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Drei besonders ärgerliche Medien-Beiträge zu den Köln-Krawallen

Haste mal 'ne Meinung: Jakob Augstein, Margarete Stokowski, Anne Wizorek

Das erste große Thema des neuen Jahres sind die Krawalle von Köln zur Silvesternacht. Auch die Medien spielen dabei eine Rolle. Und nicht immer die glücklichste. Außerdem: Der leere Topf voll Gold und ein verwirrter Tweet von Spiegel Online. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Dass die Medien überregional viel zu spät dran waren mit der Berichterstattung zu Köln, haben wir nun schon ausführlich abgehandelt. Besonders drei Stücke sind mir in dieser Woche ganz persönlich aber noch sauer aufgestoßen. Da war zum einen die Kolumne von Margarete Stokowski bei Spiegel Online mit der schmissigen Headline “Des Rudels Kern”. Sie schreibt: “Des Rudels Kern ist die Vorstellung vom wild gewordenen – wenn nicht schon immer wild gewesenen – Ausländer, der sich all das nimmt, was andere gern hätten: Frauen und iPhones.” Ihre – darf man das so nennen? – Polemik gipfelt in der Aussage:

Die eigenen Frauen will der gute Deutsche immer noch selbst belästigen dürfen.

Das ist auf so vielen Ebenen daneben, dass ich mich sogar für drei Minuten ein kleines bisschen aufgeregt habe. Frau Stokowski zieht auch unpassende Vergleiche zu Großveranstaltungen, wie dem Oktoberfest, dem Karneval und Fanmeilen, wo es ja auch sexuelle Übergriffe gibt. Warum solche Vergleiche Quatsch sind, hat der Bajuware vom Dienst, Don Alphonso, dankenswerterweise in der FAZ am Beispiel des Oktoberfestes ausgerechnet:

In München werden im Jahr pro 1000 Einwohner 70 Straftaten registriert. Der Mob von Köln hat dazu nicht einmal eine einzige Nacht gebraucht. Aufs Jahr gerechnet kämen 1000 rein männliche Wiesnbesucher dagegen auf 145 Straftaten. Damit hätten die männlichen, betrunkenen, feierwütigen Oktoberfestbesucher in etwa die normale Kriminalitätsrate von Köln ohne den Silvestermob.

In eine ähnliche Kerbe wie Frau Stokowski haut Aufschrei-Frau Anne Wizorek in einer mir bis dato unbekannten Rubrik namens “Zwischenruf” im ZDF “heute journal”:

Das Fatale an der Situation ist, dass wir nur auf sexualisierte Übergriffe von Männern mit Migrationshintergrund gucken. (..) Wenn wir nur auf diese Gruppe schauen und sie als alleinige Täter identifizieren, ist das eine rassistische Annahme.

Hier kann man den Beitrag in der ZDF-Mediathek anschauen (Frau Wizorek kommt bei Minute 13:19). Naja. All zu viele Bayern, Karnevalisten Chinesen oder irische Fußball-Anhänger – to name a few – waren auf den Videos von jener Nacht nicht zu entdecken und tauchen auch in den Polizeiprotokollen und Augenzeugenberichten nicht auf. Auf welche Gruppe sollte man denn nach Meinung von Frau Wizorek schauen, wenn nicht auf die, die nun mal da war? Warum hat den Vorfall eigentlich niemand aus der “heute journal”-Redaktion kommentiert? Hat sich keiner getraut, nachdem das ZDF die Berichterstattung über den Fall sogar über Tag vier hinaus verpennt hatte und sich der Hipster-Ableger “heute+” mit der öffentlich vorgetragenen Frage, wie man denn bitteschön berichten soll, relativ unmöglich gemacht hat?

Fragwürdig auch eine Einlassung von Jakob Augstein, die dieser komischerweise nicht bei Spiegel Online, dem Spiegel oder seiner eigenen Zeitung Der Freitag veröffentlicht hat, sondern bloß bei Facebook. Bei den Vorgängen in Köln habe es sich ganz überwiegend um “minderschwerer Straftaten” gehandelt, konstatiert Augstein. Köln sei “ein Fall für den Kölner Stadtrat, vielleicht für den Landtag des Landes Nordrhein Westfalen”, so Augstein. Warum also die Aufregung wegen dem bisschen Gegrapsche?

Augstein weiß natürlich die Antwort: Weil wir alle rassistisch sind! Natürlich! Er schreibt:

Tausend Tunesier, die „unsere“ Frauen anfallen – das fehlte gerade noch. Der Fremde und seine bedrohliche Sexualität – das ist das älteste Vorurteil des Rassismus. Und gerade der Orient war seit jeher der Ort für eigene sexuelle Projektionen. Schleier und Tänze, Harem und Badehaus – und natürlich die Vielehe – versprachen eine andere Sexualität, freier, mit weniger Schuld. Der triebhafte Araber ist ebenso eine Erfindung des Westens wie der schamlos-lüsterne Jude.

Abgesehen davon, dass nirgends zu lesen war, dass “tausend Tunesier ‘unsere’ Frauen” angefallen haben. Dass die Vorfälle von Köln waren, wie sie waren, lässt sich wohl kaum bestreiten. Und was soll das Fantasieren von Schleiertänzen, Harem und Badehaus?

Kurz was zu KölnDie Bundeskanzlerin ist vor allem deshalb so beliebt, weil sie so wenig redet. Wenn sie den Mund…

Posted by Jakob Augstein on Donnerstag, 7. Januar 2016

Vielleicht, ganz vielleicht nur sollten wir versuchen, uns von den sexistischen, rassistischen, migrations- und integrationspolitischen Komplexen, die das Thema hat, zu lösen und die Vorfälle in erste Linie als Straftaten betrachten. Dann müsste man festhalten, dass unsere Polizei offensichtlich nicht in der Lage war, diese Straftaten zu verhindern, bzw. dass sie offenbar auch nicht in der Lage ist, die Täter zu verfolgen und der Justiz zuzuführen. Das ist ein Problem. Die Folgerung daraus könnte lauten: Wir brauchen mehr Video-Überwachung in öffentlichen Räumen und wir brauchen viel mehr Geld für die Polizei, das in Personal und Ausbildung gesteckt werden sollte. Politik, bitte übernehmen sie!

Jetzt noch kurz zu etwas völlig anderem. Was ist eigentlich mit Topfvollgold.de los? Sie wissen schon: Das ist dieses Medien-Blog, das die zahlreichen Verfehlungen und Schandtaten der Yellow-Press so akribisch aufspießt. Also aufgespießt hat. Der jüngste Beitrag bei Topfvollgold.de datiert vom 25. September vergangenes Jahr. Seither herrscht Funkstille bei der Regenbogen-Polizei. Noch im Februar 2015 war die Mitarbeiterzahl aufgestockt worden und die Macher Mats Schönauer und Moritz Tschermak wollten wieder verstärkt Verfehlungen beim Presserat anzeigen. Mehr bloggen statt weniger, war die Devise. Warum nun seit einiger Zeit gar nichts mehr kommt – wir wissen es nicht. Anfragen von MEEDIA wurden leider nicht beantwortet. Schade wär’s, wenn der Topf voll Gold 2016 dauerhaft leer bliebe.

Schönes Wochenende!

PS: Die Nachrichtenlage kann bisweilen ganz schön verwirrend sein:

Bildschirmfoto 2016-01-08 um 15.33.48

Kann passieren. Den Tweet mit den Terrorangriffen der Bundeswehr hat Spiegel Online schnell wieder gelöscht.

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