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„Krieg ist simpel“: Das beeindruckende ZDFneo-Experiment „Plötzlich Krieg?“

Inszenierte Krise mit ungewissem Ausgang: ZDFneo-Moderator Jochen Schropp, Gruppendynamik-Experte Christopher Lesko

Im Oktober startet bei ZDFneo ein außergewöhnliches Experiment: Zwölf Teilnehmer werden – ohne dass sie etwas davon ahnen – gezielt in eine kriegsähnliche Situation geführt. Mit „Plötzlich Krieg? – Ein Experiment“ beweist der Nischensender gleich auf mehreren Ebenen Mut und Innovationsfreude – und offenbart gleichermaßen, wie erschreckend schnell Aggressionen und Fremdenfeindlichkeit entstehen.

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„Es gibt drei Schlüsselfaktoren für Krieg: 1. Wir sind die Guten, 2. Die da sind die Bösen und 3. Die nehmen uns etwas weg“, erklärt Konflikt-Experte und Trainer sowie Ausbilder für Gruppendynamik Christopher Lesko, zugleich Autor bei MEEDIA: „Krieg ist simpel.“ Jochen Schropp, Moderator des neuen ZDFneo-Formats „Plötzlich Krieg – Das Experiment“ sieht in dem Social-Factual-Format den Versuch aufzuzeigen, wie einfach sich Menschen in Gruppen manipulieren lassen, wie schnell eine Situation eskalieren kann, wenn es dazu kommt, dass sich zwei Gruppen gegenseitig bekriegen. Die verantwortliche ZDF-Redakteurin Nicole Sprenger sagt: „Es geht aber auch um die Frage, ob und wie man sie wieder versöhnen kann.“

Für ein solches Experiment sei ein öffentlich-rechtlicher Nischensender wie ZDFneo besonders geeignet, findet Senderchefin Simone Emmelius. Denn hier könnten hochaktuelle Themen wie Ausgrenzung und Krieg für eine junge Zielgruppe aufbereitet werden, für diejenigen, die Nachrichtensendungen oder Dokumentationen oftmals ganz bewusst umschiffen. „Wir haben als öffentlich-rechtlicher Sender die Kompetenz, mit solchen schwierigen Themen sorgfältig umzugehen.“

In wenigen Schritten zur Eskalation

Grundlage für die Sendung war das Robbers-Cave-Experiment von Muzaffer Serif aus den 1950er Jahren, doch im Gegensatz zu damals befinden sich die Teilnehmer heute nicht in der Nachkriegszeit, sie sind erwachsen – nicht wie im Original 11-jährige Jungs – und alle haben natürlich eine hohe mediale Erfahrung. Das heißt sie könnten viel eher vermuten, dass sie manipuliert werden. „Somit war das alles ergebnisoffen“, sagt Christopher Lesko.

Tatsächlich wussten die Teilnehmer im Vorfeld nicht, was sie erwartet. Zwei Teams, Team Rot und Team Blau, à sechs Personen wurden für fünf Tage in zwei Camps von der Außenwelt abgeschnitten, rund um die Uhr beobachtet und unter Anleitung von Christopher Lesko gezielt in Konfliktsituationen gebracht. Unter anderem mit Hilfe von Maulwürfen innerhalb der Gruppen wurden bewusst Konkurrenz, Missstimmung und Aggression geschürt. Gemeinsam mit Jochen Schropp analysiert Lesko außerdem die Geschehnisse in den beiden Camps, Schropp stellt dabei stellvertretend für das Fernsehpublikum Fragen und lässt sich die wissenschaftliche Sichtweise erklären.

Christopher Lesko wendet während der fünf Tage alle drei Schlüsselfaktoren für Krieg an: Im ersten Schritt wird das Wir-Gefühl der einzelnen Teams gestärkt, sie bauen Vertrauen durch Erfolge in Gemeinschaftsspielen auf und werden auch vom Moderator immer wieder als „Team“ angesprochen. Schnell finden sie jedoch heraus, dass es noch eine zweite Gruppe gibt und sogleich entstehen erste Angstgefühle. Die anderen werden beinah unmittelbar als Gegner wahrgenommen, Schlachtrufe entstehen („Team Rot ist tot“) und sie fassen den Entschluss: „Wir müssen als Gruppe auftreten, die sollen schon Angst bekommen, wenn sie uns sehen.“ Die Gruppenrivalität sowie das Gefühl, die anderen seien böse, sind sofort greifbar.

Zügig geht es in die zweite Phase: Team Blau nimmt Team Rot das Essen weg – zumindest wird es so dargestellt. Die Stimmung wird deutlich aggressiver („Die Arschlöcher, „Das gibt Rache“), was im ersten Spiel der beiden Teams gegeneinander noch geschürt wird: Wieder gewinnt Team Blau, wieder wurde von den Produzenten manipuliert – und der Frust bei den Roten steigt und steigt; der Zuschauer spürt deutlich, wie angespannt und nahezu bedrohlich die Atmosphäre wird. Obwohl es tatsächlich um kaum etwas geht – es gibt keinen Geldpreis für den Gewinner und sie spielen auch nicht, wie zum Beispiel im Dschungelcamp, um Nahrung.

Beim nächsten Spiel offenbart sich: Die zwölf Teilnehmer werden von ihrer Wut beherrscht und stehen ihren Gegnern offen feindlich gegenüber, ein Team hat Kriegsbemalung im Gesicht. „An dieser Stelle waren sie komplett mit ihren Emotionen beschäftigt“, erklärt Christopher Lesko während der Sendung im Gespräch mit Jochen Schropp. Wenn Gefühle die Steuerung übernehmen, könne es ganz schnell zur Eskalation kommen – dies sei durchaus beängstigend. Im dritten und letzten Spiel, das vielsagend „Gemetzel“ heißt, kommt es zur geplanten „Eskalation“ und erst ganz am Schluss des Experiments finden die Friedensverhandlungen statt. „Ich war beeindruckt, wie man zwei Teams von Menschen, die sich vorher nicht kannten, in kürzester Zeit in eine Art Kriegszustand versetzen kann“, so Jochen Schropp.

Sender und Produktion legen alle Schritte offen

Doch nicht nur Team Rot und Team Blau waren stark angespannt, auch die seelische Belastung hinter den Kulissen sei enorm gewesen, berichtet Executive Producerin Inga Kling (Doclights GmbH): „Wir standen von der ersten Minute bis zur letzten unter Strom und an ernsthaften Schlaf war auch nicht zu denken. Wir wussten ja nicht, was passiert.“ Erst in der letzten Szene sei die Anspannung abgefallen – und auch die eine oder andere Träne geflossen.

Eine weitere Besonderheit dieses Formats ist dabei: Der Zuschauer wird auch davon Zeuge – denn das Fernsehteam ist ebenfalls Teil des Experiments. Besprechungen und Konferenzen werden gesendet, jeder Schritt komplett transparent offengelegt. So wird auch gezeigt, wie die Show-Elemente in Form der Duelle zwischen den Teilnehmern gezielt zur Manipulation eingesetzt werden, wie auch bei anderen Reality-Formaten. „Die Spiele dienen zielgerichtet der Eskalation und sind gleichzeitig Teil des wissenschaftlichen Experiments“, erklärt Simone Emmelius. Gleichzeitig erkenne der Zuschauer durch diese Show-Elemente, wie Sendermechanismen bei der Produktionen solcher Unterhaltungsformate funktionieren.

Erschreckende Parallelen zur Flüchtlingsdebatte

Der Vergleich zur aktuellen politischen Lage in Deutschland liegt auf der Hand – was das ZDFneo-Format umso wertvoller macht: Bei vielen „besorgten Bürgern“ in der Flüchtlingsdebatte greifen genau diese Mechanismen: Wir sind die Guten, das sind die Bösen und die nehmen uns etwas weg. Hierbei ließe sich vor allem beobachten, dass die Menschen nicht mehr miteinander sprechen, erklärt Christopher Lesko. Emotionen müssten bewegt werden – und dies sei auch die Aufgabe von Fernsehen. Das Format solle der Aufklärung dienen und dazu anregen zu hinterfragen, ob „die Wirklichkeit, die wir empfinden auch das ist, was real passiert“, so Lesko.

„Plötzlich Krieg? – Ein Experiment“ läuft am 27. und 28. Oktober um jeweils 21.45 Uhr bei ZDFneo.“

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