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Neue Chefredakteurin Laura Himmelreich: “Für Vice ist kein Thema zu groß”

Vom stern zu Vice: Laura Himmelreich ist seit 2016 Chefredakteurin beim deutschen Ableger des US-Portals – und nimmt nun in der Belästigungs-Debatte Stellung
Vom stern zu Vice: Laura Himmelreich ist seit 2016 Chefredakteurin beim deutschen Ableger des US-Portals – und nimmt nun in der Belästigungs-Debatte Stellung

Es ist ein ungewöhnlicher Wechsel, der auch die Kräfteverschiebungen zwischen klassischen Medienmarken und innovativen, jungen News-Plattformen zeigt: Laura Himmelreich tauschte ihren Reporter-Job beim stern gegen die Chefredakteurs-Rolle bei Vice – dem deutschen Spin Off des US-Kultportals Vice.com. Im Interview mit MEEDIA spricht die 32-Jährige über Gründe ihres Wechsel und ihre digitalen Pläne.

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Sie haben jahrelang für den renommierten stern gearbeitet und übernehmen nun die Redaktion eines Hipster-Portals: Haben Sie sich vor einem Jahr in dieser Position gesehen?
Laura Himmelreich: Vice ist kein Hipster-Portal, sondern eine Plattform für junge Leute zu gesellschaftlich relevanten Themen. Als ich mitbekommen habe, in welchem Tempo Vice wächst, expandiert und vor allem wie sich das Unternehmen global aufstellt, hatte ich Bock dabei zu sein. Lange geplant hatte ich das nicht.

Man sagt Print-Journalisten nach, dass sie sich mit dem Online-Journalismus gar nicht richtig beschäftigen wollen oder schlichtweg mit dem digitalen Wandel überfordert sind. Sie zählten beim stern eher zu den jüngeren Kollegen. Trotzdem die Frage: Wie schwer fällt der Wechsel?
Gar nicht schwer. Online-Journalismus ermöglicht uns Geschichten als Text, Video oder als Fotoreportage losgelöst von festen Zeilenzahlen oder Druckterminen zu veröffentlichen. Ich habe da Lust drauf. Und weil niemand die unterschiedlichen Gattungen so perfekt verzahnt wie Vice, wollte ich hier arbeiten.

Vice ist kein ursprünglich deutsches Produkt. Wenn Sie an die deutsche Medienbranche denken, sehen Sie etwas Vergleichbares?
Nein. Mir fällt keine andere Marke ein, die in 38 Ländern Büros hat und global in der jungen Zielgruppe erfolgreich ist.

Gibt es etwas, das Vice beherrscht, was andere Medienhäuser, die auf verschiedenen Plattformen unterwegs sind, nicht verstanden oder umgesetzt haben?
Vice hat den Wandel zur Digitalisierung sehr früh erkannt und perfekt umgesetzt. Wie sich andere Unternehmen aufstellen, müssten Sie dort nachfragen.

Aber Sie selbst haben ja auch eigene Erfahrungen in anderen Unternehmen gemacht…
Das ist richtig.

Sie waren für den stern als Korrespondentin im politischen Berlin unterwegs. Bei Vice gewinnt man den Eindruck, es gibt einen eigenen Korrespondenten fürs Berghain, der über Party, Sex, Pornos und Drogen berichtet. Wie sehr passen Sie und Vice überhaupt zusammen?
Der stern wie auch Vice sind General-Interest-Medien mit unterschiedlichen Zielgruppen, die alle möglichen Themengebiete abdecken. Einen Berghain-Korrespondenten leisten wir uns tatsächlich nicht, schreiben aber selbstverständlich genauso darüber wie über die Porno-Industrie oder Drogen. Dabei gibt es eine Voraussetzung: Wir müssen den Eindruck haben, dass diese Themen gesellschaftlich relevant sind. Und dann berichten auch darüber. Wir nennen Dinge beim Namen. Das habe ich persönlich immer schon so gemacht. Dass ich mich jetzt mit einem größeren Themenspektrum beschäftige als vorher, darauf freue ich mich.

Abseits von überdimensionierten Penissen und Inside-Porno-Stories: Wie politisch ist Vice?
Wie politisch relevant Vice ist, sieht man gerade. Vorletzte Woche veröffentlichte Vice Deutschland eine Reportage über nordkoreanische Zwangsarbeiter in Werften und auf Baustellen in Polen. Aufgrund unserer Reportage ist das Thema jetzt auf der Agenda des EU-Parlaments. Wir sind politisch, aber nicht parteipolitisch.

Was wollen Sie speziell bei Vice einbringen?
Vice hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu einer starken Marke entwickelt, an der ich nichts verändern möchte. Ich habe die Möglichkeit, das Redaktionsteam auszubauen. Dadurch erhoffe ich mir noch mehr Recherchen und Artikel bringen zu können.

Sie stocken von acht auf zwölf Redaktionsmitglieder für Vice Online auf. Wen bringen Sie mit?
Mit mir gemeinsam angefangen hat heute Wlada Kolosowa, langjährige Kolumnistin bei Spiegel Online, die auch schon bei Zeit Campus gearbeitet und mehrere Bücher geschrieben hat. Sie schreibt toll, über Themen von Liebe, Beziehungen über Mode und berichtete über gesellschaftliche Themen aus Russland und Brasilien. Die weiteren Kollegen kommen in den nächsten Monaten.

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Sie sind wohl ein politischer Mensch. Was bringen Sie inhaltlich ein?
Politische Themen sind mir selbstverständlich wichtig. Mich haben immer am meisten Fragen zur sozialen Gerechtigkeit interessiert. Wie verteilt ein Staat sein Geld? Welche Solidarität gibt es zwischen Schichten, zwischen Generationen? Für Vice ist kein Thema zu groß. Wir berichten über alles, was unsere Zielgruppe interessiert.

Wer ist denn eigentlich Ihre Zielgruppe?
Unsere Kernzielgruppe sind junge Leute, die sich für das interessieren, was auf der Welt los ist, und die sich von anderen Medien nicht angesprochen fühlen.

Was macht Vice in seiner Berichterstattung besser als vielleicht klassische Anbieter?
Vice ist nah am Protagonisten. Wir machen unsere Recherchewege transparent. Das macht die Berichterstattung authentisch.

Subjektivität ist für Journalisten fast schon verrufen und wird auf der Nannenschule nicht unbedingt gelehrt. Ist das aber eine Erzählweise, die gerade bei der Jugend besser ankommt?
Auf der Nannenschule lernt man handwerklich gut zu arbeiten und auch – wenn es Sinn macht – sich selbst einzubringen. Das ist ein legitimes Stilmittel, wenn es der Geschichte dient.

Sie wechseln nicht nur von einem Traditionsmedium ins Digitale, sondern auch von der Reporterin zur Chefredakteurin. Mit welchem Verständnis führen Sie Ihr Team?
Transparenz ist nicht nur gegenüber dem Leser, sondern auch gegenüber den Kollegen wichtig. Jeder soll wissen, woran der andere arbeitet, was ihn gerade beschäftigt. Jeder hat ein bestimmtes Talent, unterschiedliche Erfahrungen. In meinem Team möchte ich eine Stimmung, in der wir uns gegenseitig pushen, inspirieren, von einander lernen und uns unterstützen.

Sie haben vor ein paar Jahren bundesweit Aufmerksamkeit erzeugt, als Sie ein Porträt über den damaligen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle geschrieben haben, in dem er davon sprach, dass Sie auch gut ein Dirndl ausfüllen könnten. Danach entfachte eine heftige Debatte, in der Sie – wie Vice-Chefredakteur Tim Littlewood sagt – Haltung bewiesen haben. War die Geschichte für Sie und Ihre Karriere Fluch oder Segen?
Die Wochen rund um die Debatte waren definitiv eine anstrengende Zeit. Und wenn man innerhalb von drei Jahren hunderte Male auf ein Thema angesprochen wird, können Sie sich sicher vorstellen, dass es für einen selbst spannendere Themen gibt. Der eigene Erkenntnisgewinn hält sich irgendwann in Grenzen – aber ich verstehe das Interesse daran. Und ich fand die nachfolgende gesellschaftliche Debatte extrem wichtig.

Werden Sie auf diese Geschichte reduziert?
Weder in meinem Privat- noch in meinem Berufsleben spielt das wirklich eine Rolle. Beim stern konnten wir uns ja nicht monatelang über dieselbe Geschichte unterhalten. Mir ist klar, dass man die Geschichte mit meinem Namen verbindet. Und das ist auch okay. Ich stehe uneingeschränkt zu dem Text.

Sie haben vor allem eine Debatte über Feminismus und Sexismus losgetreten. Waren die Themen auch zuvor wichtig für sie oder sind dadurch wichtiger geworden?
Ich bin nicht damit einverstanden, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Ich bin auch nicht damit einverstanden, dass Frauen seltener Führungspositionen bekommen. Es macht mich wütend, wie im Jahr 2016 noch immer Haushalt und Kindererziehung aufgeteilt werden. Das sind Themen, die mich beschäftigen. Die Debatte hat mir auch klar gemacht, wie viel für den Feminismus in Deutschland noch zu tun ist. Feminismus und auch die Benachteiligung anderer Gruppen waren für Vice schon immer wichtige Themen. Deshalb passe ich hier auch gut hin.

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