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Bizarre Artikel über die “Segler-Mumie”: Presserat-Beschwerden gegen Bild und taz

Die Bild-Berichterstattung zur “Segler-Mumie” beschäftigt jetzt auch den Deutschen Presserat
Die Bild-Berichterstattung zur "Segler-Mumie" beschäftigt jetzt auch den Deutschen Presserat

Eine Meldung und ihre Mediengeschichte: Nachdem eine philippinische Polizeistation am 27. Februar bei Facebook das Foto einer mumifizierten Leiche postete, die Fischer auf einer havarierten Yacht entdeckt hatten, entwickelte die Redaktion von Bild eine regelrechte Obsession für die "Segler-Mumie" und brachte eine Serie von Artikeln, stets mit Foto der Leiche. Die sind nun Fall für den Presserat.

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Wie es beim Presserat heißt, seien bereits zehn Beschwerden zu Berichten über die “Segler-Mumie” eingegangen, hauptsächlich wegen Verletzung des Persönlichkeitsschutzes (Ziffer 8) sowie unzulässiger Sensationsberichterstattung (Ziffer 11). Der Leichenfund auf hoher See, wo die Segelyacht entdeckt worden war, hatte insofern einen Deutschland-Bezug, weil der Tote – Manfred B. – aus dem Ruhrgebiet stammte und offenbar vor vielen Jahren zur Weltumsegelung aufgebrochen war. Viel war es nicht, was die Reporter über ihn herausfinden konnten, aber das Rätsel um das Totenschiff muss für die Boulevardprofis der Bild-Zeitung pure Poesie gewesen sein.

Die erste Meldung war noch von polizei-typischer Schlichtheit. Am 27. Februar, um 13.49 Uhr, ging bei Bild.de ein Artikel unter der Überschrift “Vor den Südphilippinen: Deutscher tot auf Jacht gefunden” online, bebildert mit einem Foto eines Sandstrandes mit Palmen und der Bildunterschrift “Grausiger Fund vor traumschöner Kulisse.” Die unter Deck am Funktisch zusammengesunkene Leiche, deren Verwesung bereits eingesetzt hatte und die durch die Seeluft teilweise mumifiziert war, weckte dann aber das Jagdfieber der Reporter. Im Eiltempo enthüllte Bild Einzelheiten. “Mumie auf der Jacht: Segler Manfred war allein an Bord”, hieß es tags darauf, und nur wenige Stunden später legte die Redaktion nach: Toter deutscher Weltumsegler: Was verrät dieses Foto über das Rätsel der Segler-Mumie? Unter der Headline: das großformatige Foto des am Tisch zusammengesackten Seebären, das fortan als Grusel-Etikett an jedem Artikel klebte, je nach Bildausschnitt mit dem Fingerzeig des sich der Szenerie mit Mundschutz nähernden philippinischen Ermittlers: Seht her, hier haben wir die Leiche gefunden – eine Boulevard-Bildsprache, die ebenso aus der Zeit gefallen wirkt wie der Tote selbst. Auch Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner ließ der Fall nicht los; der “liebe tote Weltumsegler” bekam posthum “Post von Wagner”.

Und das Boulevardblatt drehte seine Story weiter: “Warum ist die Leiche nicht verwest? Die 5 größten Rätsel der Segler-Mumie”. Und weiter: “Philippinischer Fischer fand toten Deutschen: ‘Ein Geist war an Bord!'” Und weiter: “Rätsel um deutsche Segler-Mumie: Das Foto-Album aus dem Todes-Boot”, welches Bild sogleich plünderte und vergilbte Schnappschüsse druckte, die u.a. Menschen mit Schlaghosen in Paris zeigen, versehen mit der erhellenden Bildunterschrift: “Auch die Kathedrale Notre Dame stand bei dem Paris-Besuch auf dem Programm”. Zwei Tage später dann: “Todes-Rätsel um Segler-Mumie gelöst” – so war der Bericht über das Obduktionsergebnis übertitelt. Die Nachricht selbst war dabei recht unspektakulär: Manfred B. war im Alter von 59 Jahren einem Herzinfarkt erlegen; die zwischenzeitlich vom Boulevardblatt in den Raum gestellte Frage: “Kann es Mord gewesen sein?” hatte sich erübrigt. Die Gewissheit, dass es sich nicht um die Tat von Piraten oder einen sonstigen Gewaltakt handelte, tat dem Story-Storm bei Bild indes keinen Abbruch. “Erst seit sieben Tagen tot! Warum wurde sein Körper schon zur Mumie?”, hieß nur einen Tag später. Und dann: “Mumifizierter deutscher Segler: Tochter will seine Leiche identifizieren”. Und immer wieder: die Gebeine des Toten als Artikeloptik.

Das ging offenbar einigen Lesern zu weit, die deshalb den Presserat anriefen. Der wird sich voraussichtlich kommende Woche mit der Angelegenheit befassen. Für die Bild-Zeitung, deren Berichterstattung immer mal wieder zu Beschwerden führt, gibt es allerdings einen Trost. Im Fall der Segler-Mumie muss sich neben dem Boulevardmedium auch die linke taz vor dem Gremium verantworten. Die taz hatte das Foto des Toten an Goyas Meisterwerk “Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer” erinnert.

Die Zeitung brachte darauf hin unter der Überschrift “Der alte Meister: Einsamer Segler” eine künstlerische Bildbesprechung, in der es u.a. hieß: “… zugegeben, die Körperfettschicht ist schon ein bisschen in den Tisch gesickert. Dafür hat Manfreds Mumie noch ziemlich viele Haare, was nicht jeder 59-jährige Exilnordrheinwestfale von sich behaupten kann. Die Kabel seines Radiotelefons umkreisen ihn wie die Raubtiere den schlafenden Künstler von Goya. Soziale Isolation. Die Unfähigkeit, trotz aller vorhandener Technik, Kontakt zu den Mitmenschen aufzubauen. Der starre Blick! Vielleicht sucht Manfred in der Leere der oxidierten Hand ein Smartphone? Hat Manfred am Ende seiner Odyssee noch einmal versucht, kurz durchzurufen? Wir werden es nie erfahren.” Die Ironie war wohl nicht jedermanns Sache – auch hier wird der Presserat entscheiden, ob der taz-Text gegen den Kodex verstoßen hat.

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(ga)

 

 

 

 

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Alle Kommentare

  1. “unzulässiger Sensationsberichterstattung (Ziffer 11)”

    Was ist den zulässige Sensationsberichterstattung?

    Lokomotivgewerkschaftsführer vor seinem Haus?
    Halbnackter Putin bei der Jagd?
    Vermeintliches Flüchtlingskind mit Rotznase?
    Donald Trump im Rückenwind?
    AfD-Politikerin mit Torte im Gesicht?

    Was für eine schwachsinnige Alibi-Veranstaltung!
    Hauptsache diese Vollversorgten müssen sich nicht um die tatsächlichen Probleme sorgen. Die Hetze würde Merkel sonst fehlen.

  2. Auch wenn Meedia das wohl glauben machen will: Niemand muss sich “vor dem Presserat verantworten”. Der Presserat ist ein privater Verein ohne jede rechtliche oder gar exekutive Relevanz, den jedermann und auch jeder Journalist getrost ignorieren kann; das geschieht auch weitgehend, speziell “Bild” macht sich gelegentlich einen Spaß daraus, unter ausdrücklichem Verweis auf die wutschnaubenden Papiertiger das Gerügte gemüsslich zu wiederholen.

    Was verboten ist, steht in den allgemeinen Gesetzen. Alles andere ist erlaubt und geht damit weder den Staat noch selbsternannte private Tugendwächter etwas an. Die Rechtsnachfolger der Mumie aus der Celebes-See können es bei den ordentlichen Gerichten versuchen; das LG Hamburg ist da empfehlenswert.

    Natürlich kann man die sich Presserat nennenden Wichtigtuer nicht hindern, anhand ihrer selbst gebastelten (marxistischen) “Medienmoral” Unwert-“Urteile” über Gott und die Welt zu verzapfen. Wie das Bundesverfassungsgericht nicht müde wird zu verkünden, haben auch Deppen und politischem Wahn Verfallene die Rechte gem. Art. 5 GG.

    Im Übrigen: Anything goes. Jeder darf (im Rahmen der Rechtsordnung) alles veröffentlichen, niemand muss es kaufen oder lesen.

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