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Überlastung als Normalzustand – die Probleme von tagesschau.de mit den Leser-Kommentaren

"Überlastet": tagesschau.de kämpft mit Kommentaren

Das Management von Leser-Kommentaren im Internet stellt Medien vor große Herausforderung. Diese Herausforderungen werden angesichts emotional diskutierter Themen wie aktuell der Flüchtlingskrise eher größer als kleiner. Bei tagesschau.de bekennt man mittlerweile, mit der Anzahl an Kommentaren oftmals überlastet zu sein. Dabei handhabt die Redaktion der Nachrichtensendung Leser-Kommentare ohnehin schon sehr restriktiv.

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Liebe User,

wegen der hohen Anzahl der Kommentare ist unsere Moderation derzeit überlastet. Deshalb kann diese Meldung im Moment nicht kommentiert werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen

Die Moderation

Dies ist ein Text, der einem häufiger begegnet, wenn man sich auf meta.tagesschau.de bewegt, der Plattform, auf der die ARD-Nachrichtensendung mit ihren Lesern und Zuschauern diskutieren möchte. Es gibt ein paar Varianten der vorformulierten Kommentar-Schließungs-Botschaft. Manchmal wird die Schließung der Kommentarspalte als vorübergehend bezeichnet und mit der Überlastung wegen der hohen Zahl an Kommentaren begründet. Manchmal geschieht die Schließung ohne den Zusatz “vorübergehend” und auch mal ganz ohne Angabe von Gründen.

Was aber für Leser nicht nachvollziehbar ist: Oft wird die Kommentierung geschlossen, obwohl nur wenige oder teilweise gar keine Kommentare vorliegen.

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Und auch bei harmlosen Themen, wie “Ruhrpott-Identität in Selfies” im Rahmen der ARD-Themenwoche Heimat wurden die Kommentare nach nur einem Kommentar am Morgen nach Veröffentlichung des Beitrags geschlossen. Liegt hier wirklich eine “Überlastung” vor?

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Hier muss man aufpassen. tagesschau.de schließt die Kommentierung von Beiträgen nämlich schon acht Stunden nach Veröffentlichung. Ja, genau. Nach acht Stunden ist programmgemäß Schicht im Schacht mit der Meinungsfreiheit. Das ist so vorgesehen, um die Moderation zu erleichtern und schon lange gängige Praxis. In einer FAQ-Sektion aus dem Jahr 2010 heißt es:

Meldungen lassen sich momentan nur am Tag der Veröffentlichung (normalerweise: 8 Stunden) kommentieren. Nach unseren Erfahrungen werden 95% aller Kommentare am ersten Tag abgegeben. Manchmal ist eine Meldung bei den Kommentatoren so umstritten, dass sich die Moderation vorbehält, die Kommentarfunktion für diese einzelne Meldung abzuschalten, weil sie sonst mit dem Moderieren nicht mehr nachkommt. Dies kommt aber selten vor.

“Selten” kommt dies mittlerweile nicht mehr vor. Vielmehr ist das vorzeitige Schließen von Kommentarfunktion bei Tagesschau.de bei vielen Beiträgen täglich zum Normalzustand geworden. Undurchsichtig ist die Praxis zudem, weil manchmal die Schließung der Kommentar nicht explizit von der Moderation verkündet wird, in anderen Fällen aber doch. Es herrscht ein rechtes Ducheinander.

Ende vergangenes Jahr hat die tagesschau.de-Redaktionsleiterin Christiane Krogmann angekündigt, die Art und Weise wie bei tagesschau.de kommentiert werden kann zu überdenken. Wegen der Flut an bedenklichen Kommentaren zu Reiz-Themen, wie Ukraine oder jetzt Flüchtlingen, überlege man, die Kommentierung auf bestimmte Themenfelder zu bündeln, wie es die Süddeutsche Zeitung mit ihrem Online-Angebot vormacht.  Umgesetzt wurde dies bisher nicht.

Auf Nachfrage beim NDR, warum in vielen Fällen Kommentierungen bei tagesschau.de vorzeitig geschlossen werden, hieß es: “Bei Themen, die in der Bevölkerung sehr intensiv diskutiert werden – wie derzeit die Flüchtlingspolitik – bekommt tagesschau.de allerdings extrem viele Rückmeldungen, im Moment oft mehr als 2.000 täglich. Die polarisierende Wirkung dieser Themen ist der Redaktion bewusst, deshalb legt sie Wert auf eine sorgfältige Moderation, für die sie sich die notwendige Zeit nimmt.”

Außerdem sei die Redaktion von tagesschau.de an Wochenende nicht so stark besetzt wie während der Woche. Daher bündele die Redaktion am Wochenende die Kommentarfunktion mehrerer Artikel zu einem Thema in einem Artikel.

Für Leser ist dies nicht nachvollziehbar. Die Kommentarspalten werden genauso im Laufe der Woche frühzeitig geschlossen wie an Wochenenden. Dass die Kommentarfunktion mehrerer Artikel zu einem Thema in einem Artikel zusammenführt wird, ist auf der Seite nicht ersichtlich. Auf nochmalige Nachfrage konnte der NDR auch kein Beispiel nennen, wo eine solche Zusammenführung der Kommentare stattgefunden haben soll. Macht man es sich mit dem schnellen Schließen der Kommentarspalte bei tagesschau.de und der kurzen Öffnungszeit der Kommentarspalten (vor allem wenn Beiträger nachts online gestellt werden) nicht vielleicht ein bisschen zu leicht?

Mit dem Problem, eine riesige Menge an Kommentaren prüfen und moderieren zu müssen steht die Redaktion von tagesschau.de nicht alleine da. Das betrifft jedes Medium, das auf seinen Onlineseiten Kommentare zulässt. Die intransparente und restriktive Art und Weise, wie Kommentare bei tagesschau.de derzeit gehandhabt werden, lädt einige Zeitgenossen aber zu den immer wieder gehörten Vorwürfen von “Zensur”, “Meinungsunterdrückung” und “Lügenpresse” ein.

Einfach nur zu erklären, man sei überlastet und die Kommentarspalten zu schließen, ist da womöglich keine sinnvolle Lösung. Noch im Juli dieses Jahr sagte “Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke, “im Prinzip” sei die “Tagesschau”-Redaktion interessiert am Dialog und “im Moment” sei man an einer “breiten Diskussion auf unserer Plattform interessiert”. Die Kommentare zu dem Beitrag sind natürlich geschlossen.

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