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„Wurden unserem Auftrag gerecht“: ARD-aktuell weist Vorwurf der „Arbeitsverweigerung“ zurück

In einem offenen Brief antwortet ARD-aktuell-Vize Christian Nitsche auf die MEEDIA-Gastkolumne von Hasso Mansfeld

Die Mediendebatte Kölner Gewaltszenen in der Silvesternacht dauert an. Nachdem der Kommunikationsexperte Hasso Mansfeld der ARD in einem Gastbeitrag für MEEDIA im Zusammenhang mit der Berichterstattung „Arbeitsverweigerung“ attestierte, hat nun Christian Nitsche, Vize-Chefredakteur von ARD-aktuell in einem offenen Brief Stellung genommen und Mansfeld „vollkommen überzogene Wertungen“ vorgeworfen.

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Hier das Schreiben des Vize-Chefredakteur von ARD-aktuell im Wortlaut:

„Sehr geehrter Herr Mansfeld,

mit Interesse und Verwunderung haben wir Ihren Kommentar in meedia.de gelesen. Wir möchten zu einzelnen Punkten Stellung beziehen und bitten um redaktionelle Berücksichtigung:

Im Einzelnen:

Sie schreiben mit Bezug auf die Tagesschau: „Was haben die Vielen aber dann nach den Ereignissen in Köln getan?“

ARD-aktuell hat auf Basis der jeweils verfügbaren Erkenntnisse umfangreich berichtet. Am Tag, als die Dimension der Ereignisse in der Silvesternacht klar wurde (4.1.), hatte die Tagesschau in ihrer Hauptausgabe um 20 Uhr einen Beitrag, ebenso berichteten die Tagesthemen. ARD-aktuell gehört damit zu den Medien, die früh und prominent über das erschreckende Ausmaß der Straftaten berichtet haben.

Dass viele Medien erst umfangreicher an diesem Tag berichtet haben, erklärt sich vor allem durch die unzureichende Informationspolitik und im Kern falsche Bewertung der Polizei.

Am Neujahrstag hatte die Kölner Polizei zunächst von einer „friedlichen“ Silvesternacht gesprochen.

Die erste Meldung über Vorfälle in der Silvesternacht gab es erst am frühen Abend des 2. Januar 2016. Die Kölner Polizei berichtete in einer Pressemitteilung über unterschiedliche Vorfälle, „bei denen Frauen Opfer von Übergriffen geworden sind.“ 30 Betroffene hätten zu dem Zeitpunkt bereits Anzeige erstattet. Die Polizei habe deshalb eine Ermittlungsgruppe eingerichtet:

Anhand der Pressemitteilung war nicht war ersichtlich, dass es sich um ein Thema mit überregionaler Bedeutung handeln würde. Am 3. Januar und vor allem am 4. Januar (Pressekonferenz der Polizei) wurden weitere Details bekannt, und die Dimension wurde deutlich. Der Tagesschau-Bericht kann online hier angesehen werden.

Eine ausführliche und umfassende Berichterstattung gab es zudem hier und hier bei den Kollegen des WDR. Auf die Berichterstattung des WDR wurde auch bei tagesschau.de hingewiesen.

Schließlich berichteten auch die NDR-Kollegen von ähnlichen Übergriffen in Hamburg, in Köln kam es zu einem Krisentreffen von Polizei und Stadt. Weitere Anzeigen in anderen Städten und andere Aspekte wurden berichtet. Fazit: ARD-aktuell hat insgesamt sehr ausführlich parallel zur jeweiligen Meldungslage über die Silvester-Übergriffe berichtet.

Von einer „Arbeitsverweigerung“ kann vor diesem Hintergrund überhaupt nicht die Rede sein. Auch weisen wir scharf zurück, es sei aus Gründen der Opportunität bewusst nicht berichtet worden. Auftrag der Nachrichtensendungen ist es, die Realität so gut es geht abzubilden. Diesen Auftrag nimmt ARD-aktuell sehr ernst und wurde ihm auch in der vergangenen Woche gerecht. Es ist sehr bedauerlich, dass im Zusammenhang mit der Berichterstattung vieler Medien von „Bankrotterklärung“ die Rede ist. Solche extremen Wertungen schaffen ein Klima, das das Vertrauen in die Qualitätsmedien und ihre Kontrollfunktion insgesamt schwächt. Begründete Kritik hat immer ihre Berechtigung. Vollkommen überzogene, maßlose und pauschal diffamierende Wertungen tragen insgesamt zu einer Entfremdung von Instanzen bei, die für das Funktionieren einer Demokratie wichtig sind. Weder die Medien, noch die Politik, die Verwaltung oder die Polizei lassen sich pauschal kritisieren. Man muss schon differenzieren, um einen weiterführenden Beitrag im demokratischen Diskurs zu leisten.

Konkreter Kritik stellen wir uns, Qualitätskontrolle ist wichtig. So sind wir auch dankbar über den Hinweis auf den genannten Kommentar: Bei der Zahl der Dunkelziffer in Höhe von 200 nicht angezeigten Sexualdelikten jährlich auf dem Oktoberfest hat sich die Kommentatorin auf einen Artikel der taz bezogen. Wie die Polizei gegenüber dem Münchner Merkur erklärte, ist diese Zahl nicht korrekt. Die Autorin hat ihren Kommentar deshalb angepasst.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Nitsche
Zweiter Chefredakteur ARD-aktuell“

Update, 12.01.: Auf den offenen Brief von Christian Nitsche hat Hasso Mansfeld mit einem offenen Brief geantwortet. MEEDIA dokumentiert seine Stellungnahme zu der Antwort des zweiten ARD-aktuell-Chefredakteurs auf seinen MEEDIA-Gastbeitrag:

„Sehr geehrter Herr Nitsche,

erlauben Sie mir Ihnen auf diesem Wege zu antworten.

Dass die Vorfälle in Köln von nationaler Bedeutung sind, war meines Erachtens durch die Berichterstattung der Kölner Lokalmedien, spätestens am Abend des 2. Januars ersichtlich. Allerspätestens aber durch die Berichterstattung der Sonntagsausgabe des Express.
Der Kernpunkt meiner Kritik ist deshalb, dass Ihre Redaktion also mindestens einen, eher zwei Tage verstreichen ließ, um über die Vorfälle in Köln zu berichten.

Zudem hätte man nicht nur an der zwischenzeitlichen Berichterstattung Dritter bemerken können, dass es etwas überregional Berichtenswertes gibt. Sondern auch beim Lesen der beiden Pressemitteilungen der Kölner Polizei vom 2.bzw. 3. Januar stutzen können: Wenn die Behörden darin doch schon selber zugeben, dass etwas schief gelaufen sei, ist es meines Erachtens die journalistische Pflicht, nachzuhaken.

Laut Auskunft der Kölner Lokalmedien ist man übrigens vor allem durch Anrufe von Opfern in den Redaktionen auf die Dimensionen der Übergriffe aufmerksam geworden. Solche Anrufe hat es – dessen bin ich mir sicher – bestimmt auch bei Ihren Kollegen vom WDR in Köln gegeben.

Meine Kritik bezieht sich also ganz konkret auf die meiner Meinung nach in diesem Fall mangelnde Ausübung der Kontrollfunktion unserer Behörden durch Ihr Haus. Ich halte meine Kritik deshalb auch nicht für allgemein, entsprechend auch nicht für übertrieben oder maßlos. Sie untergräbt deshalb auch nicht das Vertrauen in Institutionen.

Vielmehr geht Vertrauen in Institution doch verloren, wenn folgender Eindruck entsteht: Den Verlautbarungen von Behörden wird erst einmal ungeprüft Glauben geschenkt. Selbst dann, wenn es deutliche Hinweise auf gravierende Ereignisse gibt, die diesen Verlautbarungen entgegenstehen.

Die Korrektur des Kommentars Ihrer Social-Media-Redakteurin Anna-Mareike Krause ist aller Ehren wert. Indes hat mich ihr Versuch die Kölner Vorfälle allgemein in das Phänomen Sexismus in der Gesellschaft einzuordnen, in meiner Vermutung bestärkt, dass es zumindest Widerstände in ihrer Redaktion gibt, vermeintlich unangenehme Themen anzupacken.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Hasso Mansfeld“

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