Anzeige

Jakob Augstein und der „unsoziale“ Spiegel-Sparplan: Ein Dementi mit unberechenbaren Folgen

Jakob Augstein ist Gesellschafter wie auch Kolumnist des Spiegel

Jakob Augstein, Spiegel-Gesellschafter und Verlegersohn, widerspricht der Berichterstattung, er sei für härtere finanzielle Einschnitte in der Spiegel-Redaktion gewesen. Die Medienjournalistin Ulrike Simon hatte geschrieben, Augstein habe die Redaktion „mindestens so sehr bluten“ sehen wollen, wie die Verlagsebene. Augstein verbindet sein Dementi mit Kritik, die für ihn selbst Folgen haben könnte.

Anzeige

Die Darstellung, die Simon in ihrer Medienkolumne für das Redaktionsnetzwerk Deutschland von Madsack wiedergibt, wurde am Wochenemde von Augstein entschieden dementiert und als „falsch“ bezeichnet. Die Journalistin sei „auf die Täuschung einer unzuverlässigen Quelle reingefallen“, so Augstein weiter. Zudem kritisierte der Spiegel- und Spiegel-Online-Kolumnist ihr Handwerk. Simon hätte ihn vor Veröffentlichung nicht kontaktiert und mit dem Sachverhalt konfrontiert.

Die Medienjournalistin Ulrike Simon, die ich lange kenne, hat sich in einem kurzen Abschnitt eines Blog-Eintrags mit…

Posted by Jakob Augstein on Friday, January 15, 2016

Der Spiegel hatte im vergangenen Jahr angekündigt, jährlich 16 Millionen Euro einsparen zu wollen. Im Dezember stellte Geschäftsführer Thomas Hass Details des Sparplans vor, der unter anderem den Wegfall von 149 Stellen vorsieht. Der Großteil der betroffenen Arbeitsplätze geht dabei zulasten des Verlags, die Redaktion kam mit einem Abbau von 35 Stellen verhältnismäßig glimpflich davon. Dass sich die Gesellschafter des Spiegel-Verlags – neben der mächtigen Mitarbeiter KG (50,5 Prozent) sind das das Verlagshaus Gruner + Jahr (25,5 Prozent) sowie die Erbgemeinschaft der Augsteins (24 Prozent verteilt auf vier Erben) – in den Inhalt des Sparprogramms uneinig sind, deutete bereits kurz nach ihrem Bekanntwerden Welt-Medienberichterstatter Christian Meier an. Meier schrieb zwischen den Zeilen, dass zumindest einige Augstein-Erben mit dem „Wie“ des Sparprogramms unzufrieden seien. Simon hatte im April zudem berichtet, dass sich drei der vier Erben – darunter Jakob Augstein – von ihren Anteilen am Verlag trennen wollen. Dementiert wurde das nie.

In seinem Facebook-Posting erklärte Augstein weiter, für Simons Darstellung seiner angeblichen Äußerungen lägen keine Belege vor. Er verweist auf ein Sitzungsprotokoll der Gesellschafterversammlung, aus dem eine solche Erkenntnis nicht hervorgehe. „Simon erweckt den Eindruck, ich sei der Ansicht, der Spiegel spare nicht genug. Das Gegenteil ist der Fall. Der wichtigste Grund dafür, dass ich der Vorlage nicht zugestimmt habe, liegt darin, dass ich sie für unsozial halte.“ Und weiter: „Ich konnte eine Zustimmung weder mit meiner Verantwortung für das Lebenswerk meines Vaters noch mit meinem eigenen politischen Gewissen vereinbaren.“

In seinem Posting dementiert Augstein nicht nur, sondern macht auch die Verantwortung der Mitarbeiter KG deutlich. „Aufgrund von verlegerischen Entscheidungen der Vergangenheit muss nun in großem Umfang gespart werden. Das sorgt für Unmut. Die Mehrheitsgesellschafter tragen die Verantwortung für die Entscheidungen der Vergangenheit und sie tragen die Verantwortung für die daraus heute resultierenden Konsequenzen.“

Der Bericht Simons dürfte nicht nur an der Ericusspitze mit großem Interesse gelesen worden sein. Ob er so stimmt, ist nach dem Dementi Augsteins eher zweifelhaft. Nach MEEDIA-Informationen hatte es nach der entscheidenen Gesellschafterversammlung Ende November keine Hinweise darauf gegeben, dass Augstein einen weitreichenderen Stellenabbau gefordert habe. Gleichwohl ist es nicht auszuschließen, dass mit Blick auf die maßvollen Stellenkürzungen im redaktionellen Bereich das Thema der sozialen Ausgewogenheit in der Diskussion über das Papier der Geschäftsführung eine Rolle gespielt hat.

Im Umfeld des Spiegel kursiert nun auch eine andere Erklärung. Die möglicherweise gezielte (und dem Anschein nach unwahre) Indiskretion könne auch aus Redaktionskreisen erfolgt sein, die Augstein nach wie vor sein Engagement für den 2014 geschassten Kurzzeit-Chefredakteur Wolfgang Büchner bis übel nehmen. Büchner hatte damals unter dem Arbeitstitel „Spiegel 3.0“ eine enge Verzahnung der Print- und Online-Redaktionen mit gemeinsamer Ressortleitung angestrebt – ein No-Go für die Mehrheit der Print-Redakteure. Darüber hinaus heißt es aus dem Haus, dass etliche Führungskräfte enttäuscht seien, dass Augstein das beschlossene Sparprogramm „Agenda 2018“ nicht mittragen wolle. Immerhin gehe es um die Zukunftsfähigkeit des Hauses. Gerade nach den unruhigen Zeiten mit Büchner und dem Abgang von ihm sowie Geschäftsführer Ove Saffe hätte man sich Einigkeit gewünscht.

Dass Augstein nach wie vor Kolumnist beim Print-Spiegel wie auch bei Spiegel Online („Im Zweifel links“) ist, missfalle demnach im Hause vielen. Auch wenn dies nur Gerüchte sind, so ist nicht zu übersehen, dass der Verlegersohn mit dem Bericht von Ulrike Simon intern wie extern schwer beschädigt worden ist. Dass sie über Augsteins Verhalten in der Gesellschafterversammlung falsch berichtet habe, wie dieser behauptet, weist die Journalistin auf MEEDIA-Nachfrage von sich: „Wäre ich meiner Quellen nicht sicher, hätte ich es nicht geschrieben.“ Dennoch bleibt es merkwürdig, dass sie den, über den sie so detailliert berichtet, offenbar nicht einmal nach seiner Version gefragt hat.

In seinem Dementi erhebt Augstein darüber hinaus auch Vorwürfe gegen den Mehrheitsgesellschafter Mitarbeiter KG und stellt unmissverständlich klar, dass die abgesegneten Sparmaßnahmen seiner Überzeugung nach nicht im Sinne des Erbes seines Vaters gewesen seien. Ein Statement, das innerhalb des Spiegel für weiteren Unmut sorgen dürfte, da – so die Argumentation – Augstein selber bereits vor der „Agenda 2018“ für Kostenreduktion plädiert habe. Der Stellenabbau soll planmäßig in diesem Jahr erfolgen.

Die Frage ist, ob Jakob Augstein unter diesen Umständen noch lange Spiegel-Kolumnist sein wird. Wie es aus Redaktionskreisen heißt,  sei zwar aktuell kein Wechsel geplant, die Chefredaktion stehe aber dafür, die Kolumnen-Kultur „generell stets lebendig zu halten“. Erst zum Wechsel des Jahres war die Riege der Politik-Kolumnisten Augstein und Jan Fleischhauer um Markus Feldenkirchen ergänzt worden. Ob es bei diesem Trio bleibt – abwarten. Deutschlands Nachrichtenmagazin Nummer eins, das mit dem Claim „Keine Angst vor der Wahrheit“ um Leser wirbt, zeigt einmal mehr: In eigener Sache gibt es keine Wahrheit, zumindest keine, die intern unumstritten wäre.

(ga/ms)

Anzeige