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Zeit-Titel „Alles Lügen?“: der Vertrauensverlust der Medien und die Mitschuld der TV-Satiriker

Die Verleger machen's möglich: Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo darf in diesem Sommer acht Wochen ausspannen

Alles Lügen? In ihrer Titelgeschichte wendet sich Die Zeit in dieser Woche der Frage zu, warum so viele Menschen den Berichten der großen Medien nicht mehr glauben. Natürlich liefern auch die Hamburger keine umfassende Antwort. Dafür aber viele klugen Gedanken und ein paar Lösungsvorschläge. Angereichert wird das ganze dann noch mit einem Schuss Selbstkritik.

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Als Ort für die große Mediendebatte wählte Chefredakteur Giovanni di Lorenzo nicht das Feuilleton oder den Gesellschaftsteil, sondern das Politik-Ressort. Allein das ist wohl ein Statement. Inhaltlich liefert seine Redaktion dann – zumindest auf den ersten Blick – Erwartbares. Ein Interview mit der ARD-Korrespondentin Golineh Atai über Beschimpfungen und Morddrohungen und ein Essay von Bernhard Pörksen, der endlich verbindliche Regeln fordert, damit „die Pöbeleien im Netz“ nicht „alle Debatten ersticken“.

Herzstück des Titels sind aber vor allem zwei Elemente: eine repräsentative Umfrage und ein Essay von Götz Hamann. Die Befragung kommt zu dem Schluss, dass nur noch vier von zehn Deutschen „sehr großes“ oder „großes“ Vertrauen in die Politik-Berichterstattung hätten. Tendenz sinkend.

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In seinem lesenswerten Essay stellt Hamann dann fest, wie schnell es mittlerweile im Netz zu „regelrechten Empörungsrauschen“ kommt, die sich wiederum immer häufiger gegen Journalisten richten. Nach Ansicht von Hamann ist der Journalismus tatsächlich besser als sein Ruf. So hätten viele Redaktionen trotz Anzeigen- und Auflagenkrise in Qualität und investigatives Personal investiert. „Wahr ist aber auch, dass Journalisten in den vergangenen Jahren in entscheidenden Momenten versagt haben“, schreibt er. Als Beispiel nennt er den Einmarsch der US-Truppen in den Irak 2003 oder die Wirtschaftsberichterstattung vor der Finanzkrise 2008.

Der Zeit-Mann meint, dass diese Fehler aus der Vergangenheit nachwirken und den Glauben an die Medien unterwandern würden. „Aber es sind nicht nur alte Fehler, die das Vertrauen schwinden lassen, es kommt noch etwas anderes, Gegenwärtiges hinzu: die tägliche Skandalisierung“. Zu recht merkt Hamann auch an, dass es „paradoxerweise eine maßlose Lust am Skandal“ gibt, zugleich aber auch „eine weit verbreitete Enttäuschung über die Medien, die diese Lust bedienen“.

Neu an der Analyse ist, dass Die Zeit den TV-Satirikern ebenfalls eine gewisse Mitschuld am Vertrauensverlust einräumen. „Medien sind bei den satirischen Welterklärern längst fester Bestandteil jener Elite, die unter Generalverdacht steht“. Immer treibt Welke & Co. „nur die Lust am Skandal“. Zudem befriedigen sie „den simplen Wunsch“ ihres „Publikums nach einer moralisch klar geordneten Welt“.

An dieser Stelle dürfte bei einigen Medienkritikern jedoch ein gewisser Reflex einsetzen. Zeit-Journalisten und TV-Satire? War da nicht mal was? Na klar! Herausgeber Josef Joffe und Jochen Bittner streiten sich noch immer juristisch mit der ZDF-„Anstalt“. Auch dieser Fall wird in der Titelgeschichte aufgearbeitet. Nicht, ohne ganz klar für die Redaktions-Kollegen Stellung zu beziehen.

Am Ende seiner Analyse ruft Hamann seinen Kollegen zu: „Für Journalisten heißt das: Übertreibt es nicht. Eure Rolle hat sich verändert. Früher waren die Journalisten für die Skandalisierung zuständig, sie mussten sich öffentlich empören, weil es sonst niemand tat. Heute findet die Empörung ohne sie statt“. In den sozialen Netzwerken.

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Im Zuge des aktuellen Aufmachers rudert die Zeit auch bei einer anderen Titelgeschichte kräftig zurück. So thematisiert Hamann noch einmal die vielen Beschwerden, die auf die Redaktion einprasselten, weil man sich in Hamburg dazu entschieden hatte, direkt nach der Germanwings-Katastrophe, mit „Absturz eines Mythos“ aufzumachen. Die Lufthansa-Story sei aus dem Impuls heraus entstanden, bei einem Großereignis das zu tun, „was man als Journalist gelernt hat“, schreibt er: „schnell zu berichten“. Dabei hätte die Redaktion jedoch die falsche Richtung eingeschlagen. „Ungeschehen machen konnte die Zeit ihre Titelgeschichte nicht“.

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