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“Endlich wieder neon sein”: Gruner + Jahrs Lebensgefühl-Magazin sucht den Weg aus der Identitätskrise

Chefredakteurin Nicole Zepter (l.) und Publisherin Wibke Dauletiar:
Chefredakteurin Nicole Zepter (l.) und Publisherin Wibke Dauletiar:

Gruners Neon hat in den vergangenen Jahren so ziemlich alles verloren: Chefredakteure, Redaktionsmitglieder, die (erwachsen gewordene) Zielgruppe und damit auch Auflage. Nicole Zepter, seit 2015 Chefredakteurin, will dem Heft mit einem Relaunch neue Relevanz verleihen. Neon soll wieder auffallen. Wie das Magazin aber den Weg zurück in den studentischen Jutebeutel finden soll, scheint unklar.

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Es ist die auffälligste Änderung und zugleich wohl die symbolträchtigste des Neon-Relaunches: der Rahmen auf dem Cover. Nach Jahren scheinbar grenzenloser Freiheit und kräftiger Bildsprache, wird das Titelbild (wieder) umschlossen. Der Rahmen soll dem Titel geben, was die Redaktion um Nicole Zepter wohl am nötigsten hat. Halt, eine gewisse Stabilität, mit der man einfach rechnen kann. Für die Redaktion ist das wichtig. Denn sie musste in den vergangenen fünf Jahren viel durchstehen – es war Aufstieg (2011 mit einer Auflage von fast 240.000 Heften) und Fall (2015: 120.000 Hefte), fünf Chefredakteure kehrten dem Blatt nach und nach den Rücken (oder wurden entfernt), auch weil die Redaktion von München nach Hamburg ziehen musste. Viele Redakteure blieben im Süden zurück. Mit dem Antritt von Zepter, der ersten von extern geholten Chefin, gingen ihre Vize und die Art Direktorin. Ein leichter Start sieht wahrlich anders aus. Ungefähr ein Jahr liegt dieser zurück.

Der Rahmen auf dem Cover aber soll kein Symbol sein, sondern einen Nutzen haben. Und zwar am Kiosk. Wibke Dauletiar, Publisherin der Neon, erklärt es so: “Wir können endlich wieder wortwörtlich neon sein und mit knalligen Farben auf dem Titel arbeiten.” Das Heft fällt auf, zudem bekommt die Marke – dessen weißer, statischer und sehr dünner Schriftzug nun schwarz, kursiv und richtig fett ist – “mehr Raum zu wirken”, meint Zepter.

Neon-Neu-Alt-Collage

Während es auf dem Titel um Halt geht, soll im Innern Haltung eine größere Rolle spielen. Zepter setzt mit zwei neuen Kolumnen und einem Essay auf mehr Meinung zu den “großen Fragen der jungen Generation”, aber auch zu politisch Aktuellem. “Das Ziel beim Leser lautet: Erst mal lesen, was Neon darüber denkt”, erklärt sie. In Zeiten, in denen gerade junge Menschen in sozialen Netzwerken diskutieren und eher auf Portale wie Ze.tt, Bento oder Vice klicken als am Kiosk ins Zeitschriftenregal zu greifen, ist dieser Anspruch alles andere als gering – ob Haltung und Meinung ausreichende Verkaufsargumente sind?

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Zu weiteren Ansprüchen erklärt Zepter “Modernität, Konsequenz und Selbstbewusstsein”. Im Gespräch mit der Journalistin kommt der Gedanke auf, ob hier nicht Vision und Wirklichkeit auseinander klaffen. Vor allem das Stichwort Konsequenz wirft Fragen auf. Beim Durchblättern der Seiten macht das Heft einen eher unruhigen Eindruck. Die Typografien wirken zusammengewürfelt, im neuen Format “Helden oder Idioten”, in dem sich zwei Kolumnistinnen gegenüberstehen, wirkt es, als hätte eine Autorin zu wenig geschrieben, weshalb die Schriftart rund doppelt so groß ist wie beim Gegenüber. Wie auf dem Titel lässt sich die Kraft des Bildes – ein Kern der Markenmutter stern – vermissen. Es gibt Textwüsten und ausdruckslose Illustration statt starkem Fotojournalismus (natürlich gib es Ausnahmen wie “Die Pornogeständnisse” auf den Seiten 52ff). Die vielen grafischen Stilbrüche, beispielsweise gequetschte Marginalspalten in der Titelgeschichte, wirken zusammengeschustert wie eine Abi-Abschlusszeitung. Das ist schade, denn es steht im Kontrast zur journalistische Qualität der Geschichten, die insgesamt gut recherchiert und lebendig geschrieben sind.

Die wichtigste Frage lautet: Wie erreicht Neon seine Zielgruppe? Die Leser, bei denen Neon früher auf dem Küchentisch der Studi-WG lag, haben dem Campus den Rücken gekehrt. Die Zeit, die sie der Neon gewidmet haben, geht heute eher für den Job drauf als für das Sammeln unnützen Wissens. Neue Leser fehlen. Das Medium wird zum Problem: Neon ist (fast) ausschließlich Print. Digital findet die Marke nicht statt, von Reichweite lässt sich bei Neon.de kaum sprechen. Unter einer Million Visits liegt die Plattform. Wie also sollen junge Leser von der Existenz eines Heftes erfahren? Gefühlt ist das Internet bei Neon dazu da, um es abzudrucken. Das soll sich zwar im Laufe des Jahres ändern, beteuert Zepter. Doch könnte es für die einst so starke Marke zu spät sein. Nicole Zepter anlasten kann man das nicht. Die Digitalisierung der Marke hätte schon vor Jahren stattfinden müssen.

Woher also sollen neue Leser kommen? Als Antwort darauf verweisen Zepter und Dauletiar auf angelegte Werbekampagne. Rund 600.000 Euro sollen dafür bereitgestellt werden. Geworben wird natürlich auch digital.

Die aktuelle Ausgabe NEON (5/2016) ist ab heute für 3,70 Euro im Handel erhältlich.

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Alle Kommentare

  1. NEON sieht jetzt so aus, wie TEMPO als es endgültig vom Markt verschwunden ist. Jeder Zeit hat ihre Magazine, die man nicht lesen muss aber immer gern mal durchgeblättert hat, in den 80ern war es TEMPO, in den 90ern MAX und in den Nullerjahren NEON.

  2. Ich stell mir das immer wieder bizarr vor, in den G+J Redakionen…

    …wenn da so „entkernte“ Redaktionen mit vielen zwangsprekarisierten „Freien“ dann so emanzipierte, starke Job-Stories schreiben dürfenmüssen, so à la

    „Erfolg & Glück im Job“, „SO zeigst Du’s deinem Chef“, etc…

  3. Das neue Cover sieht spießig aus.
    Vorschläge:
    * Ein Magazin auf Englisch für den Weltmarkt. Vgl. Economist.
    * Ein Online-Magazin – mit Werbung ohne Animationen, so dass man auf einen Ad-Blocker verzichten kann.
    LG

  4. Zepter setzt … auf mehr Meinung zu den „großen Fragen der jungen Generation“, aber auch zu politisch Aktuellem.

    „Das Ziel beim Leser lautet: Erst mal lesen, was Neon darüber denkt“,
    erklärt sie.

    =========

    BILD dir *meine* Meinung für Studenten?

    Sowas wird – glaube (und hoffe) ich jedenfalls – noch nicht einmal mit dieser Generation von Studenten funktionieren.

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