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Richard Gutjahr über Homeless Media: “Wir folgen alle dem Buzzfeed-Modell”

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Homeless Media - ein neues Schlagwort beschäftigt immer mehr Medienschaffende. Gemeint ist das Phänomen, dass Online-Plattformen Inhalte brauchen, Inhalte aber scheinbar immer weniger feste Plattformen. Im Rahmen des NewTV Kongress sprach nextMedia.Hamburg mit Richard Gutjahr darüber, wie und vor allem wo man welchen Content veröffentlichen sollte. Für den Journalisten ist die Antwort ganz einfach: „Unsere Inhalte müssen dahin, wo die Menschen sind“.

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Ein neuer Trend geht mittlerweile dahin, dass Content gar keine feste Plattform mehr benötigt. Man spricht in diesem Zusammenhang häufig von „Homeless Media“. Können wir also vereinfacht festhalten, dass die Homepage damit keine Zukunft mehr hat?

Gutjahr: Ich glaube, man darf die Homepage nicht komplett für tot erklären. Wir müssen sie heute nur in einer anderen Funktion begreifen. War sie früher noch Dreh- und Angelpunkt aller Aktivitäten, spielt heute eher in den sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook oder Instagram die Musik. Dennoch erfüllt die Homepage immer noch die wichtige Funktion eines gebündelten Produkt-Portfolios. Sie ist die Anlaufstelle für die zeitlosen Inhalte, die direkt und unmittelbar mit der jeweiligen Firma, dem Sender oder dem Verlag zu tun haben, eine Art Showroom.

Wie haben Facebook, Instagram und Twitter als Selbstdarstellungsformen die Arbeit eines Medienmachers nachhaltig verändert?

Selbstdarstellungsformen? Sorry, ich muss grad ein Selfie auf Snapchat hochladen. Äh, wie war die Frage nochmal (lacht)? Nein, Spaß beiseite. Im Grunde genommen folgen wir alle dem Buzzfeed-Modell. Das heißt: Die Nachricht oder unsere Inhalte müssen dahin, wo die Menschen sind. Wo die Nachricht herkommt, ist dabei völlig irrelevant. Wichtig als Journalist: Man muss jetzt auf den jeweiligen Plattformen Geld verdienen. Und das geht dann am besten, wenn man gelernt hat, Inhalte für die unterschiedlichen Kanäle maßzuschneidern. Das können die wenigstens richtig gut und da haben wir generell eine Menge Nachholbedarf.

Können wir also davon ausgehen, dass immer, wenn Richard Gutjahr etwas veröffentlicht, dass Geschäftsmodell dahinter auch eine große Rolle spielt?

Ich glaube, wir müssen alle lernen, zu akzeptieren, dass sich das Geschäftsmodell gewandelt hat. Ein gutes Beispiel ist die Musikbranche: Früher war der Song das Produkt und wurde als CD verkauft. Heutzutage gibt es Musik mehr oder weniger überall gratis – all you can hear. Das heißt, mein Artikel, mein Film, mein medialer Inhalt ist eigentlich nur noch der Teaser für mein eigentliches Produkt und das ist der Journalist immer häufiger er selbst. Die Leute folgen mir nicht, weil ich die brillantesten Texte schreibe oder die besten Filme drehe. Vielmehr haben sie das Gefühl, dass ich für sie ein Fixpunkt bin, dem sie in einem speziellen Themengebiet vertrauen, wo sie Dinge erfahren, die sie vielleicht noch nicht wussten oder wo sie sich einfach nur eine zweite Expertenmeinung einholen wollen. Vielleicht aber auch wegen der über die sozialen Netzwerke gewachsenen Beziehung, die sie zu mir haben. Wie gesagt: Es gibt sicherlich talentiertere Schreiber oder Filmemacher, aber die Leute wollen mit mir verbunden sein und das lassen sie sich offensichtlich was kosten. Sonst kämen sie nicht zu meinen Vorträgen, Workshops und würden auch nicht von mir verwendete (nicht gesponserte!) Produkte kaufen.

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Sprich: Das Geschäftsmodell ist wichtig, aber genauso wichtig ist die Möglichkeit, sich selbst als starke Marke etablieren zu können – als Human Brand?

Ich glaube tatsächlich, dass wir in einer Welt, die immer mehr von Algorithmen und Big Data gesteuert wird, etwas suchen, das ein Computer nicht so schnell ersetzen kann, und zwar die persönliche Beziehung zu einem anderen Menschen. Facebook heißt nicht ohne Grund Facebook und nicht Brandbook. Man will mit Menschen und nicht mit dem Logo einer Marke kommunizieren. Ich glaube, diese zwischenmenschliche, mit der Betonung auf Mensch, Beziehung ist viel Wert, denn alles andere gibt es umsonst.

Man muss also greifbar sein für andere?

Ja, denn du möchtest als User gerade auch auf den Social Media-Plattformen wissen, mit wem du sprichst. Egal, ob Praktikant oder Chefredakteur. Wichtig ist es, dass man das Gefühl von einem Gespräch auf Augenhöhe vermittelt. Das ist nicht nur „nice to have“ sondern ein absolutes „Must-have“.

Blicken wir zum Schluss in die Zukunft: Wie behält der Journalismus in Zeiten von Homeless Media seine Relevanz?

Indem er lernt zu improvisieren. In der Wirtschaft predigt jeder Anlageberater: Setzen sie nicht alles auf eine Anlage, sondern diversifizieren sie. Ich denke, man sollte sich also auf allen bekannten Plattformen tummeln, aber auch immer wieder neue Möglichkeiten ausprobieren. Vor knapp einem Jahr hätte ich beispielsweise nie gedacht, dass ich Snapchat nutzen würde. Heute ist es ein absolutes Must. Ständige Weiterentwicklung ist unumgänglich. Im Grunde sind wir alle Smartphones, die immer wieder ein System-Update benötigen. Denn ganz egal, ob wir jetzt Millenials, Digital Natives oder Digital Immigrants sind, eines haben wir alle gemeinsam: Wir sind dazu verdammt, uns immer wieder neu zu erfinden. Und wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dabei jemals ans Ziel zu kommen.

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Alle Kommentare

  1. Mir ist es nicht egal, wo eine Nachricht herkommt. Eher das absolute Gegenteil: es ist das Entscheidende. Bei all dem Unfug, der durch die Welt (der sozialen Medien) geistert, würde ich, beispielsweise, nicht mal ein paar Minuten darauf verschwenden, mich in soetwas wie die “Panama-Papers” zu vertiefen, wenn ich nicht wüsste, wo das herkommt.Für recherchierte Geschichten von Spiegel, stern, Süddeutsche, Zeit, etc zahle ich dann auch gern.

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