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Stefan Austs Absage an den Medien-Mainstream – das erste Editorial des neuen Welt-Chefredakteurs

Stefan Aust stellte sich den Welt-Am Sonntag-Lesern als neuer Welt-Chefredakteur vor

Jetzt ging doch alles ein bisschen schneller. Jan-Eric Peters, der offiziell zum 1. Januar für Springer seinen neuen Posten beim News-Aggregator Upday antreten soll, feierte seine Abschiedsparty bei der Welt. Parallel schrieb Stefan Aust in der Welt Am Sonntag sein erstes Editorial als neuer Welt-Chefredakteur. Es ist eine Absage an den Medien-Mainstream.

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Als Springer die Personalien verkündete, dass Welt-N24-Chefredakteur Jan-Eric Peters sich künftig um den Samsung-News-Aggregator Upday kümmern wird, hieß es, dass Ex-Spiegel-Chef und Welt-Herausgeber Stefan Aust „kommissarisch“ die Chefredaktion der Welt-Gruppe übernehme, bis ein Nachfolger gefunden ist.

Als Welt-Erklärer hatte Aust bereits seinen ersten Auftritt in der ARD-Talkshow von Günther Jauch, weitere TV-Auftritte dürften folgen. Und am gestrigen Sonntag stellte er sich als neuer Chefredakteur den Lesern der Welt am Sonntag vor:

Die Zeiten sind aufregend, ja beunruhigend: Terror in Paris, in San Bernardino, wer weiß, wo morgen, Krieg in Syrien, demnächst unter Beteiligung der Bundeswehr. Russische Flugzeuge, die vom Himmel geholt werden, und russische Kampfflugzeuge, die Rebellen und Zivilisten bombardieren. Eine religiöse Mordsekte, die vor den Kameras von Smartphones Menschen die Köpfe abschneidet und die Bilder in HD-Qualität ins Internet stellt. Eine Million Flüchtlinge in Deutschland, eine Koalition, bei der jeder in der Öffentlichkeit etwas anderes sagt als unter vier Augen. Und eine Bevölkerung, die nicht mehr so recht weiß, wen sie eigentlich wofür gewählt hat.

Soweit Austs aktuelle Diagnose des Welt-Geschehens. Für die Medien seien dies wichtige Zeiten, schreibt er weiter, sie müssten informieren, aufklären, Zusammenhänge herstellen und den Regierenden auf die Finger schauen. Mithin die klassischen Tugenden des Journalismus.

Er findet freundliche Worte für seinen Vorgänger („Was ‚Jep‘ aufgebaut hat, wird nun konsequent fortgesetzt: Journalismus im digitalen Zeitalter.“) und beschwört das Springer-Mantra, dass man nicht mit Papier handle, sondern mit Inhalten. Richtig interessant wird es am Ende von Austs erstem Welt-Editorial:

Damit Sie, die Leser, die Zuschauer und die Onlinenutzer, die Welt so sehen, wie sie ist, versuchen wir, sie so zu recherchieren und zu beschreiben, wie sie ist. Jenseits parteipolitischer Voreingenommenheit oder modischer Angepasstheit an den wechselnden Mainstream: konkret, offen, kritisch – nach allen Seiten. Besser eine gute Frage als eine schlechte Antwort. Ein verspätetes Kind der Aufklärung eben. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Aust formuliert hier eine deutliche Absage an den den so genannten medialen Mainstream. Das wird auch mancher Gegner von Angela Merkels Flüchtlingspolitik gerne lesen. Es wird auf jeden Fall spannend zu beobachten, wie Aust den Anspruch publizistisch einlösen wird, nach allen Seiten offen und kritisch zu sein. Es macht jedenfalls den Eindruck, dass da einer mächtig Lust auf eine neue Aufgabe hat. „Kommissarisch“ fühlt sich die beginnende Chefredaktion von Stefan Aust bei der Welt jedenfalls nicht an.

(swi)

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