-Ulrich Jörges geht mit der eigenen Zunft hart ins Gericht

Medienverschwörung, Gleichschaltung, Lügenpresse: Die Vorwürfe an den Journalismus sind oft populistisch-zugespitzt. Und doch müssen sich Redaktionen Gedanken darüber machen, wie sie mit Kritik von den extremen Rändern der Gesellschaft umgehen wollen. Denn insgesamt habe sich „das Klima und der Blick auf die Medien verändert“, warnt stern-Reporter Hans-Ulrich Jörges beim Google-Talk in Berlin.

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„Wie viel Meinung verträgt guter Journalismus?“ – das war die Leitfrage am Dienstagabend beim Google-Talk in Berlin, bei dem Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Chefredaktion beim stern, Udo Grätz, stellvertretender Chefredakteur Politik beim WDR, sowie die Edition-F-Redaktionsleiterin Teresa Bücker und die österreichische Medienjournalistin Ingrid Brodnig (Profil)  diskutierten.

Dass ein breites Meinungsspektrum nicht mehr in der Art und Weise vorhanden ist, wie vor einigen Jahren, sieht auch Hans-Ulrich Jörges so. Zwar seien die Vorwürfe der Gleichschaltung, Systemmedien, Lügenpresse schlichtweg falsch, allerdings sei Journalismus nicht frei von Verfehlungen. „Es ist etwas faul in unserer Branche“, kritisiert das Mitglied der Chefredaktion des stern. Damit gemeint ist die „schreckliche Erscheinungsform“ des „Rudeljournalismus“, den er beobachtet. Das treffe nicht nur auf Meinungen und Haltung zu, sondern auch auf das Agenda Setting. „Wir haben es mit einer veränderten Medienhierarchie zu tun.“ Es seien die Online-Medien, die mittlerweile den Takt vorgeben. Was am Morgen Top-Thema bei Spiegel Online sei, liefe am Abend „ihn ähnlichem Stil“ in der „Tagesschau“. Der Journalist geht mit seiner eigenen Zunft hart ins Gericht: „Wir lügen nicht – wir sind schlampig, denkfaul und ein bisschen propagandistisch.“

Letztes sei vor allem der Fall, wenn die Grenzen zwischen Meinungsbeitrag und Nachricht verschwimmen. Es sei „gefährlich“ wenn beispielsweise in Nachrichtenzeilen stünde, dass der türkische Staatspräsident Erdogan gegen Deutschland „hetzt“. „Die Menschen schauen genau hin und sehen eine Einseitigkeit“, so Jörges. „Wir müssen wieder zu uns kommen.“ Es seien auch Journalisten, die eine Mitschuld am Erfolg der AfD tragen. Die Rechtspopulisten hätten das Spiel im Umgang mit den Medien verstanden, gäben ihnen immer wieder neues Futter, worauf sie sich stürzten.

Dass Medien durch zu schnelle Meinung beziehungsweise Skandalisierung politische Stimmungen beeinflussen, sieht auch Profil-Journalistin Brodnig. Als Beispiel nennt sie Koalitionsstreitigkeiten in der Regierung, die den Eindruck von Zerrissenheit statt Kompromissverhandlungen erweckten.

Nach dem Verständnis der Österreicherin werde mit Meinung im Journalismus inflationär umgegangen. „Meinung kommt oft dann, wenn eine Redaktion nichts anderes hat.“ Für legitimen Meinungsjournalismus sei es notwendig, dass sich Journalisten in einem Thema besonders gut auskennen, ergänzt Bücker, in deren Medium Meinung ein wesentlicher Teil der Redaktionsstrategie sei. Es gehe auch darum, dass ein Medium verschiedene Meinungen aushalte.

Dass dies nicht unbedingt immer der Fall ist, zeigt unter anderem die Debatte um Kommentare im Netz. Profil-Frau Brodnig hält es für falsch, wenn sich Medien den Meinungen im Web versperren, weil beispielsweise Moderationskosten zu hoch sind. Das Verhalten sei Wasser auf die Mühlen jener, die Zensurvorwürfe erheben, habe aber auch einen weiteren Effekt: Wird der Rück-Kanal für die Nutzer abgestellt, verlagere sich die Debatte auf Foren und geschlossene Gruppen, die für Journalisten nicht mehr zugänglich seien. Im Sinne der Demokratie, sei das nicht, so Brodnig.

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