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“Authentischer Blick”: Tagesschau-Chef rechtfertigt YouTube-Sequenz im Beitrag zum Zugunglück

Kai Gniffke: Der Chefredakteur von ARD-Aktuell entschied, Ausschnitte aus einem YouTube-Clip zu zeigen
Kai Gniffke: Der Chefredakteur von ARD-Aktuell entschied, Ausschnitte aus einem YouTube-Clip zu zeigen

Das Zugunglück in Bad Aibling war am Dienstag Hauptthema auf allen Nachrichtenkanälen – auch bei der Tagesschau. Beim Bericht über die Katastrophe griff die Redaktion auch auf ein YouTube-Video zurück, das ein Fahrgast gefilmt hatte. Um die nur Sekunden lange Sequenz ist eine hitzige Diskussion entbrannt. Tagesschau-Chef Kai Gniffke verteidigt die Verwendung des Films – und liegt damit richtig.

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Zehn Menschen starben, als zwei Pendlerzüge auf einer eingleisigen Strecke frontal zusammenstießen. Den Rettungskräften bot sich ein Bild des Grauens, wie es selbst erfahrende Sanitäter selten zuvor gesehen haben. Alle TV-Nachrichten berichteten über die Katastrophe in ihren regulären Ausgaben sowie in Sondersendungen.

Die „Tagesschau“, aber auch die “Tagesthemen“ in der Halbzeitpause der DFB-Pokalpartie zwischen dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund, griffen für ihre Berichterstattung auf ein YouTube-Video zurück, das ein Augenzeuge direkt nach dem Unfall in einem der verunglückten Züge mit seinem Smartphone gedreht hatte. Der Film zeigt die Zerstörung und dokumentiert das Wehklagen und die Schmerzensschreie anderer Mitfahrer.

Wie soll nun eine Nachrichtensendung mit solchem Material umgehen? Dieser Frage ging der Chefredakteur von ARD-Aktuell in der Nacht noch einmal nach. In einem Blogposting beschreibt Gniffke, dass es sein erster Impuls gewesen sei, dass Video nicht zu verwenden:

Geht gar nicht, das sollten wir den Leuten nicht zumuten. Soll sich doch jeder der mag, das Video im Netz aufrufen. Dann kann man sich bewusst entscheiden, ob man das ansehen möchte.

Dann ändert er jedoch seine Meinung und entschloss sich, eine kurze Sequenz – jedoch ohne Ton – in den Bericht einzubinden, in dem keine Verletzten zu sehen waren. Immerhin erlaube der Clip „einen authentischer Blick auf das Unglücksgeschehen“ und die Bergungsarbeiten würde man ja auch zeigen. Mehr wollte der Tagesschau-Chefredakteur seinen Zuschauern aber nicht zumuten. „Außerdem würde es mit Sicherheit viele Zuschauer verstören, die nicht schnell genug an die Fernbedienung kommen.“

Über dieses Dilemma schreibt Gniffke:

Sie mögen einwenden, dass ist ein halbherziger Kompromiss. Ein Kompromiss vielleicht, aber einer, der dem journalistischen Informationsauftrag ebenso gerecht wird, wie dem Respekt gegenüber den Opfern – und den Zuschauern.

Die meisten Kommentatoren unter dem Blog-Posting teilen die Einschätzung des ARD-Aktuell-Chefs nicht. Dort heißt es unter anderem: „Der Informationsgehalt des Videos geht gegen null“, „das Video ist schlichtweg überflüssig“ oder auch „ein solches Video befriedigt nur die Sensationslust der Zuschauer“.

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Mit seinem Entschluss, auf das Video-Material zuzugreifen, ist Gniffke jedoch nicht alleine. Neben dem ZDF, das auch einen Ausschnitt aus dem Clip zeigt, macht die Bild beispielsweise am heutigen Mittwoch mit ihm aus. In großen Lettern heißt es auf der Titelseite: „Das Video aus dem Todeszug“.

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Die Redaktion um Chefredakteurin Tanit Koch entschloss sich jedoch ebenfalls, auf die schrecklichsten Foto-Sequenzen zu verzichten. Stattdessen beschreiben die Boulevard-Journalisten, was auf ihnen zu sehen ist.

Am Ende seines Postings schreibt Gniffke: „Bleibt noch eine Frage. Wie kann jemand in einer solchen Situation mit so vielen Verletzten über mehrere Minuten mit dem Smartphone einfach draufhalten?” Natürlich liefert der Hamburger auch gleich seine persönliche Erklärung mit:

Dieses Verhalten ist doch eigentlich empörend. Aber auch dieser Mensch hat das Unglück im Zug miterlebt, ist möglicherweise traumatisiert und hätte sich anders verhalten, wenn er als Unbeteiligter an die Unglücksstelle gekommen wäre. Ich möchte mir über ihn kein Urteil erlauben.

Man hätte ihn aber auch selbst fragen können. Genau das tat die BBC. Die Engländer zeigen längere Teile des Films und lassen den Augenzeugen einfach mit eigenen Worten beschreiben, was er gefühlt und gesehen hat. Das Ergebnis ist ein authentischer – aber auch emotional harter – Nachrichtenbeitrag, der dem Zuschauer ein realistisches Gefühl von dem Geschehen in Bad Aibling vermittelt. Die Grenze zwischen Authentizität und Voyeurismus war bei der Berichterstattung über das schreckliche Unglück wie so oft schmal – die Entscheidung für die Verwendung einer Teilsequenz des Zeugen-Videos dabei mutig, aber gerechtfertigt.

 

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Alle Kommentare

  1. Mich interessiert, ob die Tagesschau bei dem Urheber des Films die Zustimmung zur Sendung eingeholt hat und ihm die Nutzungsrechte für die Ausstrahlung honoriert hat. Oder hat die Redaktion einfach auf YouTube “zugegriffen”? Wäre letzteres rechtlich korrekt? Muss ich mit der Veröffentlichung von Videomaterial auf meinem YouTube-Kanal damit rechnen, dass dieses Material auch im Free-TV ausgestrahlt wird? Eine Veröffentlichung im Netz mit der Freigabe der Verlinkung bedeutet ja nicht gleichsam, dass der Urheber seine Bilder im TV oder als Screenshot in Printmedien sehen möchte. Über eine Aufklärung, wie dies generell bei der Tagesschau gehandhabt wird und in diesem konkreten Fall gehandhabt wurde, wäre ich dankbar.

  2. Schon wieder Doktor Gnifke, der Maître d’ der Tagesschau mit seiner unnachahmlichen Arroganz des Entscheiders.

    Habe keine Ahnung was schlimmer ist: Diese unnötigen Katastrophenbilder sehen zu müssen oder seine Orgie der Rechtfertigung zu lesen.

    Öffentlich-rechtlich die Gebühren zu kassieren und dann in Richtung RTL2 eine sensationslüsterne Berichterstattung liefern. – Das geht gar nicht! Das selbsternannte Flaggschiff der Nachrichten ist endgültig knirschend auf dem Boulevard angelandet.

    Die Kommentare unter seinem Blogbeitrag sind jedenfalls eindeutig negativ.

  3. “Mit seinem Entschluss, auf das Video-Material zuzugreifen, ist Gniffke jedoch nicht alleine”, relativiert Alexander Becker und verweist in diesem Zusammenhang auf die BILD. Verstehe ich diese Passage richtig, lieber Herr Becker, dass Ihrer Meinung nach alles, was BILD macht, auch zur Tagesschau passt?

    Das Video ist in der gezeigten Sequenz absolut nichtssagend und liefert nicht den geringsten Erkenntnisgewinn. Anders als die Außenaufnahmen, die das ganze Ausmaß der Zerstörung zeigen.

  4. Das Nutzung des Zappelfilmchen ist überflüssig, weil keine Informationen transportiert werden, die den Betrachter oder gar die Ermittler und Helfer weiterbringen. Vielleicht wäre das Telefon einfach zur Absetzung eines Notrufs sinnvoller eingesetzt gewesen ?

  5. Dieses Pseudo-Schockfilmchen (und auch die vagen visuellen Andeutungen reichen) guck’ ich mir nicht an. Splatter & Gore gibt es woanders für den, der’s braucht. Aber wieso ausgerechnet in der Krawattenschau?

    Es gilt weiter: Auch wenn vielleicht irgendetwas “echt” ist, dann muss es deswegen noch lange nicht auch “wichtig” sein! Sollte der Gniffke aber langsam wissen, dort oben in seinem elitären Elfenbeimturm den ihm die GEZ gebaut hat.

  6. Viel peinlicher als die Tatsache, dass ein nichtssagender Videoclip ohne Ton gezeigt wurde, ist dieser Boulevard-Beitrag von Becker selbst. Wie kommt er auf die Zahl von elf Toten? In allen Medienberichten ist nur von zehn Toten die Rede. Als Redaktionsleiter müsste er eigentlich wissen: Vor dem Schreiben hat man zu recherchieren.

  7. @Andromeda Nebel: Vielen Dank für den Hinweis, der Fehler ist korrigiert. Es war nicht Alexander Becker, der die falsche Zahl verwendet hat; die Opferangabe wurde nach einer Meldung der Polizei in Rosenheim verändert; diese Meldung war später dementiert worden.

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