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Das befleckte Sommermärchen: Riesenskandal oder ein Riesenproblem für den Spiegel?

Der ehemalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und der Spiegel-Titel, der die Affäre ins Rollen brachte

Die aktuelle Spiegel-Titelstory „Das zerstörte Sommermärchen“ schlägt hohe Wellen. Aber vielleicht anders, als es sich die Macher beim Nachrichtenmagazin erhofften. Statt Bewunderung für die Enthüllungsleistung wird nun viel gemäkelt an fehlenden Beweisen dafür, dass die Vergabe der Fußball-WM 2006 an Deutschland tatsächlich gekauft war. Könnte der Riesen-Skandal gar zum Riesen-Problem für den Spiegel werden?

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So wie der Spiegel seine aktuelle Titelstory aufmacht, lässt die selbstbewusste Redaktion aus Hamburg keinen Zweifel an der Lesart der Geschichte: Der Spiegel – so wird der Eindruck erweckt – deckt hier tatsächlich final auf, dass die Vergabe der Fußball-WM 2006 an Deutschland, das von allen geliebte Sommermärchen, mit schmutzigen Tricks und schwarzen Geldern erkauft wurde. Nachträglich, so wird suggeriert, fällt ein dunkler Schatten auf die damals endlos scheinende Fußball-Party im eigenen Land.

Vorwürfe und Verdachtsmomente, dass bei der Vergabe im Jahr 2000 etwas faul gewesen sein könnte, sind nicht neu. Nur weil das neuseeländische Fifa-Exekutivmitglied Charles Dempsey vor der entscheidenden letzten Abstimmung aus bis heute unklaren Gründen überstürzt abreiste, konnte Deutschland mit 12:11 Stimmen denkbar knapp gewinnen.

Hat der Spiegel nun also die Smoking Gun gefunden, den finalen Beweis, dass alles Schmu war? Nein, hat er nicht. Aber er hat schwer wiegende neue Indizien aufgedeckt. So kann der Spiegel nachweisen, dass der Deutsche Fußball Bund 2005 knapp sieben Millionen Euro über ein Konto der Fifa an den mittlerweile verstorbenen früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus verschoben hat. Deklariert war die Summe als Beitrag zum Kultur-Programm der Fifa. Auf einem Fax soll laut Spiegel der amtierende DFB-Präsident Wolfgang Niersbach das Geld als „das vereinbarte Honorar für RLD“ bezeichnet haben.

Der Spiegel rekonstruiert nun, dass der schillernde Louis-Dreyfus (er hatte FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß auch die Millionen für seine Börsen-Zockereien geliehen) vor der Vergabe der WM das Geld dem deutschen WM-Organisationskomitee zugeschustert hat, damit die Deutschen die vier benötigten Stimmen aus Asien kaufen konnten. Diese Behauptung wird vom Spiegel allerdings nicht hart aufgestellt. Es regiert der Konjunktiv. „Ob und wieviel Geld aus Deutschland nach Asien ging – unklar“, heißt es an einer Stelle. Anderswo ist zu lesen: „Weil Deutschland geschmiert hatte? Es gibt dafür bisher keinen Beweis. (…) Aber es gibt Verdachtsmomente.“

In diesen beiden Sätzen liegt die Problematik der Spiegel-Titelstory. Das Fehlen von Beweisen hat den DFB dazu veranlasst, den Medienanwalt Christian Schertz in Marsch zu setzen, der im Fernsehen schon von Gegendarstellung, Unterlassung und gegebenenfalls Geldforderungen sprach. Die Bild-Zeitung, die traditionell ein enges Verhältnis zum DFB und vor allem zur Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, pflegt, krittelt auch eifrig an der Spiegel-Geschichte herum. Die Bild will erfahren haben, dass die Dreyfus-Millionen erst 2002 flossen – also nach der WM-Vergabe, nennt hierfür allerdings keine Quelle.

Der DFB selbst erklärte mittlerweile, dass es die Zahlung von 6,7 Mio. Euro im Jahr 2005 an die Fifa tatsächlich gegeben hat:

Im zeitlichen Zusammenhang mit diesen Prüfungen sind dem DFB Hinweise bekannt geworden, dass im April 2005 eine Zahlung des Organisationskomitees der WM 2006 in Höhe von 6,7 Millionen Euro an die FIFA geleistet wurde, die möglicherweise nicht dem angegebenen Zweck (FIFA-Kulturprogramm) entsprechend verwendet wurde. Die Zahlung stand in keinem Zusammenhang mit der bereits rund fünf Jahre zuvor erfolgten Vergabe.

Allerdings gibt der DFB hier nur das zu, was der Spiegel selbst hart belegen kann. Den Zusammenhang mit der WM-Vergabe weist der DFB von sich. Dass im DFB einfach mal so mehrere Millionen für unklare Zwecke überwiesen werden, ist für sich genommen schon ein starkes Stück. Beim Spiegel hat man sich dafür entschieden, es nicht bei den belegbaren Fakten zu belassen, sondern die Story so zu erzählen, wie man sie für plausibel hält. Daraus macht der Spiegel auch keinen Hehl:

Juristisch gilt die Unschuldsvermutung, nach den Gesetzen der Logik fällt es schwer, etwas anderes als Schuld zu vermuten.

Mit anderen Worten: In Sachen DFB und Fifa gilt für den Spiegel die Schuldvermutung. Die Frage ist nun: Darf ein Medium das einfach so festlegen?

So verdorben ist die Fifa, dass die logische Frage schon seit Längerem lautet: Warum sollte da nichts gewesen sein? Wa- rum sollten die Deutschen die einzigen Koi-Karpfen in diesem Dreckstümpel gewesen sein? Empfindlich, scheu, allergisch gegen jede Eintrübung von Moral und Gewissen? Wären sie das tatsächlich gewesen, wie hätten sie überlebt? Und umgekehrt: Weil sie überlebt haben, erfolgreich waren, die WM nach Deutschland holten, können sie selbst wohl kaum so sauber gewesen sein, wie sie gern behaupten.

Die Logik des Spiegel: Wer sich im korrupten System der Fifa durchsetzen will, muss selbst korrupt sein. Der DFB hat sich im Jahr 2000 mit der WM-Vergabe nach Deutschland durchgesetzt, ergo muss der DFB korrupt sein. Das mag schlüssig sein und sogar „logisch“, wie der Spiegel schreibt. Vor Gericht würde man mit solch einer Argumentationskette freilich untergehen.

Die Spiegel-Story um das „zerstörte Sommermärchen“ ruft Erinnerung wach an den Spiegel-Titel über die Kasachstan-Connection deutscher Ex-Politiker. Deutsche Ex-Politiker hätten sich für Geld für die Sache des kasachischen Diktators einspannen lassen, schrieb der Spiegel unter der Überschrift „Das Kasachstan Komplott“. Oder: fast einspannen lassen, wie man nach Lektüre feststellen musste. Von den Ex-Politikern, die auf dem Titel mit Verbrecher-Fotos gezeigt wurden, kam es im Falle von Altkanzler Gerhard Schröder zu keinem Vertrag mit Kasachstan. Und auch Ex-Bundespräsident Horst Köhler zuckte vor einem Vertrag zurück. Letztlich blieben dem Spiegel begründete Spekulationen – so wie im aktuellen Fall auch.

Dass der letzte Beweis fehlt, ist dem Nachrichtenmagazin nicht anzukreiden. Die dubiosen Millionen, die vom DFB verschoben wurden, sind für sich genommen schon eine spannende Story. Dem Spiegel ist aber womöglich anzukreiden, im Bemühen um den Super-Skandal über das Ziel hinauszuschießen. Da wird DFB-Präsident Niersbach schon zu Beginn in eine Reihe gestellt mit dem in einer Badewanne tot aufgefunden CDU-Politiker Uwe Barschel und seinem berühmten „Lügen-Ehrenwort“. Der Sport-Journalist Jens Weinreich, der an der Story mitschrieb, stellt im Video bei Spiegel Online die Spekulationen als Fakten dar, lediglich notdürftig angereichert mit dem Wort „offenbar“, das als Sicherheitsvokabel in Richtung der DFB-Anwälte dienen mag. Der Spiegel lehnt sich hier weit aus dem Fenster.

Die Bild-Zeitung schrieb zu dem Fall:

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Der DFB kann überzeugend klären, was tatsächlich gelaufen ist. Dann hätte der „Spiegel“ eine Luftnummer produziert.

Oder das Magazin legt Beweise vor. Dann muss die Geschichte des Sommermärchens neu geschrieben werden.

Das ist in der Tat die Gretchenfrage: Riesen-Skandal oder ein Riesen-Problem für den Spiegel? Die Antwort liegt vermutlich dazwischen.

Dass an der Lesart des Spiegel so rein gar nichts dran ist, mag man nicht glauben. Zu plausibel sind die Herleitungen des Nachrichtenmagazins, zu windelweich die Äußerungen des DFB. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie der Fußballbund den Verbleib jener 6,7 Mio. Euro rechtfertigen wird.

Hier hat der Spiegel tatsächlich den Finger in die Wunde gelegt. Und gezeigt, dass er „keine Angst vor der Wahrheit“ hat, wie das Magazin in seiner Werbung behauptet. Gut möglich, dass hier am Ende tatsächlich noch Köpfe rollen.

Dass die Geschichte des Sommermärchens 2006 wegen einer Schmiergeldaffäre neu geschrieben werden wird, wird aber auch nicht eintreten. Daran hat schlicht niemand ein Interesse: Der DFB nicht, große Teile der Medien und vor allem nicht das Publikum. Denn hier hat die Öffentlichkeit möglicherweise Angst vor der Wahrheit.

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