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Medienwissenschaftler Pörksen kontert Nuhr-Kritik: „Wir müssen lernen, den Shitstorm zu lesen“

Nicht lustig: Bernhard Pörksen (li.) widerspricht Dieter Nuhr

Von wegen digitales Mittelalter: Seit dem vergangenen Freitag diskutiert das Web über die Shitstorm-Abrechnung von Dieter Nuhr. In der FAZ hatte der Kabarettist geschrieben, dass die Web-Wut „die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts“ sei. Dieser Kritik widerspricht Bernhard Pörksen. Der Medienwissenschaftler erklärt, dass sich in den kollektiven Empörungsstürmen „große gesellschaftliche Fragen zeigen“.

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Im Interview mit der dpa plädiert der Tübinger Professor („Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ und „Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung“) dafür, dass in der Betrachtung der Web-Empörungswellen einfach die Beleidigungen wegstreicht und vielmehr versucht werden solle zu ergründen, welches gesellschaftliche Thema dahinterstehe.

Dieter Nuhr warnt davor, dass wir uns mit den Shitstorms auf dem Weg zurück ins Mittelalter befänden. Wie sehen Sie das?
Ich halte die pauschale Shitstorm-Kritik der letzten Tage für falsch. Man sieht hier, dass sich der Ausdruck zu einem Kampfbegriff entwickelt hat – ähnlich wie Cybermob ein Schlagwort zur pauschalen Diffamierung der Netzszene. Hier zeigt sich, bei aller berechtigten Empörung über eine ungehemmte Aggression, eben auch eine Publikumsverachtung, die nur die Fronten verhärtet.

Was für einen Wert soll ein Shitstorm denn haben?
In einem kollektiven Empörungssturm können sich große gesellschaftliche Fragen zeigen. Man denke nur an die sogenannte Aufschrei-Debatte – hier ging es um den alltäglichen Sexismus gegenüber Frauen. Man denke nur an die Proteste gegen Markus Lanz – hier ging es um die äußerst relevante Frage: Wie viel Privatfernsehen vertragen die öffentlich-rechtlichen Medien? Ich sage daher: Wir brauchen heute kulturell die Fähigkeit, diese Formen des ungefilterten Protests gleichmütiger zu interpretieren. Wir müssen lernen, den Shitstorm zu lesen, ihn zu dechiffrieren.

Es gibt aber doch auch den Shitstorm, der einfach nur den Charakter eines Prangers hat.
Natürlich, es gibt die böse Attacke, die enthemmte Aggression. Aber eben auch den berechtigten Protest, den man nicht vorschnell abwerten sollte. Die Debatte der vergangenen Tage zeigt, dass es im Grunde genommen einen verborgenen Kulturkampf gibt zwischen den vernetzten Vielen, die im Netz protestieren, und denjenigen, die sich in den klassischen Medien artikulieren.

Was meinen Sie mit Kulturkampf?
Nun, wir befinden uns in einem bedeutsamen Moment des Medienwandels – auf dem Weg von der Mediendemokratie der klassischen Leitmedien hin zur Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Hier verlieren die traditionellen Machtzentren und publizistischen Monopole an Einfluss. Und auf einmal kann sich jeder zuschalten. Und am Ende des Tages empören sich schließlich alle wechselseitig – eben über die Empörung der jeweils anderen Seite. Genau so ist es passiert.

Wenn ich Sie richtig verstehe, raten Sie dazu, bei einem Shitstorm die Beleidigungen gleichsam in Gedanken wegzustreichen und zu ergründen, welches gesellschaftliche Thema dahintersteht?
Ganz genau. Man denke nur an einen Shitstorm, der sich gegen ein Unternehmen richtet: Hier zeigen sich oft brisante, manchmal einfach berechtigte, in jedem Fall ökonomisch hochrelevante Wertkonzepte von Konsumenten und Kunden. Man will kein Greenwashing, man möchte keine Heuchelei, man ist gegen ungerechte Arbeitsbedingungen. Das alles mag dann scharf und übermäßig aggressiv formuliert sein. Und doch: Wir brauchen für den gesellschaftlichen Dialog die Figur des Shitstorm-Interpreten, der die Frage stellt: Was steckt dahinter? Welchen aufklärerischen Sinn hat die scheinbar sinnlose Empörung?

Für die dpa führte Christoph Driessen das Gespräch

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