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„Gaulands Gerede – saudumm und gefährlich“: die Medienstimmen zu #BoatengsNachbar

Jetzt feiern die Medien Jérôme Boateng für seine abgeklärte Reaktion. Sie wird als „cool“, „gelassen“ und „genial“ beschrieben. Im Anschluss an das Länderspiel sagte er zu dem Gauland-Zitat: „Kann ich nur drüber lächeln. Ist traurig, dass so etwas heute noch vorkommt.“ Weit empörter und wütender fielen dagegen viele andere Pressekommentare aus. Hier ein Überblick.

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Für die FAZ, die ja mit ihrer Sonntagszeitung die gesamte Debatte erst ins Rollen brachte, kommentiert Richard Wagner: „Spätestens nach der wütenden Charakterisierung Deutschlands durch Parteichef Meuthen als ‚linksrotgrün verseucht und versifft‘, nun nach der Entgleisung Gaulands und der immer größeren Nähe der AfD zu der von einem Kleinkriminellen geführten Pegida stellt sich die Frage, über was mit der AfD zu reden wäre und mit welchem Ziel. Gutnachbarschaftlich kann man sich das nicht mehr vorstellen.“

Bereit am Sonntagmorgen hatte Gauland den Vorwurf zurückgewiesen, den Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng fremdenfeindlich beleidigt zu haben. Die FAS reagierte daraufhin und erklärte:

Die Äußerung von Herrn Gauland zu Jerome Boateng stammt aus einem Gespräch, das Herr Gauland mit den Berliner Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Eckart Lohse und Markus Wehner am Mittwoch in Potsdam geführt hat. Beide Kollegen haben die Passage aufgezeichnet, ihre Aufzeichnungen stimmen überein. Wie in früheren Gesprächen auch bestand Herr Gauland nicht auf einer Autorisierung von Zitaten. Herr Gauland stufte nur den Teil des Gesprächs, in dem er sich über AfD-Führungspolitiker äußerte, als Hintergrund ein und bat, daraus nicht zu zitieren. Daran hat sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gehalten.

Die Neue Osnabrücker Zeitung schreibt: „Die Nationalmannschaft spiegelt eine gesellschaftliche Realität, der sich die AfD beharrlich verweigert: Deutschsein definiert sich nicht über Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder Textsicherheit bei der Nationalhymne. Nun behauptet Gauland zwar, sich nicht derartig über Nationalspieler Jérôme Boateng geäußert zu haben, wie berichtet wird. Aber das hat System bei der AfD: Erst den Skandal entfachen, um sich dann als Opfer einer Empörungsmaschinerie zu inszenieren.“

In seinem Kommentar bei Spiegel Online schreibt Sebastian Fischer, dass Gauland sich einen „bösartigen, einen perfiden“, sogar „einen irren Satz“ geleistet hätte. Weiter schreibt er: „Hätte man also Alexander Gauland gern als Nachbar? Klar, warum denn nicht. Wahrscheinlich wäre er einer, der die Hecken sehr ordentlich schneiden und stets höflichst grüßen würde. Auch Jerôme Boateng wäre sicherlich ein freundlicher Nachbar, wenn man sich denn eine Villa nebenan leisten könnte. Noch lieber aber will man ihn auf der großen Bühne sehen, als Akteur. Bei Gauland ist das genau anders herum. Als Nachbar? Passt schon. In politischer Verantwortung? Bitte nicht.“

In seinem Kommentar seziert Heribert Prantl die Taktik der AfD. Er hält das Gerede von Gauland für „saudumm und gefährlich“. Weiter schreibt er: „Die Partei betreibt ein bösartiges Spiel mit der Provokation, sie nutzt es als Arbeits- und Werbeprinzip: Der eine AfD-Mensch pflegt die subtile Hetze, er selbst oder ein anderer AfD-Mensch widerspricht dann wieder. Und schon ist die Partei wieder dort, wo sie am liebsten ist: im Gespräch. Aber das Gift ist da und bleibt da. Und wer sich darüber entsetzt, wird dann darauf verwiesen, dass man sich doch davon distanziert habe.“

Ebenfalls mit der typischen medialen Vorgehensweise der Partei beschäftigt sich „Extra3“. Die NDR-Satiriker haben dafür extra dieses Regelwerk erstellt.

Trotz des Scoops war Micky Beisenherz nicht ganz zufrieden mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Ausgerechnet die irgendwann mal schlaue ‚FAS‘ entblödet sich nicht, tatsächlich noch jemanden zu Boatengs Haus zu schicken, um nachzufragen, wie der denn so als Nachbar ist. Als ob man diesen Schwachsinn mit einer genauen Prüfung noch Substanz beimessen muss“, schreibt er in seiner stern.de-Kolumne. Ansonsten hackt er aber mit viel Freude auf den AfD-Anhängern herum: „Ich kann nur hoffen, dass sie mit derselben Konsequenz, mit der sie Kinderschokoladen-Verpackungen häuten, vorgehen und der EM, diesem ethnischen Gemischtwarenladen: fernbleiben.“

In der taz meint Markus Völker: „Gaulands Einlassung ist in erster Linie reaktionär. Sie verweist auf eine Diskussion, die längst erledigt schien. Es ist Jahre her, dass Herkunftsfragen einer fußballerischen ‚Internationalmannschaft‘ diskutiert wurden. Spätestens mit dem Ende der Fußball-WM 2010 in Südafrika war das Thema durch. Eigentlich. Selbst das stumme „Mitsingen“ der Nationalhymne von Boateng und Co. war irgendwann kein Aufreger mehr. Es wurde akzeptiert: Jeder ist frei darin, das zu tun oder zu lassen.“

Natürlich schreibt auch Franz Josef Wagner an Boateng. Sein Rat an den Nationalkicker: „Ohrenstöpsel und bitte lesen Sie nichts. Es ist so niederträchtig, was der stellvertretende AfD-Vorsitzende Gauland über Sie sagte.“

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