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Scheidende RBB-Intendantin Reim über Beitragserhöhung: “30 Cent werden nicht entscheidend sein”

Dagmar Reim ist Gründungsintendantin des RBB und wird die Anstalt nun verlassen
Dagmar Reim ist Gründungsintendantin des RBB und wird die Anstalt nun verlassen

Gründungsintendantin Dagmar Reim geht nach 13 Jahren an der Spitze des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) in den Ruhestand. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur redet sie über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien, das Tempo im Journalismus, den Rundfunkbeitrag und über die schwerste Entscheidung ihrer Intendanz.

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Es ist viel von einer Glaubwürdigkeitskrise der Medien die Rede. Wie hat sich dieses Thema in der Zeit verändert, in der Sie Intendantin waren?
Als ich vor 13 Jahren hier ins Amt kam, gab es dieses Thema nicht. Das heißt, es wird es irgendwo gegeben haben, in irgendwelchen Köpfen. Aber niemand redete öffentlich darüber. Heute ist das Thema hochpräsent, und ich denke, das muss gar kein Nachteil für uns sein. Die Leser, Zuschauer und Zuschauerinnen stellen heute mehr und andere Fragen als früher. Also müssen wir die neuen Fragen beantworten. Wir müssen mehr selbstreflexiv arbeiten. Mehr darüber reden, was und wer unsere Quellen sind, mehr Auskunft geben, mehr für Transparenz sorgen.

Wenn Sie zurückblicken auf den Anfang Ihrer Intendanz: Gibt es heute etwas im Journalismus, was Sie sich damals nie hätten vorstellen können?
Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass es einen derartigen Fortschritt beim Thema Geschwindigkeit gibt. Die Geschwindigkeit dessen, was auf Journalistinnen und Journalisten – und dank der neuen Medien auch auf Endverbraucher – einprasselt, ist enorm. Die uralte Aufgabe des Journalisten – aussuchen, was ist relevant, was hat Informationsgehalt, was ist wichtig – das erscheint mir bedeutender als je zuvor.

Sie übergeben die Verantwortung bald in die Hände Ihrer Nachfolgerin Frau Schlesinger. Welches Erbe tritt sie an – und was sind ihre wichtigsten Aufgaben?
Sie kommt in einen Sender, der die schwere Aufgabe der Fusion gut gemeistert hat. Dann ging es darum, den Sender finanziell zu konsolidieren. Auch das ist gelungen. Das sagt sich viel leichter, als es war. Es ging um einen dramatischen Stellenabbau. 300 Stellen. Das war eine bittere und eine harte Zeit. Danach stand die Entwicklung des Senders an. Die Grundlage ist gelegt. Ratschläge gebe ich Frau Schlesinger nicht, schon weil das Wort “Rat-Schlag” aus zwei Teilen besteht.

Welches war die Entscheidung, die Ihnen als Intendantin am schwersten gefallen ist?
Das war das Ende von Radio Multikulti. Radio Multikulti basierte auf einer Fiktion – etwas, das sehr gut gemeint ist für Migrantinnen und Migranten muss ja auch bei Migrantinnen und Migranten ankommen. Das war nicht der Fall. Es hat niemand gehört.

Was war die beste Entscheidung, die Sie getroffen haben?
Es gab vieles, mit dem ich glücklich war. Etwa die Einrichtung der Multimedialität. Wir waren der erste Sender in der ARD, der ein Vollprogramm im Fernsehen hat und sich bereits 2009 zu multimedialer Programmarbeit aufgerafft hat.

Am 16. Juni beraten die Ministerpräsidenten über den Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro. Zur Diskussion steht eine Senkung um 30 Cent ab 2017 – gleichzeitig wird über eine Erhöhung im Jahr 2021 auf 19,10 Euro oder 19,40 Euro debattiert. Was ist Ihre Botschaft an Ihre Hörer und Zuschauer?
Ich denke, der Gegenwert dessen, was die Menschen für den Beitrag bekommen können, ist beträchtlich. Wir müssen immer darauf achten, den Auftrag, den wir haben, zu erfüllen. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk muss große Mehrheiten bedienen und darf kleine Minderheiten nicht vergessen.

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Hängt die künftige Entwicklung des RBB auch an der Entscheidung der Ministerpräsidenten zum Rundfunkbeitrag?
Also diese 30 Cent, das wird nicht entscheidend sein. Wichtig ist, dass die Ministerpräsidenten den etwas längerfristigen Blick haben. Dem RBB hat die Umstellung von Gebühr auf Beitrag sehr geholfen. Wir stehen finanziell deutlich besser da als zuvor. Somit könnte eine 13-jährige Periode härtester Sparanstrengungen jetzt vorbei sein. Das bedeutet nicht, dass Frau Schlesinger und meine Kollegen Geld haben, um es aus dem Fenster zu werfen.

Sie sagten einmal, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk so ändern müsse, wie sich die Zeiten ändern. Was sind aus Ihrer Sicht die großen Herausforderungen der mittelfristigen Zukunft?
Antwort: Das ist selbstverständlich der Medienwandel. Wir wissen, dass wir mit dem linearen Fernsehen immer weniger junge Menschen erreichen. Gleichwohl sehen immer noch mehr junge Leute die Tagesschau, als irgendetwas anderes. Wenn man hört, es sieht niemand mehr fern – völliger Quatsch. Aber die Darbietungsweise ändert sich. Was früher der Fernseher im Wohnzimmer war, ist heute das Smartphone, ist heute das Tablet. Und das sind alles neue Ausspielwege für unser Fernsehangebot. Zugleich entsteht ein eigenes Medium, es erfordert eigene Produktionsweisen, eigene Fantasien.

Niemand mag Quotentiefdebatten, daher die Frage: Wie zufrieden sind Sie mit den Zuschauerzahlen des RBB-Fernsehens?
Richtig ist, wir wünschen uns für das RBB-Fernsehen mehr Zuschauerinnen und Zuschauer. Und da muss man sagen: Das hat natürlich auch mit Geld zu tun. Selbstverständlich gibt es stapelweise Ideen bei den Kolleginnen und Kollegen des Fernsehens, die wir aus finanziellen Gründen nicht realisieren konnten. Da kann Frau Schlesinger jetzt besser agieren, hoffe ich.

Wie schafft man in der Berichterstattung den Spagat zwischen der Millionenmetropole Berlin und dem Land Brandenburg?
Ich bin ja keine Vertreterin der Annahme, dass das besonders schwierig sei. Oft haben bestimmte Reportagen aus Berlin sehr viel mehr Zuschauer in Brandenburg als in Berlin. Das heißt, die Zuschauerinnen und Zuschauer sind überhaupt nicht festgelegt auf Ländergrenzen.

Dagmar Reim (64) hat im Jahr 2003 als Gründungsintendantin den aus ORB und SFB entstandenen Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) aus der Taufe gehoben. Sie war die erste Frau an der Spitze einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. Sie setzte harte Sparrunden durch und verdoppelte die Frauenquote in Führungsetagen des Senders. Nach 13 Jahren scheidet sie aus dem Amt, um mehr Zeit für die Familie zu haben.

Interview: Thomas Pfaffe

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Alle Kommentare

  1. Längerfristig bedeutet ja nur, das man sich nicht erinnert. Korrekterweise gibts die Gebühren nur für dieses und nächstes Jahr und alle Verträge (wie es bei Fußball normal wäre) wären immer nur ein Jahr.
    Dann erinnert man sich bei der nächsten Wahl. Stattdessen wird jedoch jetzt für viele Jahre festgelegt.
    Das hat uns das 720-ÖR eingebrockt weil es irgendwann vor 20 Jahren mal irgendwo beschlossen wurde.
    Ist ÖR-T2 demnächst wenigstens echtes FullHD oder nur hochgerechnetes 720 ? Aber Mogel-HD und Bandbreiten-Verschwendung kümmern bisher ja immer noch keinen….
    Und wer Serien von 30 auf 25 umrechnet oder Filme wegen Nachrichten kürzt sollte keinen Qualitäts-Anspruch anmelden.

  2. Ich hoffe der ÖR-Rundfunk ist bald Geschichte.
    Dieses mittlerweile überflüssige Relikt aus den analogen Anfangszeiten der elektronischen Massenmedien gehört schnellstmöglich entsorgt.
    Alles privatisieren und gut ist – ein Dauerärgernis weniger in Deutschland

  3. Mich regt in diesem Zusammenhang immer wieder dieses Unwort “Gebühren” auf.

    Ich zahle keine Gebühren an die Staatssender!

    Seht mal in den Duden: “….Gegenleistung für die besondere(!) Inanspruchnahme(!) einer öffentlichen Einrichtung …… (Gerichts-, Verwaltungs-, Patentgebühren)……. (Hervorhebungen von mir)

    Ich zahle eine Zwangsabgabe oder eben Zusatzsteuer.

    Ginge es nach mir, gäbe es nur einen einzigen Staatssender, finanziert aus dem Steuersäckel. Der Rest müßte sich um (tatsächliche) Kunden bemühen.
    Aber dann wären die genannten 300 Entlassungen nur der Tropfen auf dem heißen Stein!

    Schönen Tag noch.

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