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Die Krawalle von Köln und die große Verunsicherung in Medien und Politik

Handyvideo der Krawalle am Kölner Hauptbahnhof an Silvester

Vor dem Hauptbahnhof in Köln rotteten sich also in der Silvesternacht über 1.000 Männer zusammen und konnten offenbar weitgehend ungehindert Krawall machen und Frauen in Serie massiv sexuell belästigen und beklauen. Dass so etwas in Deutschland am Ende des Jahres 2015 möglich war, macht sprachlos. Erschreckend ist aber auch, wie langsam und hilflos Behörden und Medien auf den Vorfall reagierten.

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Der Vorfall in Köln (und ein ähnlicher auf der Reeperbahn in Hamburg, ebenfalls in der Silvesternacht) ist dazu geeignet, die Gesellschaft nachhaltig zu spalten. Dass Polizei, Opfer und Augenzeugen übereinstimmend berichten, dass der Großteil der wild gewordenen Männer-Meute aus dem arabischen/nordafrikanischen Raum stammt, ist Wasser auf die Mühlen von Pegida & Co. Wenn ein Ereignis geeignet ist, den rechtspopulistischen Kräften im Land Vorschub zu leisten, dann dieses.

Hinzu kommt, dass der Vorfall Defizite bei Staat und Medien gnadenlos bloßstellt. Trotz des teuersten öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Welt, trotz zig Social Media-Redaktionen und trotz Online-Redaktionen, die im Zweifel die neusten Volten im Hause Kardashian aus den USA in Minutenschnelle tickern, hat es vier lange Tage gedauert, bis ausführlich bundesweit über den Vorfall berichtet wurde.

Wenn man die „Tagesschau“ sah, Spiegel Online und Bild (oder andere überregionale Medien) las, bekam man bis zum vergangenen Montag nix mit von den Vorfällen in Köln und Hamburg. Regionale Medien wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichteten schon am Neujahrstag von den Übergriffen, allerdings noch unvollständig, was aber der Unübersichtlichkeit der Vorgänge geschuldet sein mag.

Bis die große Medienmaschine anlief, dauerte es vier lange Tage. So lange, bis die Kölner Polizei am gestrigen Montag eine Pressekonferenz zum Thema abhielt. Gibt es eine Pressekonferenz, dann springt auch die „Tagesschau“ auf so ein Thema auf und berichtet erstmals über die Vorfälle. Wenn auch eher weniger prominent im Mittelteil der Sendung.

Man muss allerdings auch festhalten, dass die Medien, als sie dann mal aufgewacht waren, größtenteils sachlich und ohne Verschleierung berichteten. Dass die Männer-Meute und die aus ihrer Mitte entstammenden Täter dem arabisch/nordafrikanischen Raum zuzuordnen sind, wurde und wird in fast allen Berichten erwähnt. Warum? Weil es relevant ist für das Verständnis des Vorgangs.

Trotzdem wird die anfängliche Trägheit von interessierten Kreisen nun zum Anlass genommen, wieder mal einen „Lügenpresse“-Vorwurf zu stricken. Motto: „Die Medien“ hätten versucht, den Vorfall zu unterdrücken und seien erst durch den Druck der Sozialen Medien zum Berichten „gezwungen worden“. So ungefähr liest es sich u.a. in dem weit ins rechtspopulistische Lager hineinreichenden Blog des ehemaligen WirtschaftsWoche-Chefredakteurs Roland Tichy.

Aber nicht nur die Medien wurden von Köln auf dem falschen Fuß erwischt, sondern offensichtlich auch die Polizei. Die Staatsgewalt zeigt sich „überrascht“ und „betroffen“ von der „neuen Dimension“ der Gewaltbereitschaft. Man „rätselt“ über die Ursachen. Auf Handyvideos aus der Nacht sieht man ein Polizeifahrzeug zögerlich auf dem Domplatz in Köln hin und herfahren. Polizisten stehen herum. In Berichten ist von einer Zivilpolizistin zu lesen, die Opfer von sexuellen Attacken wurde. Später gelang es der Polizei dann offenbar, den Platz zu räumen aber bis dahin war schon viel zu viel geschehen. Dass die Ordnungsmacht genauso perplex, überrumpelt und überfordert scheint wie man selbst, ist vielleicht menschlich verständlich, verschafft einem aber kein gutes – will heißen: sicheres – Gefühl.

Und jetzt, nach dem Vorfall: Eine Pressekonferenz wird abgehalten, eine Krisensitzung anberaumt. Es wird von Videoüberwachung am Domplatz geredet und mit Sorge auf den anrollenden Karnevals-Irrsinn in Köln geblickt. Der Staat, er wirkt so saft- und kraftlos wie ein Sozialkundelehrer kurz vor der Pensionierung vor einer Rabaukenklasse.

Das Gefühl macht sich breit, dass es ein Defizit an Autorität in diesem Land gibt. Die Polizei ist verunsichert wegen schlechter Ausstattung, wegen zu wenig Personal und zu schnellen Vorwürfen. Die Politik ist verunsichert wegen der Wankelmütigkeit der Wähler und der Kurzatmigkeit der Medien. Die Medien sind verunsichert wegen des Aufstiegs des Internets, den Lügenpresse-Vorwürfen und wirtschaftlichen Bedrängnissen. Wir leben in einer von Grund auf verunsicherten Republik.

Es ist dies, was der Spiegel in einer der letzten Titelstories des Jahres 2015 „Die verstörte Nation“ nannte. Das Phänomen geht aber über Rechtspopulismus und die behördliche Überforderung in der Flüchtlingskrise hinaus. Diese Elemente verstärken eine schon länger feststellbare Erosion von Werten und deren Durchsetzung im Staat, in den Medien, in der Schule, im Elternhaus. Dass diese Werte-Erosion nicht nur in eine geistige Verunsicherung mündet, sondern in einen tatsächlich am Leib spürbaren Verlust an Sicherheit, konnte in der Silvesternacht am Bahnhof von Köln und auf der Reeperbahn in Hamburg leider besichtigt und erfahren werden.

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